Weiser oder nur älter?

Ganz anders Lena. Sie hasst den Jahreswechsel, denn für sie ist er gleichbedeutend mit ihrem Geburtstag an Neujahr und das bedeutet: Sie wird ein Jahr älter.

„Ich hasse es, älter zu werden!“, schrie sie ins Telefon, als ich sie am Neujahrsmorgen anrief, um ihr schon einmal zu gratulieren – für den Abend planten Ben, Ole und ich einen Überraschungsbesuch bei ihr.
„Und was machst du heute so?“, fragte ich vorsichtig nach, in der Hoffnung, dass sie noch nicht verplant war.
„Das Telefon ausstellen und ,Sex and the City' schauen. Und damit fange ich jetzt an“, sagte sie und legte prompt auf.

Ja, so war Lena nun einmal: Nicht unbedingt die Freundlichkeit in Person, wenn sie ein Jahr älter wurde – und ich werde mich hüten, ihr Alter zu verraten. Und doch ignorierten wir Lenas Wunsch, in der Einsamkeit "Sex and the City" zu schauen, und besuchten sie. Zwar liefen wir alle damit Gefahr, die Wohnung nicht wieder lebend zu verlassen… aber was tat man nicht für seine Freunde?!

„Verschwindet!“, rief sie am Abend auch prompt über die Gegensprechanlage.
„Lena, wir haben drei Flaschen Wein dabei und die werden wir auch brauchen, wenn wir den unterdurchschnittlichen zweiten ,Sex and the City'-Film schauen wollen. Also mach jetzt die Tür auf“, entgegnete Ben mit einem ähnlich giftigen Ton. Einige Sekunden vergingen, bevor der Türöffner summte und Lena uns ins Haus ließ. An der Wohnungstür empfing sie uns mit verschränkten Armen und emporgezogenen Augenbrauen.

„Regel Nummer eins: Der Grund eures Besuchs wird nicht erwähnt. Regel Nummer zwei: Die Zahl, die hinter diesem Tag steht, wird nicht erwähnt. Und Regel Nummer drei: Keine Gratulationen! Ist das klar?“, sagte Lena mit schneidender Stimme. Wir ignorierten diese Ansprache und gingen einfach an ihr vorbei ins mollig warme Wohnzimmer.

„Und du guckst gerade die fünfte Staffel?“, sagte Ben und deutete auf die DVD-Hülle, die auf Lenas Sofa lag. Hätte sie von unserem Überraschungsbesuch gewusst, hätte sie sicherlich ein wenig aufgeräumt – so mussten wir uns neben die Chipstüte und die Schokoladentafel setzen.

„Ja, ‚Cover Girl‘ eine meiner Lieblingsepisoden. Da sagt Samantha auch sinngemäß, dass sie so lange Blowjobs geben wird, wie sie knien kann. Das entspricht in etwa meiner Einstellung zum Altern“, sagte Lena, und wir alle mussten lachen.
„Du weißt schon, dass die fünfte Staffel fast zwölf Jahre alt ist?“, ließ ich mein Wissen über TV-Serien heraushängen und handelte mir einen Schlag gegen meine Schulter von Lena ein.
„Kannst du dir bitte jeden Kommentar, der auf mein Alter hindeuten könnte, verkneifen? Für mich ist es so, als hätte ich die Folge erst gestern zum ersten Mal gesehen.“

Und irgendwie hatte Lena damit recht: Zwölf Jahre sind eine ziemlich lange Zeit, quasi mein halbes Leben. Und doch waren diese zwölf Jahre einfach so an mir vorbeigerauscht: Schwupps war ich in der Pubertät, nach einigen Irrungen und Wirrungen auch schon wieder raus, machte Abitur und studierte nun. Rückblickend betrachtet waren es keine 4383 Tage, die in den letzten 12 Jahren vergangen sind, sondern nur ein paar große und kleine Highlights, die meinen Lebenslauf füllen. Aber: Wo war der Rest hin?

„Sind wir schon so alt?“, fragte Ben plötzlich und hob schützend die Hände, um Lenas Schläge abzublocken. „Ich meine, wir sind mit ,Sex and the City' aufgewachsen. Was gucken denn die Pubertierenden heute?“
„Sowas wie ,Gossip Girl' vermute ich mal“, sagte Lena schulterzuckend.
„Ja, aber du vermutest nur. Wenn es gut läuft auch ,Glee', aber ich habe keine Ahnung. Oder das Jugendwort des Jahres 2013: Wer von euch hat jemals Babo gesagt?“, fragte Ben, und wir schwiegen alle betreten.

„Aber sehen wir es doch mal so: Vielleicht ist es auch gut, dass wir das Jugendwort des Jahres nicht mehr kennen. Wir sind eben nicht mehr die Jugend, sondern erwachsen“, sagte Ole, und Lena holte schon wieder gedanklich zu einer Tracht Prügel aus, doch er redete unberührt weiter: „Es ist doch gut, dass wir nicht mehr zwölf sind und diesen ganzen Kram – die Pubertät, das Abitur – noch vor uns haben. Wir haben uns seitdem entwickelt und das ist doch besser als Stillstand.“

Lenas zum Schlag erhobene Hände sanken wieder, und sie sah Ole einen Moment nachdenklich an. 
„Zugegeben, noch mal möchte ich den ersten Liebeskummer nicht erleben. Und diesen ganzen Hype um den ersten Sex ertrage ich auch kein zweites Mal.“ Sie machte eine kurze Pause und band sich ihre Haare zu einem Zopf. „Wir legen hiermit fest: Solange ich kein graues Haar habe, bin ich noch jung. Zwar nicht mehr jugendlich jung. Aber jung genug, um noch feiern zu gehen und ein spannendes Sex-Leben zu haben. Und wieder alt genug, um die Qualität der alten ,Sex and the City'-Episoden schätzen zu können und nicht nur den langweiligen zweiten Film zu kennen.“

„Wollen wir den Film trotzdem schauen?“, fragte Ben und wedelte mit der DVD-Verpackung.
„Wenn du endlich mal die Flasche Wein öffnest – ja, verdammt. Der Abend ist ja noch jung.“

Ein schönes (und voranschreitendes) Wochenende wünscht euch
Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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