Ein Stab, der die Welt bedeutet

SPORT Wetzlarer Twirler wollen bei der Deutschen Meisterschaft aufs Treppchen
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Twirling: Das ist Turnen, das ist Jonglage und das ist Formationstanz. "Früher standen wir regelmäßig unter der Rubrik Curling" sagt Abteilungsleiterin Jutta Mohr-Lindenstruth und lacht. Mittlerweile habe sich das aber gebessert, auch wenn weiterhin die meisten, die zum ersten Mal vom Twirling hören, verdutzt schauen. Und obwohl in Niedergirmes schon seit den 70er Jahren getwirlt wird, fristet die Sportart - die zwar nicht olympisch, aber immerhin sogar Weltmeisterschaften austrägt - eher ein Nischendasein.

In den USA, Kanada und Japan sieht das ganz anders aus. Dort gehört Twirling zu den etablierten Sportarten. In Europa sind Frankreich und Italien Vorreiter. "Mit diesem Leistungsniveau können wir nicht konkurrieren. Dort gibt es eine klare Trennung zwischen Leistungsniveau und Breitensport", erklärt Mohr-Lindenstruth, die zu den ersten Twirlern in Niedergirmes gehörte und heute den Nachwuchs trainiert.

Das Ziel beim Twirling: Körper und Bâton - der ständig in Bewegung ist - in Einklang zur Musik bringen und sich bloß keinen Fehler - den so genannten Dropp leisten. Der kostet Punkte. Jedes Mal, wenn der Bâton den Boden berührt.

Was für den Laien wie bloßes Herumwirbeln des Stabes aussieht, unterscheiden Twirler in drei Kategorien: Rollen, Schleudern und Kontaktmaterial. Dabei wird entweder der Bâton direkt am Körper entlanggerollt, weit nach oben in die Luft geschleudert oder der Stab zwar in der Luft bewegt, allerdings nur in Körperhöhe.

Den kritischen Blick für die kleinste Kleinigkeit hat Dominique Schmidt. Bis 2012 selbst aktive Twirlerin und bereits seit zwölf Jahren als Juror im Einsatz, trainiert sie die knapp zehn Mädchen und Leon, den derzeit einzigen männlichen Twirler. Denn selbst das korrekte Auffangen des Stabs kann entscheidend für die spätere Punktzahl sein. Schließlich ist der Bâton vielmehr als nur ein Stab und hat, für den Laien aus der Entfernung kaum erkennbar, zwei unterschiedlich große Enden. Die Gummistoppen heißen Tip und Ball, wobei der Ball größer ist als der Tip und der Daumen immer zum größeren Ende zeigen sollte.

"Die Stabtechnik sollte schon korrekt sein und trainiert wird auch mit beiden Händen, sonst wird es später zu einseitig", erklärt Jutta Mohr-Lindenstruth, während Sina, Sophie, Laura und die anderen vom Einzeltraining zum Teamtraining wechseln.

Von Solo über Duo und Team bis hin zur Gruppe ab zehn Personen kann ge-twirlt werden. "Leider können wir dieses Jahr keine Gruppe stellen, da wir mit neun Teilnehmern und einem Ersatzmann alle im Einsatz haben", sagt Mohr-Lindenstruth, die sich über neue Twirler freuen würde.

Geeignet ist die Sportart für Kinder bereits ab vier oder fünf Jahren. Gestartet wird in unterschiedlichen Altersklassen. Wer bereits vorher geturnt hat oder als Cheerleader unterwegs war, habe die allerbesten Voraussetzungen zum twirlen, erklärt Mohr-Lindenstruth.

Drei Mal die Woche lassen die Niedergirmeser Twirler ihre Bâtons während des Trainings in Form von Flip oder Loop fliegen. Je nach Alter, Können und Größe der Athleten variiert die Länge des Bâtons. Sportliche Kleidung und Turnschläppchen, das reicht, um loszulegen. Für die späteren Formationstänze bei Turnieren und Soli werfen sich die Mädels und Leon in Schale. Und dann wird getwirlt.

Und das macht die Mannschaft aus Niedergirmes mit großem Erfolg. Nimmt sie doch zum wiederholten Mal an der deutschen Meisterschaft und dem Deutschland-Cup teil und ist am 16. und 17. Mai auch Gastgeber der Veranstaltung in der August-Bebel-Halle.

Bis dahin trainieren Sina, Sophie und die anderen Twirler wieder und wieder ihren Formationstanz. Darin enthalten ist auch ein so genannter Crossover. Bei diesem Manöver fliegt der Bâton von der einen Seite über die in Reih und Glied stehenden Twirler hinweg, um am anderen Ende von Sina aufgefangen zu werden. Wieder und wieder wird geübt. "Bis zum Wettkampf muss das sitzen", ruft Dominique Schmidt und gibt nochmal ein paar Tipps, worauf die Twirler genauer achten sollen. Und was sagen die Mädels und Leon selbst zur Meisterschaft: "Unter fünf Drops bleiben!" und "Ein Platz auf dem Treppchen wäre schon klasse", ist sich die Gruppe einig.

- Wer selbst einmal twirlen will, kann die Twirlinggruppe der TSG Niedergirmes zu folgenden Trainingszeiten besuchen: Montags von 17 bis 18.30 Uhr in der Turnhalle der Geschwister Scholl Schule (Weingartenstraße 19); Dienstag 16.30 bis 20 Uhr und freitags von 15.45 bis 18.30 Uhr jeweils in der Sporthalle der August-Bebel-Schule (Dammstraße 66).

 

Twirling

Twirling ist eine Mischung aus Turnen, Jonglage und Tanz. Im Mittelpunkt steht der so genannte Bâton (französisch: Stab) der mit der Hand gedreht, am Körper gerollt oder in die Luft geschleudert wird. Begleitet werden die Übungen, die sowohl als Solo, Duo, Gruppe oder als Team gezeigt werden können, von Musik. Der Twirling-Sport, so wie er heute weltweit ausgeführt wird, hat seine Wurzeln im Majorettentanz. Ein Formationstanz uniformierter Mädchen und Frauen mit Bâton, wie man ihn von Paraden und Umzügen kennt. Aus diesem Majorettentanz heraus entstand in den USA dann während der 1970er Jahre der heutige Twirling-Sport.


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