Unterhalb der Oberfläche

„Selbst wenn ich wüsste, dass ein Mensch einen wunderbaren Charakter hat, würde ich ihn nicht daten, wenn die Zähne faulen. Denn dann kann der Charakter doch nicht so toll sein, wenn es nicht mal zum Zähne putzen reicht“, sagte Lena in ihrer bekannten Deutlichkeit und Lautstärke. Ein paar Leute in der U-Bahn drehten sich prompt um und sahen sie vorwurfsvoll an, was Lena natürlich ziemlich egal war. Sie war hübsch herausgeputzt, wie auch Ole, Ben, Sora und ich, denn heute wollten wir fünf auf dem Kiez feiern gehen. Aber erfahrungsgemäß machten das nicht alle Feiernden.

„Na ja, faulende Zähne ist eine Sache, die Kleidung eine andere. Nur weil jemand keinen Wert auf besonders schicke Kleidung legt, heißt das ja nicht, dass jemand hässlich oder ein schlechter Mensch ist. Es ist ihnen nur einfach nicht so wichtig“, meinte Ole.

„Es gibt doch immer wieder diese Typen, die sagen, ihnen sei ihr Aussehen egal. Aber selbst mit dieser Haltung gibt man immer auch ein Statement ab. Egal was du trägst oder nicht: Du vermittelst damit etwas“, sagte Lena und ich nickte zustimmend.

Hier ging es nicht um die Frage, ob es Markenkleidung sein muss oder nicht. Sondern einfach um den Fakt, dass manche Menschen keinen Wert auf ihr Aussehen zu legen scheinen – und das auch nach außen vermitteln. Sie wollen also wahrgenommen werden als jemand, für den es wichtigere Dinge als Kleidung gibt. Aber wenn sie uns doch genau das sagen wollen, ist es doch auch fair, sie in eine Schublade zu stecken. Oder?

„Der Mensch braucht ein Schubladendenken, davon bin ich überzeugt. Unsere Vorfahren mussten früher in Millisekunden entscheiden: Freund oder Feind? Gut oder böse? Und genau so machen wir das heute auch“, meinte Ben, der heute ein ziemlich teuer aussehendes Hemd trug, das seiner Armmuskulatur schmeichelte – und offensichtlich als Freund wahrgenommen werden wollte. Aber erhöhte das auch seine Chancen, bei jemandem zu landen?

Tatsächlich zog er auf der Tanzfläche schnell diverse Blicke auf sich, was Lena etwas irritierte, da sie sonst im Mittelpunkt stand. Aber als sich ein Kerl von der Seite vorsichtig an Ben heran tanzte, rief sie mir über die pulsierende Musik zu: „Ich wette mit dir, da geht noch was!“ Und sie sollte recht behalten: Aus vorsichtigem Tanz nebeneinander wurde ziemlich schnell intensives Rumzappeln miteinander – inklusive tanzender Zungen. Anscheinend hatte Ben seinen Gegenüber in eine Schublade gesteckt, die das rechtfertigte.

Ole und Sora nahmen davon wenig Notiz, denn auch die beiden waren ineinander vertieft und glücklich, Zeit miteinander zu verbringen – die beiden schienen die Schubladen, in die sie sich gesteckt hatten, noch immer für gerechtfertigt zu erachten.

Und Lena und ich? Wir hatten irgendwann genug von der Tanzfläche, ließen die beiden Zweiergruppen alleine zurück und gingen stattdessen an die Bar.

„Jetzt hast du dich heute so hübsch gemacht und bisher hat dich noch keiner angemacht“, sagte ich zu ihr und stupste sie in die Seite.

„Das ist in diesem Club jetzt nicht so verwunderlich“, sagte Lena lächelnd und ließ ihren Blick über die Menge schweifen. „Aber du hast schon recht: Man erkennt die Arschlöcher nicht an ihrem Aussehen, siehe das Beispiel Phil. Und der Kerl, mit dem sich Ben gerade vergnügt, kann sich genauso als Vollidiot herausstellen. Und doch bin ich ehrlich: Ich lasse mich lieber von einem hübschen und gut gekleideten Blödmann verarschen als von einem hässlichen.“

Ein schönes (und unterflächliches) Wochenende wünscht euch,

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf mittelhessen.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.

 


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