Hohe Schuhe und Haferflocken

Beruf  Die 20-jährige Lucie Stoll aus Sinn arbeitet als Model in der ganzen Welt

Meilenstein: Lucie Stoll in einer Kreation von Gucci bei der Show im Frühjahr 2017 in Florenz. (Foto: Vogue Runway)
Die 20-jährige Lucie Stoll aus Sinn mit ihrem ersten Cover: Im September zierte ihr Gesicht die Titelseite des Magazins „Tush“. (Foto: Paeschke)
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Entspannt sitzt die ganz in Schwarz gekleidete junge Frau am Esstisch ihres Elternhauses, trinkt Kaffee und knabbert einen Keks. Gerade erst ist sie von der Fashion Week in Paris zurückgekommen, die nächste Station heißt voraussichtlich New York.

„Ich bin sehr glücklich, wie alles gekommen ist“, bilanziert die 20-Jährige, deren Leben in den vergangenen 17 Monaten eine rasante Wendung genommen hat.

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Denn der Kurs war zunächst ein ganz anderer. Als Hausgeburt erblickt sie in Sinn das Licht der Welt, besucht nach dem Kindergarten die Neue Friedensschule und wechselt mit Beginn der fünften Klasse ans Johanneum-Gymnasium nach Herborn. Dort legt sie im Jahr 2015 ihr Abitur ab und studiert danach Medizinmanagement an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen – bis zum Mai 2016. Dann verändert sich alles.

Als Lucie Stoll mit 18 Jahren in einer Disco entdeckt wird, glaubt sie dem Agenten kein Wort

In einer Frankfurter Diskothek lernt die damals 18-Jährige den Modelagenten Alexander David Kern kennen, der sie fragt, ob sie Interesse habe, Mannequin zu werden. „Das habe ich erst nicht geglaubt. Ich habe gedacht, das wäre eine billige Anmache“, erzählt Lucie Stoll lachend. Obwohl Telefonnummern ausgetauscht werden, kommt es zunächst zu keinem Kontakt.

Ein paar Wochen später begegnen sich Alexander David Kern und Lucie Stoll zufällig in einem anderen Frankfurter Club wieder. Und diesmal wird es ernst: Schon wenige Tage später fährt die junge Sinnerin nach Wiesbaden, wo Kern gemeinsam mit seiner Mutter Véronique die Agentur SMC Model Management führt. Lucie Stoll unterzeichnet den Vertrag – und öffnet sich die Tür zu einer neuen Welt.

Knapp eine Woche später sitzt sie bereits im Flugzeug nach London, wo bei einer Agentur Probeaufnahmen und Castings anstehen. Fotografiert zu werden, sei nicht problematisch gewesen. „Da hatte ich ein bisschen Übung. Mein Vater hat schon viele Fotos von mir gemacht“, erzählt die 20-Jährige. „Aber das Laufen war schwierig. Ich bin 1,83 Meter groß. Ich hatte nie vorher hohe Schuhe getragen. Das konnte ich überhaupt nicht“, erinnert sich Lucie Stoll lachend.

Der „erste Job“ kommt im August 2016. Und der ist gleich ein Meilenstein. Lucie Stoll wird für eine Modefotostrecke für das Magazin „Harrods“ gebucht. „Da habe ich zum ersten Mal im Leben ein Kleid von Prada angehabt“, sagt sie.

Nur einen Monat später hat die Sinnerin ihren ersten Auftritt auf dem Laufsteg – bei der Show eines Designers. „Das alles hat mich sehr motiviert, weiter zu machen“, bilanziert die im Sternzeichen Löwe geborene Frau.

In den folgenden Monaten lernt die junge Sinnerin das Leben eines Models von der Pike auf kennen. Ungezählte Flüge in verschiedene Städte der Welt, Shootings (wie es in der Modesprache heißt) und Castings. So mancher Arbeitstag ist zwölf Stunden lang. Nicht immer fällt ein Job für Lucie Stoll ab. Sie muss lernen, auch damit umzugehen.

Im April 2017 folgt ein weiterer Meilenstein. Von Istanbul fliegt die Sinnerin zu einem Casting für Gucci nach Florenz – und wird gebucht. Sie gehört zu den Models, die in einem Museum eine Kollektion der italienischen Luxusmarke vorführen – mit heller gefärbten Haaren und ultralangen Extensions.

