„Manchmal geschämt, weiß zu sein“

FREIWILLIGENDIENST  Die Atzbacherin Klara Weberling hat ein Jahr in Südafrika gearbeitet

Im Kreise ihrer kleinen Schützlinge: Die Atzbacherin Klara Weberling war in Südafrika eine beliebte Spielpartnerin. (Foto: privat)
Lautstarke Begegnung: Im Kruger-Nationalpark ist Klara Weberling auf diesen Löwen getroffen. (Foto: privat)
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„Die Menschen sind viel lockerer und entspannter als in Deutschland.“ Das ist einer der ersten Gedanken, der der Studentin zu ihrem Jahr in der Madikwe Region einfällt. Absolviert hat sie dort einen Freiwilligendienst – entsendet vom Deutsch-Südafrikanischen Jugendwerk.

Rund 13 000 Kilometer entfernt ist die Gegend von Lahnau. Vom Norden Südafrikas aus ist das Nachbarland Botswana schneller zu erreichen als die Hauptstadt Johannesburg. Es ist eine Region, die nicht viel gemein hat mit der schillernden Metropole, obwohl beide Orte nur drei Stunden Busfahrt trennen. Die Menschen leben in einfachsten Verhältnissen. Dass der Strom ausfällt, ist nicht ungewöhnlich.

„Man lernt es zu schätzen, dass man ständig Wasser hat“, schreibt die 19-Jährige auf ihrem Blog

In das Abenteuer startete Klara Weberling im August 2016 – direkt nach dem Abitur an der Gießener Herderschule. Am Kindergarten war zunächst noch einiges zu werkeln. Die Wände streichen und Böden verlegen – so begann die Zeit in Madikwe. 25 Kinder finden auf 36 Quadratmetern Platz.

Regelmäßig berichtete die 19-Jährige in den folgenden Monaten auf ihrem Blog über das ungewohnte Leben. Im November schreibt sie etwa: „Wenn wir keinen Strom mehr haben, dann kann unsere Pumpe fürs Wasser nicht laufen und sobald der Tank leer ist, gibt es auch kein Wasser mehr. Das ist für mich immer sehr beängstigend, weil man nie weiß wie lange man noch Trinkwasser hat. Ich finde man lernt es viel mehr zu schätzen, dass man es in Deutschland als selbstverständlich ansieht, dass man ständig Wasser hat.“

Zu lesen ist aber auch von allerlei positiven Erfahrungen: Als im Dezember die Eltern und Brüder der Atzbacherin zu Besuch kommen, schreibt sie: „Alle konnten gut verstehen, wieso ich mich hier so wohl fühle.“ Im Kruger Nationalpark, dem größten Wildschutzgebiet Südafrikas, sieht die Familie aus der Nähe Leoparden, Nashörner, Büffel, Elefanten und Löwen. „Es war sehr interessant, eine andere Kultur und Lebensweise kennenzulernen“, sagt die Studentin.

Nachhaltig erschüttert hat Klara Weberling der Rassismus im ländlichen Raum. Auf dem Papier gibt es „Rassentrennung“ seit dem Ende der Apartheid 1991 zwar nicht mehr. In der Praxis sei eine rassistische Ausgrenzung aber noch zu spüren. Die kostenlosen Kindergärten – wie den in Madikwe – besuchen nur Schwarze. Weiße suchen sich dagegen oft Alternativen, berichtet die Studentin.

Dazu hätten viele der ausschließlich weißen Farmer nichts mit Schwarzen zu tun. „Manchmal habe ich mich geschämt, weiß zu sein“, blickt Weberling zurück.

Die Folgen der Ausgrenzung seien zunächst auch bei dem einen oder anderen Kind sichtbar gewesen. Manche Mädchen und Jungen seien weggelaufen, „weil sie Angst vor uns Weißen haben.“ Ein Zustand, der sich aber schnell legte.

Skeptisch waren auch einzelne Eltern: Einmal, erzählt die 19-Jährige, sei ein Kind krank geworden. Nichts Ernstes. Doch die Eltern beschuldigten die weißen Mitarbeiter des Kindergartens, den Nachwuchs vergiftet zu haben. Nach und nach habe sich aber Vertrauen aufgebaut. „In den Städten ist es anders. Da hat sich die Situation total gewandelt“, verweist Weberling auf die Unterschiede.

Die Studentin lernt die regionale Sprache Setswana

Auch in Madikwe gebe es Ausnahmen. Gemeint ist vor allem Arno Faul, der Gründes Madikwe Rural Development Programme (MRDP), der Aufnahmeorganisation in Südafrika. Er betreibt unter anderem eine Fahrradfabrik mit 30 Beschäftigten.

„Arno ist einer der wenigen, der die Menschen gut bezahlt“, betont die Atzbacherin. Dazu spreche er – genau wie seine Frau – die regionale Sprache Setswana fließend. Ein Punkt, der ihm jede Menge Respekt verschaffe. Auch Klara Weberling eignete sich die Sprache in dem Jahr zumindest in Grundzügen an.

Zeit, um über den Tellerrand von Madikwe hinauszuschauen, blieb in den Ferien. Mit anderen Freiwilligen ging es unter anderem nach Namibia und Kapstadt. Mit einem gemieteten Auto oder Sammeltaxis. „Die fahren los, sobald sie voll sind“, berichtet die 19-Jährige.

Geholfen hat die Zeit auch für die Zukunft. „Das Jahr in Südafrika hat mir gezeigt, dass ich gerne mit Kindern arbeite“, sagt die . Seit wenigen Tagen studiert sie in Köln Lehramt an Förderschulen. An Südafrika wird sie häufig denken – an die guten und an die schlechten Seiten.

Madikwe Rural Development Programme

Das Madikwe Rural Development Programme (MRDP) ist eine lokale gemeinnützige Organisation in Südafrika. Seit Ende der 1980er-Jahre unterstützt sie Menschen in der ländlichen Region Madikwe.  Das Hauptziel der Organisation ist die Verbesserung der Lebensstandards. Schwerpunkte sind dabei vor allem die Bereiche Bildung, Kinder- und Jugendhilfe, Landwirtschaft und Umweltbildung. (hog)


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