Leben im Wohnwagen

„Wir sind jede Woche woanders. Fast das ganze Jahr über“, erzählt die 16-jährige. Sie ist Artistin im Zirkus „Fischer-Starlight“, der gerade sein Zelt in Brandoberndorf aufgeschlagen hat. In Deutschland war sie schon fast überall und auch in den angrenzenden Ländern.

Ein anderer Beruf als Artistin kommt für die 16-Jährige nicht in Frage

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Ein typischer Tag im Zirkus beginnt für den Teenager um neun Uhr. Dann macht sie sich fertig und geht noch vor dem Frühstück zu den Tieren und hilft mit. Nach dem Frühstück heißt es Werbung machen: Flyer und Karten verteilen oder Plakate aufhängen. Nach dem Mittagessen übt Scarla zwei Stunden lang im Zelt für ihre Show. „Wenn wir keine Vorstellung haben, habe ich danach Zeit zum Chillen und Fernsehen.“ 
Ihre jüngeren Geschwister gehen noch zur Schule. Dafür kommt an vier Tagen in der Woche ein Schulmobil vorbei. Das ist ein komplett ausgestattetes Klassenzimmer auf Rädern. Extra für Zirkuskinder und Schausteller. Die Kinder können dort bis zum Hauptschulabschluss bleiben. 
Insgesamt leben im Zirkus der hessischen Familie vierzig Tiere. Darunter sieben Lamas und rund 22 Pferde und Ponnys.   Dazu kommen 25 Artisten und Darsteller, die das 500 Personen fassende Zelt unterhalten. 
In den Wintermonaten gibt es einen Monat lang jeden Tag eine Weihnachtsvorstellung. „Danach machen wir zwei Monate Winterpause und alle ruhen sich aus. Diesen Winter fliege ich nach Thailand,  um dort Urlaub zu machen.“
Vor ihren Auftritten ist sie überhaupt nicht mehr aufgeregt oder nervös. „Das ist eben mein Beruf“, erzählt Scarla selbstbewusst. Auch wenn während der Show  mal ein Fehler passiert, bleibt sie cool. „Meistens fällt es den Leuten gar nicht auf. Aber ich wiederhole dann den Trick einfach.“ Auch von Stürzen ist  Scarla bis jetzt verschont geblieben. 
Ihre Tricks hat sie sich alle selbst beigebracht. „Ich habe den anderen beim Trainieren zugesehen und versucht, die Sachen nachzumachen.“ Für die aktuelle Show hat sie sich vier Tricks ausgedacht. „Wenn man einen Trick richtig gut kann, fällt es nicht schwer, diesen zu erweitern oder sich etwas Neues auszudenken.“   Und auch ihr Vater lobt sie als ausgezeichnete Artistin. 
Einen anderen Job will Scarla nicht ausüben. „Artistin ist mein Beruf. Und das bleibt auch so“, ist sie sich sicher. Fünf ihrer elf Geschwister haben  ihre Leidenschaft für den  Zirkus behalten und sind in der Manege zu bewundern. Bruder Renaldo ist Pferde- und Raubtierdompteur. Er hat jeden Tag mit den elf Tigern zu tun. „Zu den größeren Tigern dürfen wir nicht. Da gehen nur mein Vater und meine Brüder hin. Aber zu Zaila dürfen wir alle“, erklärt Scarla, während sie in das Gehege des acht Monate alten Raubtieres geht. 
Sofort kommt der Tiger auf sie zugesprungen und möchte spielen. Ein bisschen  wie eine verschmuste Hauskatze. Nur größer.  
„Zaila wurde von uns mit der Hand aufgezogen. Ihre Mutter hat sie verstoßen. Sie hat acht Wochen bei uns im Wohnwagen gelebt. Wie ein richtiges Baby hat sie nachts geschrien und musste gefüttert werden. Zaila hat viel Schaden im Wohnwagen angerichtet, aber sie hat auch viel Spaß gemacht“, erzählt mir der stolze Ersatz-Tiger-Papa. Es hat sich aber gelohnt. Denn Zaila ist besonders zahm geworden.
Heute findet die letzte Vorstellung um 15 Uhr statt. Karten gibt es ab zehn Euro.

Auf unserem midde-YouTube-Kanal findet ihr ein Video zum diesem Artikel.


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