Heimat, Hüte, Helden

Interview  Johannes Oerding gastiert am 2. September auf dem Schiffenberg

Würde gerne auch einmal mit Pink singen: Johannes Oerding. (Foto: M. Schaar)
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Herr Oerding: Max Giesinger, Andreas Burani, Vincent Weiss, Jonas Monar. Wird es allmählich eng im Karpfenteich deutschsprachiger Poppoeten?

Johannes Oerding: Wenn man uns alle in die gleiche Schublade stopft, wird es natürlich etwas eng. Aber ich denke, dass jeder von uns seine Nische gefunden hat. Vincent Weiss spricht die eher jüngere Belegschaft an, Andreas Burani steht auch für eine andere Popart und ich stehe eher für Livekonzerte, das Unterwegssein, Touren.

Ich habe aber auch ein bisschen das Gefühl, dass es etwas inflationär wird derzeit, und ich habe Angst davor, dass dadurch die Qualität leidet, die Texte wieder schlechter werden und die Musik belangloser. Das hat nicht unbedingt etwas mit den Künstlern zu tun, sondern oftmals mit den Radioformaten, die so einen Einheitssound suchen.

Die Frage muss natürlich sein: Warum der Hut?

Oerding: Das hat zwei Gründe. Seitdem ich Musik mache, schon damals in der Schülerband, war das meine Bühnenverkleidung. Für mich war das das Zeichen, okay, ich gehe jetzt auf die Bühne. Und dann habe ich auch so weniger Sorgen wegen der Frisur. Ich finde meine Haare jetzt nicht so spannend ... Ich sag mal so: Das Haar wird ja auch nicht voller mit dem Alter ...

Das kann ich bestätigen.

Oerding: Ich hab’ noch keine Glatze oder so, aber ich hatte als Kind einmal schöne Engelslocken und jetzt ist das eher ein „Gefieder“.

Wie viele Hüte gibt es?

Oerding: Ich glaube, ich bin jetzt bei über 30. Ich habe aber aussortiert, denn wenn man sie eine Weile nicht nutzt, verstauben sie und werden komisch.

Nerven Sie Fragen zu Ina Müller? Ihre Beziehung scheint wichtiger zu sein als die Musik?

Oerding: Das hat sich in den letzten Jahren ein bisschen relativiert, aber es nervt mich auch nicht, weil man es ja selbst in der Hand hat, ob man etwas dazu sagt oder eben nichts dazu sagt.

Wo wir gerade über Musik reden. Wo finden Sie die Themen für Ihre Lieder?

Oerding: Es gibt verschienene Inspirationsquellen. Ich gucke immer erst, was beschäftigt mich persönlich, was beeindruckt mich, was bedrückt mich, und das schreibe ich dann auf. Die andere Inspirationsquelle sind die Menschen drum herum, aus dem alten Umfeld, Freunde, Bekannte, Familie. Oder wenn man auf Tour ist und unterwegs in einem Café sitzt und die Leute reden hört, kann man auch spannende Geschichten erfahren. Ich glaube, so muss man es machen: Immer mit offenen Augen und Ohren herumlaufen und gucken, was man aufsaugen kann.

Ich denke, ich überspringe ein, zwei Fragen, sonst sind wir morgen noch immer dabei.

Oerding: Ja, ich red’ ganz gerne (lacht).

In „Alles brennt“ besingen Sie ein kleines bisschen Blau zwischen schwarzen Wolken. Sind Sie ein Optimist?

Oerding: Ich würde schon sagen, dass ich ein Optimist bin. Ich kann auch mal jammern, was wohl daran liegt,dass das jeder in diesem Land sehr gut kann. Aber im Grunde genommen stehe ich dafür, dass ich gerne Leute um mich herum motiviere, wenn mal einer durchhängt. Das ist ein bisschen der Rheinländer in mir (lacht), der sagt „Komm, das schaffen wir schon, weiter geht’s“.

Noch’n Lied: „Hundert Leben“. Die Lehrer waren stets bemüht, heißt es da. Was für ein Schüler waren Sie?

Oerding: Ein Unterdurchschnittlicher würde ich sagen. Bis auf, glaube ich, Sport und Religion, merkwürdigerweise, gab es kein Fach, in dem ich wirklich gut war. Am Ende des Tages ist man da irgendwie so durchgeschlittert. Ich glaube, ich habe damals schon die Schule eher als Bühne gesehen.

Ein drittes Lied: „Heimat“. Ich war beeindruckt von einem Video. Tausende junger Leute lassen zu „Heimat“ die Handys leuchten. Ist Heimat modern?

Oerding (überlegt): Ich finde, wenn man Heimat in den richtigen Zusammenhang setzt, für einen persönlich, dann ist Heimat ein schönes Wort beziehungsweise Gefühl. Was ich mit diesem Lied nicht bezwecken wollte, ist, dass man sein Land oder dergleichen groß hofieren oder stolz sein soll, dass man irgendetwas ist, wofür man nichts kann. Das Lied wurde auch schon missbraucht, die AfD hat meinen Song mal genutzt, wogegen wir sofort rechtlich vorgegangen sind.

Für mich ist Heimat ein Gefühl, wie auch in dem Song besungen wird, ein Gefühl, für das Menschen sorgen, nicht eine Lokalität oder dergleichen. Also die Menschen, die man mag; meine Mutter oder der Geruch von Frikadellen, wie sie nur meine Mutter gemacht hat, das kann schon Heimat sein und das wollte ich mit dem Song klarmachen.

