„Italo Disco läuft seit 30 Jahren“

Kult  Zyx Music aus Merenberg zählt zu den erfolgreichsten Independent-Labels Europas

Galerie des Erfolgs: Im zweiten Stock der Zyx Music GmbH hängt eine Auswahl der Gold- und Platinplatten, an denen das Merenberger Label Rechte hält. (Foto: Schalles)
Tontechniker und Komponist Vadim Kulin, Künstlername: van Edelsteyn, verpasst den Aufnahmen im Tonstudio den Feinschliff. (Foto: Schalles)
Caught in the Act (hier mit Mitarbeitern von Zyx Music) während ihres Besuchs in Merenberg im April 1995. (Foto: privat)
Wirkt eher unscheinbar von außen und hat doch schon einiges gesehen: das Firmengelände der Zyx Music GmbH in der Merenberger Benzstraße. (Foto: Schalles)
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Im zweiten Stockwerk befindet sich das Herzstück des Unternehmens. Dort hängen Tonträger an den Wänden. Wo das Licht aus den Büros auf den Gang fällt, funkelt es, darunter stehen Namen wie Gigi D'Agostino, Rednex, Caught in the Act oder Motörhead. „Es ist eine Auswahl der Platten, an denen wir Rechte halten und die Gold oder Platin geholt haben“, erklärt Sigrid Fadinger, die gemeinsam mit ihrer Mutter Christa Mikulski die Geschäftsleitung der Zyx Music GmbH innehat.

Die „Hall of Fame“, wie sie von den Mitarbeitern auch genannt wird, wirkt wie ein Querschnitt durch die Unternehmensgeschichte. Es ist eine Erfolgsstory, die vor knapp fünf Jahrzehnten ihren Anfang nahm. Damals, 1971, gründete Fadingers Vater Bernhard Mikulski einen Schallplatten-Import, der zunächst noch in Dorchheim seinen Sitz hatte. „Das Konzept war, Platten aus dem Ausland zu kaufen, die dort günstiger waren als in Deutschland, und sie hier dann wieder zu niedrigen Preisen zu verkaufen“, erklärt Patrick van Hecke, Leiter der Artist-and-Repertoire-Abteilung bei Zyx.

Mikulski erkannte, dass es in anderen Ländern gewisse Themen gibt, die auch in Deutschland laufen, dort allerdings von niemandem besetzt werden. Beispiele dafür sind Genres wie Euro Dance, vor allem aber auch Italo Disco, ein Überbegriff für Musik italienischer Disco-Interpreten.

In den folgenden Jahren baute Mikulski das Unternehmen, das 1992 nach Merenberg umzog, kontinuierlich zu einem eigenen Tonträgervertrieb aus. Bis zu seinem Tod im Jahr 1997 wurde das Portfolio zudem noch um einen Musikverlag und ein Plattenpresswerk ergänzt. Heute zählt das Label mit 45 Mitarbeitern und Niederlassungen in Frankreich, England, den USA und den Niederlanden zu den erfolgreichsten Independent-Labels in Europa.

Im Untergeschoss, drei Stockwerke entfernt von der Hall of Fame, bearbeitet derweil Tontechniker Vadim Kulin die neuesten Aufnahmen. Einen Tag zuvor war Linda Jo Rizzo, ehemalige Sängerin von The Flirts, in Merenberg, um Cover-Versionen alter Klassiker einzusingen. Kulin feilt nun an den Tonspuren. „Meine Aufgabe ist das Mastern von Songs, also die Qualitätskontrolle und die Vorbereitung für die Veröffentlichung. Ich kümmere mich um die Verbesserung des Materials“, sagt Kulin.

Werbung spielt sich heute größtenteils in den sozialen Netzwerken ab

Musikinhalte produziert Zyx teilweise selbst in Kulins Tonstudio. „Meist werden uns aber fertige Produktionen angeboten, die wir dann vermarkten“, sagt van Heck, der diesen Prozess mit der Artist-and-Repertoire-Abteilung verantwortet. „Wir machen Verträge, suchen Künstler aus und begleiten auch die komplette Promotion und Vermarktung“, sagt van Heck.

