Was die Zukunft bringt

„Da kannst du dir aber sicher sein“, sagte Lena und süffelte ihren Wein. „Aber wie kommst du darauf?“
„Ich war für heute Abend einkaufen, und eine Omi brauchte Hilfe mit dem Einkaufswagen. Sie hatte Probleme, den Chip in den Wagen zu stecken. Als ich ihr gezeigt hatte, wie das geht, hat sie mich zugetextet und mir von ihren Enkeln erzählt, die etwas in diesem Internet machen.“
„Und da hast du dich gefragt, wie wir als Rentner so drauf sind?“, fragte Ole, und ich nickte.
„Wir werden bestimmt total coole Opis und Omis, richtig aufgeschlossen und liberal. Unsere Generation hat doch so viele Entwicklungen mitgemacht – was soll uns noch schocken?“, sagte Ben.

Damit hatte er durchaus recht. Wir waren politisch korrekt, liberal gegenüber den vermeintlichen Andersartigkeiten eingestellt und inmitten einer digitalen Welt aufgewachsen. Was sollte da noch Großes kommen und uns überraschen?  Da waren es eher die Kleinigkeiten, die uns verwunderten. Etwa Ole, der zu unserem heutigen Treffen in Lenas Wohnung seine Freundin Sora mitgebracht hatte. Ja, richtig gelesen, Ole war nun mit Sora zusammen – obwohl sie in zwei Wochen nach Frankfurt am Main ziehen würde.

Anders als Lenas Ex-Freund Phil war Sora ein äußerst angenehmer Gesprächspartner – sie redete, ohne ständig ihr Handy in der Hand zu haben, lachte viel und sah mit ihren zum Bob geschnittenen schwarzen Haaren mit pinkfarbener Strähne wirklich süß aus. Das wusste auch Ole, der über das ganze Gesicht grinste – auch wenn die Zeit ihrer räumlichen Trennung nahte.

„Aber meint ihr nicht, dass die Menschen bei der Erfindung der Glühbirne oder des Autos auch gedacht haben, dass da nichts mehr kommen kann? Und plötzlich surfen alle durch das Internet und verschicken unsichtbare Briefe“, sagte Sora. Anscheinend hatte ihr Ole bereits Nachhilfe in Sachen Internet gegeben, nachdem sie vor kurzem noch PDF-Dateien für Viren hielt.

„Glaubst du wirklich, dass die Sprünge so groß sein werden? Vielleicht werden die Handys kleiner, bis sie mal unter unsere Haut passen. Oder die Autos fahren mit Wasser. Aber noch mehr?!“, sagte Lena, doch ich spürte, dass auch sie sich nicht sicher war – wie konnte sie auch? Lena ließ ihren Blick aus dem Fenster schweifen, sprang plötzlich von ihrem Stuhl auf und rannte zu ihrem Wohnzimmerfenster. 
„Kommt mal her! Seht ihr den Kerl da? Ist der nicht heiß?“, rief sie uns zu. Ich erinnerte mich dunkel, dass sie uns einmal von einem Kerl im Nachbarhaus erzählt hatte. Im Haus gegenüber brannte in dem Zimmer, auf das Lena zeigte, Licht. Das musste er wohl sein.

„Nicht schlecht“, sagte Ben anerkennend, auch Sora schien angetan zu sein. Immerhin hing der Kerl gerade an einer Stange zwischen dem Türrahmen und machte Klimmzüge, bei denen man selbst aus der Ferne die Sehnen seiner Oberarme erkennen konnte.
„Wolltest du nicht irgendeinen Song anschmeißen, um ihn hier rüberzulocken?“, fragte Ole, und ich konnte sehen, wie es in Lenas Kopf ratterte.
„Ich weiß aber nicht mehr, welcher Song das war. Was aus Mozarts ‚Zauberflöte‘ jedenfalls nicht. Verdammt… jetzt fällt es mir partout nicht ein. Vielleicht träume ich ja heute Nacht davon und locke ihn morgen hierher. Dann sitzt er in der Falle wie eine Fliege bei einer fleischfressenden Pflanze.“

Wir alle mussten lachen, denn genau so war Lena. Und würde es wahrscheinlich auch noch in fünfzig Jahren sein, wenn wir alle gemeinsam im Altersheim und in nebeneinanderliegenden Zimmern wohnten. Vielleicht würde die Technik bis dahin doch noch riesige Sprünge machen, und wir telefonierten dann über unsere Gedanken oder fuhren in Autos ohne Benzinverbrauch. Sicher konnten wir uns nicht über die Zukunft sein. Aber es war doch ein schönes Gedankenspiel, was die Zukunft so mit sich bringen könnte. Und wenn es nur eine Nacht mit einem muskelbepackten Kerl von nebenan war.

Ein schönes (und vorausschauendes) Wochenende wünscht euch

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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