Peter Maffay als Seelenverwandter, dickes Lob von Lindenberg, Verkaufserfolge, viele Fans, privates Glück. Sie haben viel erreicht. Was soll da noch kommen?

Oerding (lacht): Eigentlich muss man jetzt sagen „Das habe ich mir auch schon überlegt“.

Ich bin gerade mit Peter Maffay auf Unplugged-Tour. Es ist ein unfassbarer Spaß und ich freue mich einfach jeden Abend, wenn Peter nette Worte über mich verliert (lacht). Das ist einfach der klassische Ritterschlag. Dass man Künstler wie Peter und Udo kennenlernen kann, seine Helden, dann noch mit ihnen arbeiten darf und dass man sich auch noch mag, das sind alles so kleine Traumgeschichten, die in Erfüllung gehen.

Nichtsdestotrotz will ich den Beruf noch die nächsten 30, 40 Jahre machen. Ich kann halt nichts anderes und deshalb muss man sich immer wieder etwas einfallen lassen, um weiter zu kommen. Das ist das Schöne, das kann man sich bei diesen alten Jungs abgucken. Die haben sich immer wieder neu erfunden, waren immer hungrig und neugierig und sind es immer noch.

Gibt es einen Traumduettpartner, der noch aussteht?

Oerding: Männlicherseits eher nicht, vielleicht Bruce Springsteen noch. Weiblicherseits würde ich gerne mit Pink singen, wenn ich international träumen darf. Ich finde, dass sie ganz fantastisch als Künstlerin und Sängerin und hoffentlich auch als Mensch ist.

Wie groß ist die Angst, dass alles plötzlich vorbei ist?

Oerding: Nicht mehr so groß. Es gab Zeiten, da habe ich ein bisschen mehr gezweifelt. Aber jetzt, wo man etwas etabliert ist, ist eigentlich gesichert, dass, egal wo man spielt und egal, ob man zwei, drei Flop-Alben herausbringt, die Basisfans immer wieder kommen. Das heißt nicht, dass man dauernd vor Tausenden von Leuten spielt, aber es werden immer so 100 oder 200 vor der Bühne stehen. Damals waren wir auch zufrieden und haben uns riesig gefreut, wenn 80 Leute kamen.

Also kein Plan B für eine Karriere nach der Karriere?

Oerding: Ehrlich gesagt nicht, ich wüsste gar nicht, was ich machen sollte.

Können Sie die Musik anderer zu Hause einfach nur genießen oder analysiert man die Lieder, Komposition, Text automatisch mit?

Oerding: Ja, das ist leider das große Ding bei Musikern, was wirklich schade ist: Wenn wir auf Konzerte gehen oder Musik hören, ist immer etwas Analyse dabei. Man kann sich nicht mehr so richtig fallen lassen. Aber wenn es dann passiert, dass man wirklich von Musik so ergriffen wird, dass man alles drum herum vergisst, weiß man, dass die richtigen Knöpfe gedrückt wurden.

Können Sie das Feierabendbierchen in der Eckkneipe noch ungestört genießen?

Oerding: Ist schwieriger geworden. Es kommt auch ein bisschen auf die Region an, im Norddeutschen ist es etwas unentspannt. Aber ich muss dazu sagen, die Leute sind in der Regel sehr, sehr entspannt. Ich habe ja kein Justin-Bieber-Publikum, das kreischend über mich herfällt, sondern da kommt ein Pärchen und sagt „Wir waren bei deinem Konzert, können wir ein Foto machen?“ Das ist nicht so anstrengend, wie man es sich vielleicht vorstellt. Es ist aber tatsächlich mehr geworden.

Jeder wird gern gelobt, können Sie mit Kritik umgehen?

Oerding: Ganz schlecht ...

Oje, oje!

Oerding: Ja, wirklich. Man muss sich das so vorstellen: Wenn man so viel Eigenes und Persönliches in seine Musik, seine Liveshows, seinen Habitus auf der Bühne steckt, dann kann eine Bewertung von außen, von Menschen, die einen nicht kennen, schon weh tun. Und man hat nicht die Chance, sich zu rechtfertigen.

Ist aber nicht schlimm, denn es gibt eine ganz einfache Lösung: Man liest es nicht mehr. Das mache ich schon seit drei, vier Jahren so und mir geht es wirklich besser dabei (lacht). Ich habe letztens gelesen, was Ritchie Blackmore gesagt hat: Wenn du anfängst, Kritiken zu lesen, und wenn du die guten Kritiken liest und glaubst, dass es stimmt, dann musst du auch schlechte Sachen lesen und glauben, dass die schlechten Sachen stimmen.

Ihre Lieder haben Gänsehautfaktor. Bei welcher Musik bekommen Sie Gänsehaut?

Oerding: Es gibt durchaus Gänsehautmusik, etwa von anderen Singer/Songwritern, die ich gerne höre, auch amerikanischen. Bei Michael Jackson oder Prince, „Purple Rain“ und dergleichen, bei den großen Classics, da kriege ich Gänsehaut. Daran merke ich dann auch, dass das ein wenig meine Inspiration war, überhaupt Musik zu machen.

Johannes Oerding gastiert am 2. September im Open Air auf dem Gießener Schiffenberg. Mehr dazu auf http://giessen-entdecken.de.


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