„Das war schon ein Durchbruch. Ein Engagement für Gucci öffnet viele Türen“, bilanziert Lucie Stoll. Eine dieser Türen öffnet sich nur wenige Wochen später: Die 20-Jährige bekommt ihren ersten Titel: Das Gesicht von Lucie Stoll ist eines von acht Covern der September-Ausgabe des Magazins „Tush“.

Auch im aktuellen Oktoberheft des Magazins „Neon“ ist Lucie Stoll zu sehen, und zwar gemeinsam mit ihrer besten Freundin Alwine Vogel, die ebenfalls aus Sinn kommt und für die gleiche Agentur arbeitet. Die Aufnahmen sind in Sinn entstanden. Im Hintergrund ist die Sauerlandlinie zu erkennen.

Dass Aufträge quasi vor der Haustür erledigt werden, ist für Lucie Stoll die Ausnahme. „Mittlerweile bin ich nicht mehr viel zuhause – und manchmal auch nur für einen Tag“, erzählt sie. Dass sie auf Abruf bereit stehen muss, empfindet sie aber nicht als störend: „Das ist kein Stress. Ich finde das aufregend.“

Auch das Hin-und-Her-Reisen macht ihr nach eigenem Bekunden nichts aus. „Man trifft neue Leute, lernt neue Mädchen kennen und neue Städte. Man wächst an den Herausforderungen“, fasst sie zusammen.

Die Kontakte zu den „alten Bekannten“ aus Sinn und Umgebung seien weniger geworden, räumt sie ein. „Aber die guten Freunde sind geblieben – auch wenn ich ihnen nicht immer antworten kann. Die sind stolz auf mich und freuen sich für mich.“

Ihre Freizeit verbringt Lucie Stoll ähnlich wie andere junge Frauen: Mit der besten Freundin quatschen, Musik hören und mal nach Gießen fahren.

Auch Spaziergänge mit Labradorhündin Amy gehören dazu. „Ich liebe die Natur bei uns“, sagt die Sinnerin, die zuhause auch schon mal – je nach Tagesform – ungeschminkt und in Jogginghosen anzutreffen ist.

Die gesunde Ernährung ist für ein Model vor allem wegen des Hautbilds wichtig

Und Partys? „Wer hart arbeitet, muss auch mal feiern dürfen. Aber alles mit Maß“, sagt die 20-Jährige. Zur Balance gehört auch, dass sie ihre Ernährung „von ungesund auf gesund“ umgestellt hat. „Zum Frühstück gibt es nicht mehr Toast mit Nutella, sondern Haferflocken mit Obst“, sagt sie lachend.

Die gesunde Ernährung sei übrigens nicht nur wegen des Gewichts wichtig, sondern vor allem wegen des Hautbilds. Das sollte möglichst makellos sein.

Zum Thema Gewicht weiß die 20-Jährige noch Interessantes zu berichten: Bei vielen Schauen würden Models nur noch gebucht, wenn ihr Gesundheitszeugnis einen Body-Mass-Index (BMI) über 16 ausweist.

Das A und O seien die Maße eines Models, so die 20-Jährige. „Da sollte sich nicht viel verändern“, sagt Lucie Stoll. Ihre eigenen Maße findet sie übrigens auf ihrer Sedcard, also auf ihrer Bewerbungskarte: 80-59-88.

Glücklich ist Lucie Stoll darüber, dass ihre Eltern ihre Pläne von Anfang an voll unterstützt haben. „Sie sind stolz auf mich und kaufen alle Magazine, in denen ich drin bin. Darüber bin ich sehr froh. Es ist schon ein hartes Geschäft. Da es ist es schön nach Hause zu kommen, wo man verstanden wird“, sagt sie dankbar.

Träume hat die 20-Jährige noch einige. Dazu zählen ein Cover auf der Zeitschrift „Vogue“ und einmal „für Chanel zu laufen“.

Gedanken über die fernere Zukunft macht sie sich noch nicht. „Ich lasse das auf mich zukommen. Ich hoffe, dass noch viel Schönes kommt“, sagt sie lächelnd.


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