Was sich heute auch in der Musikbranche gewandelt habe, sei dabei die Art der Werbung. „Vor der Veröffentlichung laufen über Monate große Kampagnen auf den Social-Media-Kanälen“, erklärt van Heck. Ziel sei es, die Leute einzuspannen und heiß darauf zu machen, die Platte am besten vorab schon zu bestellen. „Wenn wir in die Charts wollen, müssen wir dafür sorgen, dass das jeweilige Werk gebündelt in einer Woche möglichst oft verkauft wird.“

Produziert und vermarktet werden Platten in Merenberg also heute noch, bis 2007 wurden sie sogar noch vor Ort gepresst. Doch seit der Schließung des Presswerks infolge einer Insolvenz werden die Tonträger nun über externe Unternehmen bezogen und landen bei Zyx schließlich gefertigt in einer großen Lagerhalle.

Dort, zwischen Tonstudio und Hall of Fame, ist der hauseigene Vertrieb angesiedelt. „Die Komponenten wie CDs und Verpackungsmaterial werden hier einzeln angeliefert, von unseren Mitarbeitern verpackt und an unsere Privatkunden sowie Media-Markt oder Amazon verschickt“, erklärt Sigrid Fadinger. Rund 8000 Artikel liegen fein säuberlich geordnet in den Regalen der Lagerhalle. Dabei offenbart ein Blick durch die Reihen, dass Zyx längst nicht mehr nur ein Musiklabel ist.

„Wir sind ein sehr vielfältiges Unternehmen. Wir haben unter anderem auch eine eigene DVD-Sektion mit Themen wie Fitness, Unterhaltung oder Dokumentationen“, sagt Fadinger. Und van Heck ergänzt: „Zyx steht in erster Linie für Italo Disco und wird darauf oft begrenzt. Das ist auch unheimlich nachhaltig und läuft seit 30 Jahren. Aber wir mischen heute in jedem Genre mit, haben beispielsweise ein eigenes Metal- oder Jazz- und Blues-Label.“

Im April 1995 trat die Boygroup Caught in the Act auf dem Merenberger Firmengelände auf

Vertrieben werden die Musikinhalte mittlerweile zwar größtenteils über Downloadplattformen und Streamingdienste. „Wir setzen aber auch weiterhin auf physische Produkte, weil wir glauben, dass die nicht aussterben werden. Auch wenn die verkauften Stückzahlen heute andere sind als früher“, erklärt van Heck. Einen Beleg für diese These liefert Fadinger: „Vinyl wollte beispielsweise zwischenzeitlich niemand mehr haben. Heute ist es jedoch wieder unheimlich gefragt.“

Ob nun digital oder analog, Platz an der Wand im zweiten Stock gäbe es noch. Und die, deren Namen bereits dort hängen, sind für die Zyx-Mitarbeiter keinesfalls Unbekannte. „In Merenberg waren die Künstler alle schon“, sagt Fadinger. Die meisten, um sich einmal persönlich vorzustellen, andere wie die Gruppe Caught in the Act sogar für Auftritte vor Ort.

„Die Jungs haben hier im April 1995 ein Konzert auf der Lagerrampe gegeben. Feuerwehr und Notarzt waren im Einsatz. Die Frauen sind reihenweise umgekippt“, erinnert sich Fadinger und lacht. Es ist, wie auch die Hall of Fame, ein weiteres Mosaik in der Zyx-DNA, ein kleiner Teil einer Unternehmensgeschichte, deren Verlauf wohl niemand in Merenberg verortet hätte.


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Kommentare (1)
Dass das Presswerk in Insolvenz geraten ist, verwundert nicht wirklich. Das Vinyl aus dem Hause ZYX verursachte in den 1980er Jahren auf guten Soundanlagen doch eher Brechreiz, als eine hinreichende Dynamik und mehr
Frequenzbandbreite. Die Performance der "Rillen" von sog. Maxis war derart hundsmiserabel, wie sonst nur bei K-tel-LPs, die meist für kleines Geld, aber vollgepfropft mit 20 Titeln daherkamen.
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