Wofür es sich zu kämpfen lohnt

„Es muss ja nicht ein Heer gegen ein anderes ziehen. Die Teilnahme bei einer Demonstration reicht ja schon“, sagte Ben und erntete von uns erstaunte Blicke, weil wir ihn alle nicht für einen Demo-Typ hielten.

„Wann gehst du denn auf eine Demonstration?“, fragte ich ihn.

„Ich gehe seit fünf Jahren immer auf den Christopher Street Day, das ist auch eine Form der Demonstration und des Protests. Und würde ich in Baden-Württemberg leben, hätte ich da auch für die angedachte Form des Bildungsplans demonstriert. Es kann doch nicht sein, dass wir in unserem Land noch eine neue Generation intoleranter Menschen heranziehen!“, regte sich Ben auf.

„Na ja, aber so intolerant ist Deutschland doch nicht. Schau doch mal in andere Länder, etwa Russland. Da ist es doch viel schlimmer“, meinte Ole, aber Ben wollte das Argument nicht gelten lassen.

„Aber nur, weil es anderen Ländern noch schlimmer ist, heißt es nicht, dass es in Deutschland so bleiben kann, wie es ist. Kein Kind, das in die Schule geht, wird durch die Beschäftigung mit dem Thema Homosexualität selbst schwul oder lesbisch. Die Schüler sollen einfach nur lernen, dass es eben nicht nur Liebe zwischen Mann und Frau gibt, sondern auch zwischen zwei Männern oder zwei Frauen.“

„Das ist ja alles klar, aber viele Heterosexuelle können vielleicht auch nicht erkennen, wo überhaupt noch Diskriminierung stattfindet, weil Homosexualität ja mittlerweile schon thematisiert wird, auch in den Medien“, meinte Ole.

„Machen wir mal ein kleines Rechenspiel: Wenn nur circa fünf Prozent der Menschen homosexuell sind und in jeder Schulklasse 30 Schüler sitzen, wie viele sind das dann?“

„1,5 Schüler“, antwortete Lena, von deren Kopfrechentalent ich noch nicht gewusst hatte.

„Genau. 1,5 Schüler betrifft das Thema direkt. Um das mal auf Deutschland mit 82 Millionen Menschen hochzurechnen: Das sind circa vier Millionen Menschen! Zum Vergleich: Berlin hat etwa 3,4 Millionen Einwohner. Und denen soll man weiterhin sagen: Sorry, wegen irgendwelchen uralten Traditionen und Schriften versagen wir euch eine Gleichbehandlung in dieser Gesellschaft und ihr dürft etwa nicht heiraten? Das ist doch Irrsinn! Bei welcher anderen gesellschaftlichen Gruppe kann man sich so was heute noch trauen?! Dagegen muss man kämpfen!“

Ben hatte sich richtig in Rage geredet, sein kompletter Körper inklusive jedes Muskels war angespannt, sein Gesicht war vor lauter Zorn rot angelaufen.

Ole nickte zunächst stumm, dann sagte er: „Ich verstehe dich.“ Und das sagte er nicht nur, weil er Ben eine Gleichbehandlung wünschte, sondern weil er genau wusste, dass sich der Kampf lohnen konnte: Denn als er Anfang des Jahres blind vor Eifersucht gewesen war, hatte Sora um ihn und sein Vertrauen gekämpft – und gewonnen. Heute waren sie wieder ein Herz und eine Seele, was wohl nie passiert wäre, wenn Sora sich nicht voll reingehängt hätte.

Mir war plötzlich klar geworden, dass jeder etwas hatte, wofür er kämpfen würde. In welcher Form auch immer. Natürlich war da viel Idealismus im Spiel, die Hoffnung auf Besserung. Aber war es nicht genau die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die uns alle antrieb, wegen der wir uns morgens überhaupt aus unserem Bett quälten?

Die Hoffnung auf eine gute oder bessere Beziehung, die Hoffnung auf eine Gleichbehandlung in der Gesellschaft oder einfach die Hoffnung, eines Tages mehr Geld zu verdienen – all das motiviert uns. Und macht uns zu Menschen. Denn wenn sich die Menschheit immer nur mit dem Status quo zufrieden gegeben hätten, hätten unsere Vorfahren wohl weder das Rad erfunden noch die Demokratie eingeführt.

Natürlich gibt es auf dem Weg zum Guten und Richtigen immer wieder Rückschläge. Aber das sollte uns nicht aufhalten, an die guten Dinge zu glauben – und dafür zu kämpfen.

Ein schönes (und kämpferisches) Wochenende wünscht euch,

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf mittelhessen.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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