Alle Welt fängt kleine Monster

FREIZEIT Für "Pokémon Go"-Spieler ist das Dillenburger Arbeitsamt eine gute Adresse

So süß hüpfen die Pokémon durch den Dillkreis, hier in Dillenburg: "Traumato" heißt der kleine Kerl, der einer von 151 Pokémons der ersten Generation ist. (Screenshot: K. Weber)

Da schau her: Unter den Pokémon-Fans, die sich auf dem Parkplatz gegenüber dem Dillenburger Arbeitsamt treffen sind auch zwei Spieler, die gerade "Pikachu" gefangen haben. Das kleine gelbe Fantasiewesen ist selten und daher bei den Monsterjägern heiß begehrt. (Foto: K. Weber)

Sie sind fast jeden Abend da, sammeln an den "PokéStops" virtuelle Bälle mit dem Handy und werfen kleine virtuelle Monster ab: (v. l.) Bekir, Semih, Tim, Florin, Patricia, Michi, Sefa, Mehmet und Eren. (Foto: K. Weber)

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"Pokémon Go" lockt die Spieler aus dem Haus - und viele ans Arbeitsamt in Dillenburg. Am Obertorkreisel gibt es etwas ganz Besonderes für sie: Rund um das Bauwerk sind drei sogenannte "PokéStops", an denen es die begehrten Bälle gibt, mit denen man die virtuellen Monster mit einem Wisch über das Display abwerfen muss. Wer also Bälle braucht, ist auf dem Parkplatz Konrad-Adenauer-Allee an der richtigen Adresse. Und: Dort kann man bequem und ohne sich viel zu bewegen, eine ganze Menge digitaler Pokemon einsammeln.

Jeden Abend kommen zehn bis 20 Spieler vor das Arbeitsamt, an Wochenenden sind es sogar noch mehr

Die nächste sogenannte "Arena", in der die verschiedenfarbigen Teams gegeneinander digital kämpfen, ist auch nicht weit. Einmal über die Brücke zur "Erbse", und schon kann es losgehen.

Jeden Abend kann man vor dem Arbeitsamt zehn bis 20 junge Menschen beobachten, die sich dort stundenlang aufhalten, an Wochenende noch mehr. Die einen stehen, andere sitzen auf den Bänken und wieder andere haben sich Campingstühle mitgebracht, lehnen an ihren Autos oder haben sich an der Kante des geöffneten Kofferraums niedergelassen.

Eine Gruppe junger Fans aus Haiger und seinen Stadtteilen ist fast jeden Abend da. "Zwei bis fünf Stunden", antworten sie auf die Frage, wie lange sie bleiben. Es komme aber auch darauf an, ob werktags oder am Wochenende. Sie würden sich leise verhalten, die Musik sei extra auf ein Minimum runtergedreht. Die meiste Zeit schauen sie auf ihre Handys, immer auf der Suche nach einem Fantasiewesen, das ihnen noch in der Sammlung ("Pokédex") fehlt.

Für die, die auf dem Rad oder am Steuer eines motorisierten Fahrzeugs sitzen, gilt: Hände weg vom Handy!

Als das erste Videospiel mit Pokemon herauskam - das war 1996, es folgten eine Anime-Fernsehserie, ein Sammelkartenspiel und bisher 17 Kinofilme -, waren die meisten der Gruppe aus Haiger noch im Kindergarten. Begeistert sind sie dennoch, vielleicht auch gerade deshalb: "Es ist ein Stück Kindheit zurückgekommen."

Eine WhatsApp-Gruppe haben sie gegründet. Innerhalb von zwei Wochen wurden aus fünf Teilnehmern in der Messenger-Gruppe über 50, erzählen sie. "'Pokémon Go' ist wie eine Sucht", sagt Eren, schaut von seinem Smartphone auf und lacht.

Das Spiel, das innerhalb weniger Tage einen Hype auslöste, hat viele Freunde, aber auch viele Skeptiker. "Es ist ein Stück Kindheit. Es ist toll, dass man sich trifft, und das Sammeln macht Spaß", sagen die einen, ein kurzes "Es nervt!" die anderen.

Um Rücksicht bittet Polizeisprecher Guido Rehr - auch wenn es bisher noch keine "extremen Vorfälle" wegen des Spiels im Zuständigkeitsgebiet der Dillenburger Polizei gegeben habe. Lediglich einmal habe ein Anwohner sich nachts wegen Ruhestörung durch die Spieler beschwert.

Damit es bei dieser einen Meldung bleibt, hat Rehr ein paar Tipps für Pokémon-Fans, denn: "Die meisten sind so gefesselt von dem Spiel und starren unentwegt auf ihr Handy, dass sie die Umwelt nur noch eingeschränkt wahrnehmen. Und das ist wirklich gefährlich - die Gefahren in der realen Welt gibt es immer noch."

