Dichter begeistern - auch ohne Ton

SCHEUNEN-SLAM Vorträge für Gehörlose übersetzt

Den Dichterkrieg in Herborn entschied Indiana Jonas aus Landau für sich. Barbara Herbst übersetzt in Gebärden. (Foto: Jung)

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Am Ende gab es keine Verlierer, aber einen verdienten Sieger: Indiana Jonas. Etwa 200 Zuhörer lauschten den Vortragenden.

Stefan Dörsing führte als Moderator durch den Abend und zeige als "Einheizer" sein Können als "Slammer" und Beat-Boxer.

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Beim "Scheunen Slam Deaf Special" traten Lula Leitloff, Tristan Kunkel, Marco Michalzik, Max Kennel, Indiana Jonas, Andy Strauß, Nick Pötter, und Theresa Hahl gegeneinander an.

Grandios: Die Übersetzung in Gebärdensprache, die die Gebärdendolmetscherinnen Barbara Herbst und Svenja Markert lieferten. Da stimmte alles - Körperhaltung und Mimik.

Rhythmisch und mit ganzem Körpereinsatz wurden da die Texte für Gehörlose übersetzt. So hatten die 20 anwesenden Gehörlosen des Gehörlosenverbandes Herborn auch das volle Vergnügen. Doch auch die "Hörenden" empfanden die Übersetzungen als Bereicherung.

Die Gebärdensprache zeigte eine neue Dimension des "Poetry Slam", die auch die Dichter immer wieder einhalten und bewundernd der Übersetzung "lauschen" ließen.

Um es vorwegzunehmen - die heiteren und komödiantischen Beiträge des Abends wurden von der Jury und dem Publikum durchweg besser bewertet als die poetischen und tiefgründigen. Es gab aber auch viel zu lachen. Alleine die Grimassen des Münsteraners Strauß waren sehenswert - und wurden von Svenja Markert eins zu eins in "gehörlos" übersetzt - ein großes optisches Vergnügen.

Gewinner erhält eine Leinentasche, die das Publikum mit Geld und mehr gefüllt hatte

Einen nachdenkenswerten Slam über Zufriedenheit hatte Marco Michalzik aus Herborn verfasst: "Manchmal fühlt es sich an, als ob gar nichts funktioniert. Als ob mich jemand von der Sonnenseite in den Schatten katapultiert."

Lula Leitloff (Ballersbach) weihte ihr Gedicht einer Krankheit: der Schuppenflechte. "Mir passt es nicht, dass das Miststück von Krankheit auch noch bilderbuchreif ist", ließ sie die Zuhörer wissen.

Tristan Kunkel (Siegen) widmete seinen Text dem Sänger Peter Maffay. Wie der kleine Drache Tabaluga möchte auch Künkel nicht wirklich erwachsen und schon gar nicht so wie Rapper "Bushido" werden: "Deswegen wachse ich zwar weiter, aber über mich hinaus. Und setze das Erwachsenwerden einfach mal aus."

Über die Liebe hatte der Münsteraner Andy Strauß einen Slam verfasst: "Die ist mir zwar fremd, so vom Typ her, denn ich bin mehr krawallig", bekannte er.

"Auf der Tür steht zwar Drücken, doch die Welt zieht an mir vorbei" - mit diesem Statement begann Indiana Jonas aus Landau seinen Text, in dem er die Langsamkeit als Lebensform favorisierte.

Einen poetischen Text über das Leben in der Vorstadt trug die Bochumerin Theresa Hahl sehr sicher vor. "Ich wünsch´ mir Vorstadtsterne in jeder Kronleuchterlaterne", ließ sie ihr Publikum wissen.

Nick Pötter (Berlin) hatte sich mit der griechischen Mythologie beschäftigt. Götterbote Hermes beauftragte per Handy Siri, die Stimme des iPhone auf der Erde nach Liebe zu suchen. Und Zeus muss sich von Hera anhören: "Gerade dir muss klar sein, dass Liebe nie leicht zu finden war. Und selbst wenn man sie nicht sieht, sie ist da."

Der Bamberger Max Kennel ließ das Publikum an seinem übertriebenen Ehrgeiz teilhaben. Da wird die Ostereiersuche mit seiner Schwester zum Wettbewerb: "Weil ich an Ostern keine Schwester, sondern nur noch Feinde hab´."

Die Jury, bestehend aus fünf Personen aus dem Publikum, favorisierte durch ihre Wertung die drei Kandidaten Andy Strauß, Indiana Jonas und Nick Pötter. Nach einem weiteren sprachlichen Battle entschied Indiana Jonas den Scheunen Slam für sich. Sein Gewinn: Eine Leinentasche, die zuvor durch die Reihen des Publikums gereicht und gefüllt worden war und - neben Geld - auch einen Luftballon, eine Eieruhr und eine Toilettenpapierrolle enthielt. Bereichert wurde die Veranstaltung durch Lesungen von Schülerinnen des Johanneum-Gymnasiums. Die Texte stammten von Schülern der Rehbergschule und hatten beispielsweise den selbst erlebten Missbrauch und psychische Erkrankungen zum Thema.

Den bereits vierten Scheunen-Slam hatten Sascha Kirchhoff und Andreas Klein organisiert.


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