Vollidioten und andere Männer

Von Phil hatte sie sich vor etwas mehr als einem Monat getrennt. Und jetzt wollte sie sehen, was der Hamburger Datingmarkt sonst noch zu bieten hatte. 
Doch der Datingmarkt ist wie ein Wühltisch während des Schlussverkaufs: Mit etwas Glück kann man ein richtiges Schnäppchen machen, bei dem das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Wenn man aber nicht aufpasst, gerät man an ein Mängelexemplar. Und genau so eines schien Lena aus dem Wühltisch gezogen zu haben. 
„So ein Vollpfosten!“, zeterte sie, während wir den Park betraten. Der Eppendorfer Park lag direkt gegenüber des Hamburger Universitätsklinikums. An sonnigen Tagen wie heute tummelten sich hier Kinder mit ihren Vätern, die Fußball auf dem Rasen spielten, und Frauchen mit ihren Hundchen. Lena und ich hingegen wollten uns ein wenig in der Sonne aalen und den Beginn der vorlesungsfreien Zeit genießen (die wurde gerne auch Semesterferien genannt, aber von Ferien konnte man bei den Hausarbeiten, die es zu schreiben galt, nicht sprechen).
Als wir unsere Picknickdecke ausgebereitet hatten, begann Lena zu erzählen. Sie hatte sich mit einem Kerl getroffen, sie waren zusammen was trinken gegangen und hatten sich danach jeden Tag geschrieben. Bis er sich plötzlich einfach nicht mehr gemeldet hatte.
„Ich bin alle Nachrichten durchgegangen, die ich ihm geschrieben habe. Wirklich alle! Und ich schwöre, ich habe nichts geschrieben, was auch nur ansatzweise begründen könnte, warum er sich nicht mehr meldet. Und nachdem ich jetzt zwei unbeantwortete Nachrichten geschrieben habe, bin ich es leid“, sagte sie trotzig. 
„Vielleicht hat er eine andere kennen gelernt und sagt es dir nicht, um dich nicht zu verletzen“, schlug ich vor.
„Ach, verletzen!“ Lena machte eine abwertende Handbewegung. „Als ob mich sowas verletzten könnte! Es regt mich einfach nur auf. Was erlaubt der sich eigentlich?“
Ich nickte, auch wenn meine Vermutung eine etwas andere war: Lena hatte ein Problem damit, plötzlich alleine zu sein. Die Umstellung vom Paar-Dasein zum Single-Dasein war nicht immer einfach, selbst wenn der Ex genervt hatte. 
„Was machst du jetzt?“, fragte ich und Lena zuckte mit den Schultern.
„Weitermachen. Wie immer. Ich suche ja nicht gleich wieder was Festes, sondern möchte einfach nur meinen Spaß haben. Und ich bin mir sicher, dass irgendein Kerl in Hamburg ähnliche Interessen hat.“ Nun machte sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht breit und fast hätte man glauben können, dass sie schon einen Plan hatte. Ich sah sie fragend an.
„Ich suche einen Friend with benefits.“ Übersetzt hieß das: Einen Kerl, mit dem man gemeinsam fernsehen und Sex haben konnte, der aber danach wieder artig in sein eigenes Bett verschwand. 
„Und wie genau findest du den? Schaltest du eine Anzeige?“, fragte ich. Lena musste lachen. 
„Ich habe da schon jemanden in Aussicht. Aber ich muss mich da erst noch einmal vortasten.“ 
Als ich mich später am Tag wieder auf den Heimweg machte, dachte ich über das nach, was Lena gesagt hatte. Sie war eine toughe, emanzipierte Frau, die sich von keinem Mann etwas sagen ließ. Und doch suchte sie jemanden. Ob nun für etwas Festes oder für etwas weniger Festes sei nun einmal dahingestellt. Vielleicht war der Mensch nicht nur ein Herdentier, sondern auch ungern alleine. Und da freute er sich, wenn mit dem Alleinsein gebrochen wurde – wenn auch nur temporär (und horizontal). 
Ich selbst war auch nicht gerne allein – weshalb ich auf dem Heimweg Ole anrief. Er hatte beim Picknick mit Lena keine Zeit gehabt, weshalb ich ihn telefonisch auf den neusten Stand bringen wollte. Im Bus war es ziemlich voll, aber ich hatte mir extra ein Headset gekauft. Mit dem kleinen Knopf im Ohr, der sich via Bluetooth mit meinem Handy verständigte, konnte ich telefonieren und hatte dabei beide Hände frei. Ziemlich praktisch, wenn man im Bus nur einen Stehplatz hatte und sich festhalten musste.
„Hi Ole, alles klar bei dir?“, begann ich das Gespräch. Nach einigen Sekunden merkte ich jedoch, dass mich eine ältere Frau nicht weit von mir entfernt seltsam anblickte. Ich ignorierte es, redete weiter mit Ole und erzählte ihm von Lena, als ich plötzlich die ältere Frau zu ihrer Nachbarin sagen hörte: 
„Die Jugend von heute… Die führt sogar Selbstgespräche. Sind die so allein?“
Ich musste grinsen und hätte gerne mit einem ‚Nein‘ geantwortet. Die Jugend von heute war nicht allein. Und wenn sie sich einsam fühlte, konnte sie das schnell ändern. Denn der nächste Gesprächs- oder Sexualpartner war nicht weit entfernt. Manchmal sogar nur einen Tastendruck.
Ein schönes (und schnäppchenreiches) Wochenende wünscht euch,
Alexander
Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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