„Wir sind das folk“ – Weltgeschichte für die Generation-Facebook

Immerhin ist Karl der Große da mit Gott und Europa befreundet, Konrad Adenauer darf dafür den früheren französischen Präsidenten Charles de Gaulle und die kölschen Frohnaturen von Die Höhner in seiner Freundesliste willkommen heißen. Aber nicht nur diese kreativen Profilseiten der großen historischen Persönlichkeiten sorgen für einiges Schmunzeln beim Lesen: Natürlich gibt es von den wichtigen Protagonisten der Geschichte auch Statusmeldungen und Kommentare. Gott etwa fragt Maria neun Monate vor Christus, ob sie am Abend schon etwas vorhabe (Antwort Maria: „Diese Migräne…“, doch glücklicherweise schaltet sich der Heilige Geist ein und sorgt für die widernatürliche Zeugung). Oder Martin Luther, der 1534 auf seine Fanpage „Die Bibel – jetzt auch auf Deutsch!“ verweist. Luther, auf den die Reformation zurückgeht und der 1534 tatsächlich eine deutsche Bibel vorlegte, muss aber am 18. Februar 1546 sein Benutzerkonto schließen – sein Todestag.

In diesem Duktus erzählen die beiden Autoren die Weltgeschichte in verständlichen und humorvollen Facebook-Häppchen, beginnend mit dem Urknall bzw. Gott und endend in der bundesdeutschen Gegenwart, die etwa durch die schwarz-rot-goldfarbene Halskette der Bundeskanzlerin Angela Merkel im TV-Duell geprägt wird. Ein bisschen historisches Vorwissen ist jedoch nötig, um die pointierten, manchmal auch spitzen Wortmeldungen in dem satirischen Buch zu verstehen. Wer nicht weiß, dass es Mitte der 19. Jahrhunderts auch in Deutschland revolutionäre Bestrebungen gab, wird den Witz hinter der Veranstaltungsabsage „Vive La Revolution! Was die Franzosen können, können wir schon lange!“ des Deutschen Volks im Sommer 1849 schwerlich begreifen.

Die Autoren Bechstein und Grün zeigen mit ihrem Buch aber auch, wie Geschichte für junge Menschen lebensnah aufgearbeitet werden kann. Dabei passt sich der Inhalt – also das historische Ereignis – der Form der Vermittlung an: Facebook-Posts sind gerne einmal etwas flapsig formuliert, auch mal ironisch oder einfach witzig gemeint. So auch in „Wir sind das folk“. Ein ähnliches, aber ernsthafteres Projekt gibt es auch beim Kurznachrichtendienst Twitter, bei dem unter dem Nutzernamen @RealTimeWWII Nachrichten in Echtzeit aus dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht werden – 72 Jahre nach den tatsächlichen Ereignissen. So bleibt Geschichte erfahrbar und holt die digitale Generation dort ab, wo sie aktiv ist – in sozialen Netzwerken.

Auch einen zweiten Aspekt macht „Wir sind das folk“ deutlich: Den Diskurs um Ereignisse. Auf Facebook wird über Posts gerne diskutiert, oft reiht sich Kommentar an Kommentar, gerade wenn ein umstrittenes Thema wie der Ukraine-Konflikt oder die Gleichstellung von Homosexuellen die Verschwörungstheoretiker und Ewiggestrigen auf den Plan ruft. Genauso verhält es sich mit der Weltgeschichte, die weit mehr ist als ein historisches Ereignis, dessen Daten auswendig zu lernen sind. Geschichte ist immer auch ein Prozess der Bewertung, die auf Kommentaren und Diskussionen fußt. Das zeigt sich auch in aktuellen Debatten über die Beschaffenheit der verschwundenen DDR. War sie nun ein Unrechtsstaat oder war doch nicht alles schlecht? Dass die Bewertung eines Ereignisses immer auch von der Perspektive abhängt, dass es in diesem Sinne kein eindeutiges Richtig oder Falsch gibt, gehört zu den Lehren des Erwachsenwerdens. Ein Buch wie „Wir sind das folk“ bildet diesen Prozess der Meinungsbildung verständlich und humorvoll ab, nutzt dafür aber geschickt die Rahmenbedingungen der Digitalisierung. Natürlich ersetzt es dadurch keinen Geschichtsunterricht oder ein Geschichtsbuch, doch es kann die Berührungsängste mit den historischen Wirren der Kriege, Machtstreitereien und Allianzen abschwächen. Denn manchmal ist eine solche Sichtweise auf Geschichte, wie sie Bechstein und Grün dem ‚Gott‘ in ihrem Buch andichten, ganz sinnvoll. Der nämlich hat auch keine Ahnung, warum 1631 die katholischen Franzosen und die protestantischen Schweden paktieren und holt sich lieber noch eine Portion Popcorn.

 


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