Hoch hinaus in Estlands Einsamkeit

Die 20-Jährige hat in diesem Jahr ihr Abitur am Weilburger Gymnasium Philippinum gemacht. „Weil ich nicht sofort von der Schule an die Uni wollte, habe ich mich für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr entschieden“, erklärt sie. Die Arbeit draußen mache ihr Spaß.

Warum es Estland sein musste? „Auf diese Stelle bin ich nach langer Suche im Internet gestoßen. Das hat sich interessant angehört, und weil ich es reizvoll finde, in ein Land zu reisen, von dem man nicht viel weiß und es auch eher nicht besuchen würde, habe ich mich gegen die typischen Ziele wie Neuseeland und für Estland entschieden.“

Katrins Weg führte sie aber nicht direkt ins Baltikum, sondern über die Hauptstadt Schleswig-Holsteins, Kiel. Weil der Träger ihres FÖJs das nordelbische Jugendpfarramt ist, hat sie die ersten zwei Wochen in Kiel im Naturerlebniszentrum Kollhorst verbracht. „Dort habe ich Grundlagen in der Umweltbildung gelernt, mir Wissen über Tiere und Pflanzen angeeignet und verschiedene andere Seminare besucht“, erzählt Katrin. Die Arbeit in Kiel sei eine gute Vorbereitung auf ihre jetzige Stelle in Estland gewesen. Seit Mitte August ist die 20-Jährige jetzt im nördlichen Baltikum.

„Ich wohne hier in einer kleinen Wohnung am Rand des Soomaa Nationalparks in einem ,Ort’ namens Iia, der aus zwei Häusern und zwei Schuppen besteht. Rundherum ist Wald. Der nächste richtige Ort ist etwa acht Kilometer entfernt, meine Arbeitsstelle sechs Kilometer.“ Ohne Auto gehe da bei ihr nichts. Der Nationalpark befindet sich im Südwesten des Landes und ist etwa 180 Kilometer entfernt von der estnischen Hauptstadt Tallinn.

Die Wohnung teilt sie sich mit einer Mitbewohnerin, die ebenfalls wie sie ihr FÖJ im Nationalpark in der Tipu Naturschule macht. Die Unterkunft haben die beiden von ihrer Vorgängerin übernommen. „Hier leben viel weniger Einwohner. Die gesamte Gemeinde hat weniger Einwohner als Gräveneck, wo etwa 850 Menschen leben“, sagt sie. Ganz oft gebe es einsame Bauernhöfe und Häuser, die mitten in der Natur liegen. „Außerdem muss ich mich noch daran gewöhnen, dass ich bestimmte Dinge, die es in Deutschland überall gibt, hier fast nirgends zu kaufen bekomme, wie zum Beispiel Spinat.“ Auch das Autofahren auf Schotterstraßen sei gewöhnungsbedürftig: „Aber geteerte Straßen gibt es hier im Nationalpark kaum. Was leider auch schon zu einem platten Reifen an unserem Auto geführt hat.“

Estnisch zu lernen ist nicht einfach, aber die wichtigsten Worte kennt Katrin

Schwierig sei es auch, sich mit den Esten zu unterhalten. „Die wichtigsten Worte für den Einkauf, wie Milch und Eier, habe ich zwar schon gelernt und einmal pro Woche habe ich einen Sprachkurs. Aber die Sprache zu lernen, ist schwieriger, als ich dachte.“ Sie habe keine Ähnlichkeit mit einer ihr bekannten Sprache, erklärt Katrin. „An der Arbeit habe ich allerdings kein Sprachproblem. Die Leiterin der Naturschule ist Deutsche und mit den zwei Mitarbeitern reden wir englisch.“

Im Soomaa Nationalpark sind Katrins Aufgaben sehr breit gefächert. „Wir sind viel draußen, räumen beispielsweise das Gelände auf, sägen Holz, arbeiten am Teich, streichen oder sammeln Äpfel und Beeren, die wir dann auch weiterverarbeiten. Außerdem bereiten wir Materialien für die Schulklassen vor, die herkommen, basteln, recherchieren, stellen Infomaterial zusammen und vieles mehr“, erzählt sie. Für den kommenden Winter gibt es auch schon Pläne: „Wir werden außer Schnee schaufeln und Tierspuren suchen leider nicht viel draußen machen können, weshalb wir dann wahrscheinlich viel Theoretisches oder Kreatives machen werden.“ 
Und Kreatives liegt Katrin. Sie macht in ihrer Freizeit Musik, hat Querflöte gelernt. Außerdem näht und bastelt sie gerne. Im Moment ist sie viel draußen unterwegs, erkundet die Umgebung und besucht mit ihrer Mitbewohnerin größere Städte. Die beiden haben sich vorgenommen, noch viel zu reisen und eventuell auch die Nachbarländer zu erkunden. „Außerdem haben wir das Kochen und Backen entdeckt und probieren viel aus.“

Für einige Seminare muss Katrin hin und wieder während ihres FÖJs nach Deutschland kommen. „Dann lernen wir etwas über verschiedene Themen im Umweltbereich, machen Projekte und veranstalten Aktionen.“ An eins der Seminare will Katrin dann noch ein paar Tage Urlaub hängen, den sie Zuhause verbringen möchte. Sich von ihrer Familie und Freunden zu verabschieden sei ihr schwer gefallen. „Es fehlt mir schon, mich einfach mal mit ihnen zu treffen, zusammen zu feiern oder ausführlich zu reden“, gesteht sie. Ihren Freund jetzt so lange nicht zu sehen, sei besonders hart. „Skype macht es aber erträglich“, sagt sie. Fast jeden Abend sitze sie vor dem Computer und halte Kontakt zu ihm und ihrer Familie. „Im Laufe der Zeit wird das sicher ein bisschen weniger werden, aber im Moment genieße ich das und es gibt ja auch jeden Tag viel zu erzählen.“


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