Blauäugige müssen draußen bleiben

BILDUNG  Experiment am Herborner Johanneum legt die Mechanismen von Diskriminierung offen

Nichts weiter als eines von vielen äußeren Merkmalen: braune und blaue Augen. (Foto: Brakemeier/dpa)

„Wer hat gesagt, dass Du Dich setzen sollst?“Zwei Studentinnen und eine Schülerin beim „Blue-Eyed“-Experiment am Johanneum. (Foto: Hoge)
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Sekunden später tritt eine Mitschülerin vor den Anmeldetisch im Herborner Johanneum. Nun lächelt die Frau und grüßt freundlich. Kein roter Kragen, keine patzigen Worte. Das Mädchen hat braune Augen. „Deine Tasche passt übrigens gut zum Mantel. Das steht Dir“, bekommt sie mit auf den Weg.

Die Schüler sind in Blau - und Braunäugige aufgeteilt – und werden bevorzugt oder diskriminiert

Kurz darauf zieht eine Gruppe von Mitschülern an der 16-Jährigen vorbei. In einen Keller des Gymnasiums. Dort müssen sie mit dem Gesicht zur Wand stehen – eineinhalb Stunden lang. Alle sind blauäugig.

Konzentriert verfolgt Andrea Jovanic die Szenerie. Sie schaut streng, verzieht kaum eine Miene und macht sich immer wieder Notizen. Jovanic arbeitet am Institut für Förderpädagogik und Inklusive Bildung an der Gießener Justus-Liebig-Universität. Und sie wird das Experiment erst drei Stunden später auflösen.

DAS EXPERIMENT

Jovanic und 25 Studentinnen beschäftigen sich seit zwei Semestern mit dem „Blue Eyed“-Konzept. Zurück geht es auf die US-amerikanische Grundschullehrerin Jane Elliott, die das Experiment erstmals 1968 ausprobierte. Die Teilnehmer sind in zwei getrennte Gruppen aufgeteilt:, die Braunäugigen und die Blauäugigen. Sie machen die Erfahrung, wie es ist, diskriminiert oder bevorzugt zu werden. Das Ziel: Menschen für die Folgen von Diskriminierung sensibilisieren.

DIE AUSGANGSLAGE

Damit das Experiment funktioniert, werden die Schüler im Unklaren gelassen. „Angekündigt ist ein Projekttag Demokratie. Mehr wissen sie nicht“, sagt Lehrer Joachim Ullrich vorher. Mit dabei sind drei elfte Klassen des Herborner Johanneums. Die einzige Ansage lautet: Alle dürfen den Projekttag jederzeit abbrechen.

DIE EINWEISUNG

Vor drei Anmeldetischen warten die – noch ahnungslosen – Schüler, die sich in Listen eintragen sollen. Sie treffen auf zwei Studentinnen, die ganz verschieden mit ihnen umgehen – je nach Augenfarbe. Braunäugige werden höflich und zuvorkommend behandelt, Blauäugige herabgewürdigt und gedemütigt. „Warum lachst Du? Stell Dich gefälligst noch einmal hinten an!“, schnauzt eine Studentin eine 16-Jährige an. Alle Blauäugigen bekommen einen roten Kragen um den Hals – eine Art „Brandmarkung“. Danach müssen sie erst im Flur aufgereiht an eine Wand starren. Das wiederholt sich dann im Keller. „Bei mir hat das Aggressionen geweckt“, sagt ein Schüler später. Ihm und allen anderen sagt fast zwei Stunden lang niemand, wie es weitergeht.

DIE EINSCHWÖRUNG

Eine ganz andere Situation erleben die Jugendlichen mit braunen Augen: Im Klassenraum präsentieren die Studentinnen pseudowissenschaftliche Thesen, werfen mit Worten wie „Hypophyse“ oder „Gendefekt“ um sich und behaupten, Blauäugige seien weniger intelligent.

Auch an der Universität Gießen seien lediglich 0,5 Prozent der Menschen mit dieser Augenfarbe eingeschrieben. „Uns hat es selbst überrascht, als wir das herausgefunden haben“, sagt eine Studentin. „Selbstverständlich ist das alles totaler Käse“, betont Andrea Jovanic in der Nachbesprechung.

