Erste Sprosse auf der Karriereleiter

Casting  Talentscouts der UFA halten in Wetzlar Ausschau nach zukünftigen Stars

Als sich Ronja auf der Casting-Bühne im Forum singt und Gitarre spielt, bildet sich davor eine Menschentraube. (Foto: Hinze)
Applaus für das Mädchen mit Hut und Gitarre: m Einkaufszentrum Forum stellte sich die 19-jährige Ronja dem Casting der UFA-Talentbase. (Foto: Hinze)
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„Und Schnitt!“, ruft ein Mann mit Headset im blauen „UFA-Talentbase“-Oberteil am Freitagnachmittag durch das Wetzlarer Forum. Ein roter Teppich ist ausgerollt. Zwei große blaue Stellwände stehen mitten im Einkaufszentrum. Vor der rechten werden die Kandidaten abgelichtet. Fotos für die Talentkartei. Links führen sie das vor, was sie ihrer Meinung nach am besten können: Singen, schauspielern, rappen. Wer sich hier zum Casting vorstellt, träumt von der großen Showbizkarriere: Superstar, Supertalent, Supermodel.

Auf einer Bank vor der Szenerie sitzt eine Dame und wartet auf ihren Auftritt. Ihren Oberkörper ziert ein Klebezettel mit der Nummer 84. Vorbereitet hat sie sich nicht: „Ich hab das in der Zeitung gelesen und dachte mir, mehr als nach Hause schicken können sie dich nicht.“ Sie lacht. Selbstvertrauen hat sie. „Die 87 einmal zum Fotografen bitte“, tönt es unterdessen aus den Lautsprechern. Posieren für die Kamera gehört dazu.

Als die Frau mit der Nummer 84 aufgerufen wird, wird vor der Fotowand ein junges Mädchen mit Hut fotografiert. Sie posiert mit ihrer Gitarre. Der Fotograf gibt Anweisungen. Mittlerweile hat sich auch eine kleinere Menschenansammlung um das Set gebildet. Ein paar Kids haben ihre Smartphones gezückt und filmen die Kandidaten. „Ich muss mir das anschauen“, sagt ein Junge mit Kappe zu seinem Kumpel: Das ist wie RTL im Reallife!“

Das ganze Set wirkt tatsächlich so, als würde man gerade „das Supertalent“ im Samstagabendprogramm ansehen. Ein bisschen Voyeurismus der Zuschauer gehört dazu. Ein bunter Mix aus Leuten jeglicher Couleur stellt sich hier vor.

Wenn sich allzu eifrige Eltern einmischen, wird eingeschritten: Die Kinder sollen sie selbst sein.

„Wir sind das ganze Jahr auf Castingtour durch Deutschland“, erklärt Marcel Nitschke von der UFA-Talentbase. Immer auf der Suche nach den nächsten Stars oder Sternchen. Freitag- und Samstagnachmittag hielten die Talentscouts Ausschau im Forum. Freitag waren die Erwachsenen dran, Samstag Kindertalente. Wenn sich allzu eifrige Eltern einmischen, wird eingeschritten: „Die Kinder sollen sie selbst sein. In so einem Fall würden wir sofort dazwischengehen“, sagt Nietschke.

Die UFA-Talentbase ist das Talent- und Casting-Portal der UFA, Deutschlands Marktführer im Bereich Film- und Fernsehproduktion. Auf der Website klingt das persönliche Erfolgsrezept für jedermann einfach: „Anmelden, am Casting teilnehmen, entdeckt werden!“ Aber eines gehört vor allen Dingen dazu: Talent.

Auf einem Bildschirm laufen Ausschnitte der Shows und Sendungen, bei denen die Kandidaten vielleicht bald mitwirken können. Das Spektrum reicht von Vorabend-Seifernopern wie „GZSZ“ oder „Unter uns“ über Krimis wie „SOKO Leipzig“ bis zu geplanten Film- und Serienformaten oder Castingshows a la „Deutschland sucht den Superstar“. „Die Gewinnerin der letzten DSDS-Staffel stand letztes Jahr auch bei einem Casting in Neuss“, sagt der Headsetträger motivierend in das Mikrofon.

Derweil ist das Mädchen mit Hut und Klampfe fertig mit ihren Fotos. Sie hat sich ein Eis geholt. „Ich hab noch nie professionelle Fotos gemacht“, erklärt sie. Auf den Castingtermin aufmerksam gemacht, hat sie ihre Mutter. Diese hat Ronja, so heißt die junge Frau, ebenfalls als emotionalen Support mitgebracht. „Ich hab die Ankündigung in der Zeitung gelesen und dachte mir, da kann sie sich mal präsentieren und wenn es auch für sie selbst ist“, sagt Ronjas Mutter.

Ronja wartet einige Minuten später vor der Fotostation und löffelt ihr Eis. Ihren Auftritt hat sie noch vor sich.

„Du bist 25 Jahre verheiratet, ihr habt Hochzeitstag, dein Mann kommt nicht zum Essen“

Vor der linken Wand bekommt eine weitere Kandidatin das Headset-Mikro von den UFA-Mitarbeitern umgeschnallt. Sie soll sich vorstellen, wie erst einmal jeder Bewerber. Schauspielern möchte sie. Der Castingleiter gibt das Setting vor: „Du bist 25 Jahre verheiratet, ihr habt Hochzeitstag, dein Mann kommt nicht zum Essen und sagt dir am Telefon, dass es aus ist.“ Zweimal spielen sie den Spontan-Dialog durch. Zum Schauspielern gehört auch Improvisationstalent. Nach dem ersten Durchgang sagt er zu der Kandidatin: „Sei wütender. Ich weiß, es ist schwierig da vorn zu stehen.“

Ein schnelles Casting, so wie man es im TV sieht, ist das hier auf keinen Fall. Bei der UFA-Talentbase werden die Kandidaten auf Herz und Nieren geprüft. Sie sollen zeigen, was in ihnen steckt, vielseitig sein. Nachdem die Schauspielkandidatin die Bühne verlassen hat, betritt Ronja mit der Gitarre die Bildfläche. Sie packt ihre Gitarre aus und nimmt auf einer Kiste Platz. Ein paar Saiten werden gezupft, um zu prüfen, ob die Klampfe gestimmt ist. Ihre Füße baumeln ein paar Zentimeter über dem Boden. Im Gepäck hat sie nicht nur Coversongs, sondern auch selbstgeschriebenes Material. „Meine Songs handeln von Dingen, die mir wichtig sind“, sagt die 19-Jährige. Einer davon, so sagt sie, handele von den Waffengesetzen in den USA.

Als sie beginnt zu spielen wird das Gemurmel der geschäftig herumtreibenden Kunden im Forum leiser. Die Menschentraube wird größer, auch vom oberen Stockwerk sehen die Menschen zu. Nachdem Ronja ihren ersten Song vorgetragen hat, folgt Applaus. Das erste Mal heute applaudieren die Menschen lautstark. Die Manöverkritik folgt jedoch sogleich: „Du hast eine wunderbar klare Stimme. Aber du musst noch mehr zeigen, dass es dir Spaß macht.“ Ronja kontert wie ein alter Showhase und ist auch spontan dazu bereit, einen Coversong von Avril Lavigne zu singen. Eine Ballade. Den Liedtext liest sie vom Handy ab. Das Publikum applaudiert erneut. Vielleicht hat die UFA-Talentbase in Wetzlar heute sogar einen Treffer gelandet.


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