„Er bleibt immer ein Teil von uns“

Bild 1 von 2

„Ich fahre jetzt. Mach's gut. Wir sehen uns Montag.“ Das sind die letzten Worte, die Nils Walter (15) in der Nacht zum 6. Oktober von seinem Freund hört, als dieser die Party in Probbach verlässt. Dann steigt er ins Auto. Gemeinsam mit sechs anderen. Nils verlässt etwas später später zu Fuß die Feier. 
Das Auto, in dem Marcel als Beifahrer sitzt, verunglückt auf der Landstraße zwischen Waldernbach und Mengerskirchen. Marcel wird aus dem überfüllten Auto geschleudert und ertrinkt im Seeweiher. Zwei weitere Insassen werden schwer, die anderen leicht verletzt.

Wie sich später herausstellt, besaß der Fahrer des Wagens keinen Führerschein, und das Auto war nicht zugelassen. 
„Ich empfinde keinen Hass auf den Fahrer“, sagt der 15-jährige Erkan Kalaycioglu. „Die Trauer ist viel größer. Der Fahrer hat verantwortungslos gehandelt, aber das, was er jetzt durchmachen muss, ist schlimmer als jede Strafe.“ 
Dass ihr Klassenkamerad tot ist, wollen die Jugendlichen zunächst nicht wahrhaben. „Marcel hat mir in der Nacht sogar noch eine SMS geschickt und mich gefragt, ob ich nicht auch zur Party komme“, erinnert sich Corinna Kunze (16).

Am 6. Oktober schreibt dann jemand bei Whatsapp in die Klassengruppe: Marcel ist tot. „Ich habe sofort versucht, ihn auf seinem Handy anzurufen, und habe ihm Nachrichten geschickt“, sagt Corinna leise. Auf Marcels Facebook-Seite stehen zu diesem Zeitpunkt bereits erste Beiträge wie „Mein Beileid“ und „R.I.P.“

„Ich will nicht wahrhaben, 
dass er nicht 
mehr da ist,
 aber ich muss“

Am Montag in der Schule dann die Gewissheit: Marcel ist im Alter von 16 Jahren ums Leben gekommen. „Wir sind mit der ganzen Klasse zur Unfallstelle gegangen und haben Kerzen aufgestellt“, erzählt Erkan. „Überall lagen noch Autoteile herum. Auch das Nummernschild des Wagens. Und Marcels Feuerzeug.“

Erkan und Corinna nehmen in einer Kapelle Abschied von Marcels aufgebahrtem Leichnam. „Ich hatte Angst davor“, gesteht Erkan. „Ich habe vorher noch nie einen toten Menschen gesehen. Ich dachte, gleich springt er auf, lacht und sagt: ,Hey, was ist mit euch?‘ Doch dann habe ich ihn berührt. Und er war eiskalt.“ Eine Ecke in seinem Zimmer erinnert Erkan jeden Tag an Marcel: „Dort habe ich einen Ball und ein T-Shirt von ihm – und seine Todesanzeige. Ich will nicht wahrhaben, dass er nicht mehr da ist, aber ich muss.“

Marten Schildberg (15) ist ebenfalls ein Klassenkamerad von Marcel. „Ich liege abends im Bett und spiele dann immer noch ein bisschen mit meinem Handy“, sagt er. „Wenn ich dann auf seine Facebook-Seite gehe und mir alles dort durchlese, muss ich einfach losheulen.“ 
Marcels Tod reißt eine Lücke und verändert das Leben seiner Freunde. Sie sind in sich gekehrter. Ernster. Und vorsichtiger. „Wenn ich nicht weiß, wie ich nach Hause kommen soll, werde ich bei niemandem ins Auto steigen“, sagt Erkan. „Mein Vater sagt mir immer wieder: ,Ruf mich an, ich komme und hole dich ab. Auch wenn es mitten in der Nacht ist.‘“

Wo ist Marcel jetzt? Diese Frage beschäftigt seine Mitschüler ständig. „Ich glaube, er sieht uns von oben“ , sagt Corinna. 
Erkan nickt und fügt hinzu: „Deshalb tue ich auch so, als sei er noch da, und rede mit ihm, wenn ich allein bin. Ich bin Moslem. Meine Mutter sagt immer: Gott testet uns, um zu entscheiden, wer in den Himmel und wer in die Hölle kommt. Vielleicht fand Gott, dass Marcel zu gut war für diese Welt. Vielleicht hat er gedacht: Bevor er sich verändert, hole ich ihn zu mir.“ Schweigen. Dann sagt Marten noch: „Er wird immer ein Teil von uns bleiben.“ 
*Name von der Redaktion geändert


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2013
Mehr zum Thema
Kommentare (0)
Mehr aus midde