Ein Lied aus Hüttenberg für Lissabon?

MUSIK  Die Songwriter Josh Tapen und Janik Riegert wollen einen Titel zum Eurovision Song Contest schicken

Mischen kräftig im Musikgeschäft mit: die Songwriter Janik Riegert (l.) und Josh Tapen aus Wetzlar, die sich Quarterhead nennen. (Foto: Delia Baum)

23 und 24 Jahre jung sind die Songwriter Josh Tapen und Janik Riegert, die sich Quarterhead nennen. Ihr größter Erfolg: ein Goldalbum mit den Youtube-Stars „Die Lochis“, das zwei Echo-Nominierungen einbrachte.

Drei Monate vor dem ESC öffnen die Freunde die Tür des eigenen Studios in Hochelheim – nicht einmal 200 Meter entfernt von der Sporthalle des TV Hüttenberg. Der Raum ist Teil eines großen Studiokomplexes, dem Greycube. Auf mehr als 400 Quadratmeter verteilen sich sechs Regieräume, ein großer Aufnahmeraum und zwei Kabinen. Auch andere aufstrebende Musiker wie L’Aupaire, Samuel und Joshua Harfst oder Lupid sind hier zu Hause.

„Die Sache mit dem ESC kam für uns überraschend. Das ist ein cooler Wettbewerb. Schade, dass er in Deutschland zuletzt nicht so gut weggekommen ist“, sagt Josh Tapen, als er vor dem Mischpult sitzt.

"Man braucht extrem viel Geduld in diesem Geschäft. Jeder Tag ist anders."

Alles begann mit einer E-Mail, berichtet Janik Riegert – davon flattern jeden Tag einige ins Postfach. Über ihren Musikverlag, der an den Branchen-Riesen Sony angedockt ist, gelang der Sprung in ein dreitägiges Songwriting-Camp in Berlin. Dort traf das Duo auf die sechs Finalisten des deutschen ESC-Vorentscheids: Michael Schulte, Natia Todua, Xavier Darcy, Ivy Quainoo, Ryk und die Band Voxxclub.

„Es ist krass, was für riesige Planungen in diesem Jahr hinter dem ESC-Vorentscheid stehen“, berichtet Janik Riegert. Die Macher wollten unbedingt einen besonderen Act nach Portugal schicken.

Das erhofft er sich auch selbst: In Lissabon solle „kein durchkommerzialisierter Pop“ Deutschland repräsentieren. Viele der Songs beim Eurovision Song Contest seien austauschbar. Auch, wenn es immer wieder Ausnahmen gebe – etwa Conchita Wurst oder diverse Teilnehmer aus Skandinavien. „Eigentlich hat kulturelle Vielfalt diese Show immer ausgemacht. Es wäre cool, wenn wir da wieder hinkommen“, hofft der Wetzlarer.

Längst haben sich Quarterhead musikalisch in alle Richtungen geöffnet. Gearbeitet hat das Duo unter anderem schon mit Deutschpopgrößen wie Cro oder Wincent Weiss. Auch mit Moguai oder Jake Reese entstanden Songs.

Wichtig sei es, Titel genau auf die Künstler zuzuschneiden – und damit Geschichten zu erzählen, die authentisch sind. Etwa über Natia Todua, die letzte Gewinnerin der Castingshow „The Voice of Germany“. Die Sängerin flüchtete aus dem kriegsgeplagten Kaukasus, um ihren großen Traum von der Musikkarriere zu verwirklichen.

Neben dem Song für die gebürtige Georgierin hat Quarterhead auch Titel für Popmusiker Michael Schulte und Voxxclub geschrieben. Die Band hebt die Genre-Grenzen auf und vermischt Volksmusik mit Pop.

„Es wäre megageil, Deutschland in Lissabon zu vertreten. Aber man darf sich auf so etwas nicht versteifen“, weiß Janik Riegert, der – genau wie sein Kumpel und Kollege – schon erstaunlich realistisch auf die schnelllebige Musikbranche blickt.

Das von Quarterhead produzierte Album „#Zwilling“ der „Lochis“ landet auf Platz eins

„Es ist ein bisschen wie eine Lotterie. Man braucht extrem viel Geduld in diesem Geschäft und darf nicht abhängig vom Erfolg werden. Jeder Tag ist komplett anders“, erklärt Josh Tapen.

80 Prozent ihrer Zeit verwenden die Wetzlarer darauf, Songs zu produzieren, die das Licht der Welt erst einmal nicht erblicken. Auf manch eine Rückmeldung warten sie monatelang.

Dafür entschädigen Produktionen, die den Durchbruch schaffen. Wie das Album „#Zwilling“, das nicht nur „Die Lochis“, sondern auch Quarterhead auf Platz eins der deutschen und österreichischen Albumcharts katapultierte. Auch eine weltweite Kampagne eines Autoherstellers steht im Portfolio.

Unterwegs sind die Musiker, die auch eigene Dance-Pop-Songs produzieren, in Städten wie Wien, Amsterdam, Stockholm, Toronto, Miami oder Los Angeles – trotzdem fühlen sie sich in Hüttenberg pudelwohl.

Als Songwriter komme es darauf an, den richtigen Song im richtigen Moment unterzubringen, erklärt Janik Riegert. Manchmal schaffe es ein Titel auf ein Album, den die beiden selbst gar nicht so hoch eingeschätzt hätten.

Ob einer ihrer Songs beim Vorentscheid dabei ist, erfahren die Kumpels bald

Ein anderes Mal fehlt die nötige Portion Glück: So sind auf dem aktuellen Helene-Fischer-Album 25 Lieder zu finden – Hunderte standen zur Auswahl. Kurz bevor die Liste in Stein gemeißelt war, stammte ein Song aus der Feder von Quarterhead. Zum Schluss schaffte es das Duo aber doch nicht auf das Album einer der erfolgreichsten deutschen Sängerinnen. Das könne jederzeit passieren, erklären die Songwriter.

Nun sind die Augen aber erst einmal auf den ESC-Vorentscheid in Berlin gerichtet. Ob einer ihrer Songs dabei ist, erfahren die Fast-Hüttenberger in den nächsten Tagen. Natürlich könnten sich bei einem Erfolg neue Türen auf europäischer Ebene öffnen, wissen die Freunde, bleiben aber entspannt. „Das hat auch viel mit Zufall zu tun. Wir sehen es nicht als Wettbewerb, sondern nehmen mehr mit“, sagt Josh Tapen und verrät: „Es stehen noch ein paar andere große Sachen in der Pipeline.“

Gegen eine Reise nach Lissabon im Mai hätten Quarterhead aber trotzdem nichts zu einzuwenden.

 

 

QUARTERHEAD 

Mit 15 Jahren fingen die Wetzlarer Josh Tapen (23) und Janik Riegert (24) an, gemeinsam Musik zu machen – schon damals unter dem Name Quarterhead. „Der ist vom Himmel gefallen“, sagt Josh Tapen. Nach der Schule entschied sich das Duo gegen eine Ausbildung oder ein Studium. Heute arbeiten die Freunde in verschiedenen Genres als Songwriter. Ihr Studio befindet sich in Hüttenberg. (hog)

 

FAHRPLAN ZUM ESC

22. Februar: Deutscher Vorentscheid zum ESC in Berlin.

8. Mai: Erstes Halbfinale des ESC in Lissabon.

10. Mai: Zweites Halbfinale des ESC in Lissabon.

12. Mai: Finale des ESC in Lissabon.


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