DER TEST

Um ihre an den Haaren herbeigezogenen Thesen zu untermauern, nehmen die Studentinnen einen Wissenstest vor. Dazu holen sie die Blauäugigen in die Klasse. Das – natürlich manipulierte – Ergebnis: Die Schüler mit braunen Augen schneiden deutlich besser ab. Währenddessen geht die Demütigung weiter: „Warum brauchst Du so lange? Ist dir klar, dass du die ganze Klasse aufhältst?“, bekommt ein Junge zu hören.

DIE PLAKATE

Auf Plakaten im Klassenraum sind haufenweise Vorurteile gegen Blauäugige zu lesen. Sie seien „respektlos und können sich nicht an Regeln halten“. Oder: „Sie sind dumm und lernen langsam.“ Die Studentinnen lassen die Diskriminierten diese Sätze vorlesen – und stellen sie vor der Klasse bloß. Nachdem die Blauäugigen den Raum verlassen haben, sagt einer der Bevorzugten: „Manches hat schon zugetroffen. Sie haben sich zum Beispiel widersetzt.“ Unterstützung bekommen die Diskriminierten nur hin und wieder. Zwei Schüler brechen das Experiment ab.

DIE AUFLÖSUNG

Nach drei Stunden versammeln sich die Schüler und die Studentinnen in der kleinen Aula des Johanneums. Jovanic klärt über das Experiment auf und sagt: „Wir laufen nicht immer in schwarzer Kleidung herum – und sind nicht immer so böse.“ Nächste Woche besucht die Pädagogin alle drei elften Klassen einzeln, um die Erfahrungen zu besprechen. Doch schon unmittelbar nach dem Experiment gibt es viele Reaktionen.

DIE REAKTIONEN

„Ich hätte nicht gedacht, dass sich so viele der Schüler vor den anderen so offen äußern“, sagt Lehrer Joachim Ullrich. Die Reaktionen zeigen, dass das Experiment für alle Formen von Diskriminierung sensibilisieren kann – nicht nur für Rassismus. „Mobbing hat sich lange durch mein Leben gezogen“, berichtet etwa ein Junge und fügt hinzu: „Es gibt eigentlich keinen Grund, Menschen so zu behandeln.“

Ein anderer Schüler erzählt, welche Folgen seine Herkunft immer wieder habe. „Ich wurde im Fußballverein ausgegrenzt. Obwohl ich Teil der Mannschaft war, wurde ich einfach nicht zur Meisterschaftsfeier eingeladen.“ Ähnliche Erfahrungen habe er schon häufiger gemacht, sagt der Schüler.

Zu Wort meldet sich auch eine junge Frau, die nach Deutschland geflüchtet ist – und nun das Johanneum besucht. Es sei eine schwierige Situation, niemanden zu kennen und die Sprache nicht zu sprechen. „Die Leute, die kommen, tun das nicht freiwillig. Für mich hat hier alles neu angefangen – ich bin neu geboren“, sagt sie.

Es sind Beispiele, für die das Experiment sensibilisieren möchte. „Uns geht es um alle Formen der Diskriminierung – ob wegen der Herkunft, des Aussehens, der sexuellen Ausrichtung oder aus anderen Gründen“, betont Jovanic.

Heute hätten die Schüler für eineinhalb Stunden auf eine Wand gestarrt, fasst die Wissenschaftlerin zusammen. Dann hält sie kurz inne und sagt: „Es gibt aber viele Menschen, die ständig mit dem Gesicht zur Wand stehen.“

 

TV-EXPERIMENT

Im Juli 2014 spielte der TV-Sender ZDFneo das „Blue-Eyed“-Experiment im Fernsehen durch. Die Dokumentation „Der Rassist in uns“ soll deutlich machen, wie Rassismus und andere Formen von Diskriminierung funktionieren und wie es sich anfühlt, herabgewürdigt und verunsichert zu werden.

Gleichzeitig geht es darum, wie schnell sich Menschen von der Idee vereinnahmen lassen, man gehöre einer klügeren, besseren Gruppe an. Das TV-Experiment „Der Rassist in uns“ ist hier zu finden. (hog)


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