Jegliche Handynutzung sei für die Fahrer von Autos, Fahrrädern und motorisierten Zweirädern tabu, sagt Rehr. Auch Fußgänger nehmen am Straßenverkehr teil und müssen diesen achten. Und: "Wichtig ist auch, dass Erwachsene ihre Kinder für die Gefahren beim Spielen sensibilisieren." Um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen, sollten sogenannte gefährliche Orte wie die Autobahn, Brücken, leer stehende Gebäude, stillgelegte Fabriken und Eisenbahngleise gemieden werden. "Das sind keine Spielplätze. Kein ,Pikachu’ ist es wert, sich in Lebensgefahr zu bringen", mahnt Rehr.

Zudem sollten "Pokémon Go"-Spieler einsame, dunkle Orte nicht alleine aufsuchen: "In den USA ist es vorgekommen, dass sich dort auch andere aufgehalten haben und es Überfälle auf die Spieler gab." Man solle auf sein Gefühl für gefährliche Situationen achten.

Respekt vor besonderen Orten spiele ebenfalls eine Rolle: "Man sollte wirklich darauf achten, dass man sich beispielsweise in Kirchen, an Gedenkstätten und auf Friedhöfe nicht wegen eines Spiels dort aufhält." Strafbar macht man sich, wenn man Grundstücke oder Häuser betritt, die keinen Zaun haben, oder man der Aufforderung, zu gehen, nicht nachkommt. Erst recht sei dies der Fall, wenn Zäune überklettert würden. "Das ist Hausfriedensbruch und ist eine Straftat", sagt der Polizeisprecher. Das Recht am eigenen Bild, das Einhalten der Nachtruhe und der Ruhezeiten - weitere Aspekte, auf die "Pokémon Go"-Fans Rücksicht nehmen sollten.

Polizei will das Spiel niemandem vermiesen, mahnt aber: Haltet die Regeln ein und passt auf euch auf!

Rehr weist darauf hin, dass die Polizei niemandem den Spaß an dem Spiel vermiesen wolle: "Es führt Menschen zusammen und Kinder aus dem Haus an die frische Luft, aber bitte haltet Euch an die Regeln und lebt das Spiel nicht aus, ohne aufeinander zu achten."

Wenige Tage nach Einführung des Spiels wurde eine Facebook-Gruppe "Pokémon Go Dillenburg, Herborn, Haiger" gegründet. Mittlerweile sind zwei solcher Gruppen mit jeweils über 270 Mitgliedern am Start. Für diesen Freitag (29. Juli) ist auf Facebook ein "Pokémon Go"-Autokorso angekündigt, der um 19 Uhr am Dillenburger Bahnhof starten soll.

Auf www.presseportal.de/ blaulicht/top/pokemon sind sämtliche bisher eingegangen Polizeimeldungen aus ganz Deutschland aufgeführt. Die Polizei Mittelhessen gibt auf ihrer Facebookseite unter www.facebook. com/mittelhessenpolizei Tipps, wie man sich als "Pokémon Go"-Spieler so verhält, dass einem selbst nichts passiert und andere nicht belästigt werden.

Anmerkung der Redaktion: In den nächsten Tagen werden wir uns erneut mit dem Hype um "Pokémon Go" beschäftigen. In einem Gespräch mit der Verbraucherzentrale Hessen informieren wir über die Gefahren der App und die Risiken im Kleingedruckten der App.

 

Info: "Pokémon Go"

Das Onlinespiel "Pokémon Go" ist seit dem 13. Juli auch in Deutschland erhältlich. Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung hatte es einen regelrechten Hype um das Mobile Game gegeben. Bei "Pokémon Go" gehen die Spieler mit ihren Smartphones auf die Jagd nach den titelgebenden, virtuellen Monstern, die seit der Erstveröffentlichung von Pokémon-Spielen im Jahr 1996 – damals noch für stationäre Spielekonsolen und Handhelds – fester Bestandteil der Popkultur sind.

"Pokémon Go" ist ein so genanntes "Location-based Game" (dt. "positionsbezogenes Spiel"), das eine "erweiterte Realität" (Augmented Reality) nutzt. Mittels GPS und Mobilfunkortung ermittelt das Programm die Standortdaten der Spieler. Das Spiel wird im Freien gespielt. Die Nutzer gehen mit dem Smartphone in der Hand auf die Jagd nach virtuellen Monstern in der echten Welt. Dank Augmented Reality erscheinen die Pokémon im Sucher der Kamera. "Pokémon Go" kann man kostenlos spielen; auch der Download ist gratis. Das Spiel finanziert sich über sogenannte In-App-Käufe: Spieler können sich für echtes Geld Verbesserungen in der App kaufen.


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Kommentare (1)
Wo sind denn die Jäger heute alle? (genervter Anwohner) bisschen Regen und mimimimi...
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