„Es gibt nur noch Asche“

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Maria, wie hast du Kiew in Erinnerung?

Maria Marchenko: Mit 17 Jahren bin ich nach Kiew gezogen. Ich habe mich in die Stadt verliebt. Es ist eine sehr schöne Stadt mit vielen Sehenswürdigkeiten, und die Leute, die dort wohnen, sind sehr warmherzig. Als ich vor zwei Jahren zur Fußball-EM da war, war der Maidan noch ein sehr schöner Platz. Mit vielen hübschen Gebäuden. Es gab noch Asphalt, und die Leute sind mit ihren Kindern spazierengegangen. Durch die Proteste seit drei Monaten brennt alles. Es gibt kein Stadion mehr, es gibt den Maidan nicht mehr, es gibt gar nichts mehr. Nur Asche.

Wie geht es dir, wenn du Bilder von den Aufständen aus Kiew siehst?


Marchenko: Es ist sehr schwer für mich zu erfassen, wie das alles begonnen hat. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass so etwas in der Ukraine passieren könnte. Aber die Regierung hat die Menschen so stark unterdrückt, dass es für sie unmöglich wurde, nur noch zu Hause zu sitzen und zuzusehen. Wenn ich abends Nachrichten gelesen und Videos angesehen habe, musste ich weinen. Ich habe daran gedacht, dass ich viele Freunde dort habe.

Dein Vater lebt auch in Kiew. Was bekommst du von ihm mit?

Marchenko: Im Moment ist er nicht dort, weil er zurzeit bei meiner Mutter in meinem Heimatort lebt. Sonst wohnt er nicht weit weg vom Zentrum in Kiew. Er hat gesagt, dass es schrecklich ist, zu sehen, dass die eigene Regierung Personen töten lässt und die ganze Straße im Blut versinkt.

Sind Freunde oder Verwandte bei den Protesten verletzt worden?

Marchenko: Nein, zum Glück nicht. Eine Freundin hat mir aber erzählt, dass eine Bekannte von ihr von einer Kugel getroffen wurde. Sie hatte zum Glück einen Helm auf, in dem die Kugel jetzt steckt, und sie ist gesund. Der Präsident hat Scharfschützen beauftragt, Leute zu erschießen. Auf dem Maidan sind etwa 40 Menschen einfach verschwunden. Manche von ihnen sind gestorben.

Wann willst du das nächste Mal nach Kiew reisen?


Marchenko: Im Sommer möchte ich wieder dorthin. Ich hatte den großen Wunsch gehabt, jetzt nach Kiew zu fliegen, um die Situation dort zu sehen, doch mein Freund wollte das nicht. Meine Mutter versteht, dass es mir weh tut, das alles aus der Ferne zu sehen. Sie meinte auch, dass sie mich zu Hause braucht, wenn ich komme.

Die Macht von Präsident Janukowitsch wurde nach den aktuellen Verhandlungen eingeschränkt, und am 25. Mai soll es Neuwahlen geben. Wirst du auch wählen?

Marchenko: Ja, ich werde auch wählen. Die neue Regierung muss eine bessere sein als die jetzige. Ich bin stolz, Ukrainerin zu sein. Wenn ich gefragt werde, woher ich komme, sage ich immer: ,Aus der Ukraine.‘ Viele sagen dann: ,Also aus Russland.‘ Dann muss ich erklären, dass die Ukraine ein eigenes Land ist. Ich hoffe, dass nun jeder weiß, dass die Ukraine nicht Russland ist.


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