Warten auf das Ende des Wartens

Ich beantworte E-Mails an der Supermarktkasse, in der Schlange vor dem Club tratsche ich mit meinen Freunden, an der Bushaltestelle lese ich und in der Mensa tippe ich SMSen. Zumindest meistens. Denn schreibt doch mal SMSen, wenn ihr ein Tablett in den Händen haltet. Oder lest bei Regen an der Bushaltestelle in einem Buch. Doch trotz all meiner Bemühungen muss auch ich als Multitasker und Zeit-Optimierer gestehen: Ja, auch ich verbringe sinnlose Zeit mit Warten. Besonders schlimm ist es dann, wenn ich beim Warten warte.

 

Wenn ich an der Supermarktkasse stehe und keine neuen E-Mails beantworten kann. Wenn ich vor dem Club stehe und auf meine Freunde warte. Man kommt um das Warten nicht herum. Aber besonders nervenaufreibend ist es dann, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht und man zum (ab-)warten verdonnert wird. Wenn der Partner sagt: Lass mich mal drei Tage in Ruhe. Was will man dann diese Tage dringend tun? Genau – ihn sehen.


„Tja, ist er halt selbst dran schuld“, sagte Lena. Sie hatte Phil, ihrem Drei-Tage-Wartenlassen-Kerl, eine Auszeit verdonnert, nachdem er sie letzte Woche gleich zwei Mal um eine halbe Stunde versetzt hatte. „Mich lässt man nicht warten! Und schon gar keine halbe Stunde vor seiner Haustür! Zwei Mal! Nur weil er meint, noch schnell eine Runde joggen zu gehen, die dann in einen Halbmarathon ausartet.“ Kurzerhand ließ sie jetzt auch Phil warten.


 „Mir geht es gar nicht um diese blöde halbe Stunde. Sondern darum, versetzt worden zu sein. Er schreibt mir doch sonst auch ständig SMSen, dann kann er sich auch mal melden.“ Wie auf Kommando fing ihr Handy zu surren an.
„Da, siehst du? Phil: ‚Können wir uns nicht doch schon heute Abend sehen?‘ Wenn ich sage, dass wir drei Tage keinen Kontakt haben, dann meine ich das genau so, verdammt!“ Böse dreinblickend nahm sie ihren Cocktail in die Hand und trank ihn in einem Zug halb leer.


„Aber bist du nicht vielleicht zu streng mit ihm? Wenn er durch die Gegend joggt, guckt er vielleicht nicht auf die Uhr“, ergriff ich ein wenig Partei für Phil, weil mir Lenas Vorgehen etwas überzogen vorkam.
„Ja, das dachte ich beim ersten Mal auch. Aber beim zweiten Mal hat es mir gereicht. Man muss ja nicht alles mit sich machen lassen.“ Das klang nach dunklen Wolken am rosaroten Himmel.


Aber vielleicht hatte Lena Recht. Wir verbrachten so viel unnötige Zeit mit Warten, dass wir dann, wenn es nicht nötig war, ziemlich genervt sein konnten. Glücklicherweise war Ole relativ selten genervt und mir auch nicht böse, als ich ihn kurz danach vor dem Abaton-Kino nahe der Uni fünf Minuten warten ließ.
„Sorry, ich habe meinen Bus verpasst“, rief ich ihm gehetzt zu. Ole winkte ab. 
„Kann ja mal passieren. Nicht schlimm, ich habe derweil die Menschen beobachtet.“ Er deutete vage auf die vorbeilaufende Meute. „Wirklich spannend, über was die so reden. Eine hat gerade ihrem Mann erzählt, dass sie noch nie Brezeln gegessen hat. Ich fand das super spannend – wer hat denn noch nie in seinem Leben Brezeln gegessen?“


Vielleicht ist nicht das Warten an sich das Problem, sondern die Bewertung dessen. Wenn man das Warten als kleine Forschungsexpedition versteht, um die Menschen in seiner Umgebung zu beobachten – ist es dann wirklich noch sinnlose Zeitverschwendung? Denn wann nehmen wir uns denn einmal die Zeit, um die Menschen in unserer Umgebung näher zu beobachten? Nicht dann, wenn wir mit Kopfhörer im Ohr an der Bushaltestelle E-Mails beantworten oder ein Buch lesen. Sondern wenn wir Zeit haben – beim Warten beispielsweise. Doch darauf muss man sich einlassen, Geduld mit sich selbst haben. Die hat Ole. Ich leider noch nicht. Denn als wir an der Schlange der Kinokasse standen, zog ich automatisch mein Handy heraus und antwortete Lena auf eine SMS. Ich wollte ja keine Zeit mit Warten verschwenden.


Ein schönes (und unerwartetes) Wochenende wünscht euch,
Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2013
Kommentare (0)
Mehr aus Alexander in der midde