Lernen, Gefühle zu kontrollieren

JUGEND Kurse zur Gewaltvorsorge sind für drei Jahre im Haigerer "Paju" gesichert

Die - für unseren Bericht gestellte Szene - im Paju zeigt, wie schnell aus einer kleinen Auseinandersetzung körperliche Gewalt entstehen kann. Jugendliche sollen lernen, Konflikte anders zu lösen. (Foto: Jung)

Angela Schlösser und Thomas Vitt vom Caritasverband Lahn-Dill-Eder haben eine Zusatzausbildung zum Konfliktmanager absolviert und bieten seit einem halben Jahr Kurse zur Vermeidung von Gewalt in Haiger an. Wie unterschiedlich sich die Gewaltbereitschaft bei jungen Menschen äußert, verdeutlichen die beiden an erdachten Beispielen mit realem Bezug: Da ist der 13-jährige Yusuf. Ihm ist schon von weitem anzumerken, dass er nicht gut drauf ist und Stress in der Schule hatte. Kaum ist er im "Paju" angekommen, pöbelt er herum, provoziert seinen Kumpel, mit dem er Ärger in der Schule hatte und bald kommt es zum Streit.

Absolventen können in künftigen Kursen Erfahrung weitergeben

In dieser Stimmung kennt Yusuf weder Freund noch Feind und es kann passieren, dass sich seine Aggressivität auch gegen die Mitarbeiter im "Paju" richtet, die beschwichtigen wollen. "Fällt von einem der jungen Menschen nur ein Wort wie "Hurensohn", brechen Dämme", schildert Schlösser die Situation.

Hans ist 15 Jahre alt. Er hat schon mal vor Wut einen Stuhl durch das Jugendzentrum geworfen. Er wird von anderen Jugendlichen als gewalttätig empfunden. Doch eigentlich ist er ein Opfer von Mobbing und Beleidigungen. Er nässt nachts ein. Er braucht ein Ventil für den Druck, den er nach etlichen Verletzungen empfindet.

Vanessa ist 13 Jahre alt. Sie kommt in das Jugendzentrum und sofort ist klar, dass etwas nicht stimmt. Ihre Freundinnen lässt sie links liegen und sucht demonstrativ Kontakt zu anderen Mädchen. Ihre Freundinnen haben etwas über sie erzählt, das nicht stimmt. Das macht nun die Runde - auch in sozialen Netzwerken.

Vanessa empfindet nicht nur die Verletzungen des Vertrauensbruchs, nun mischt sich auch noch jeder, der etwas darüber gelesen hat, ein. Der Zickenkrieg ist vorprogrammiert und der kann heftig ausfallen. Da geht es oft sprachlich unter die Gürtellinie. Auf Beleidigung folgt Gegenbeleidigung und vieles von dem, was nun öffentlich geäußert wird, wird so schnell nicht vergessen.

Um den Jugendlichen zu helfen, ihre Wut unter Kontrolle zu bekommen und ihren Gefühlen und Bedürfnissen dennoch Ausdruck zu geben, ist es zunächst wichtig, die Jugendlichen dazuzubringen, ihr Handeln zu reflektieren.

Warum schlage ich zu? Warum reagiere ich so verletzt? Warum habe ich das Bedürfnis, anderen wehzutun?

"Gewalttätiges Verhalten soll aber damit nicht gerechtfertigt werden. Es gehe auch nicht um Ursachenforschung. Wir möchten die Bedürfnisse herausfinden und die Gefühle herausfiltern" sagt Vitt. Dabei hilft etwa ein "Gefühlsspiel", in dem die Jugendlichen schildern, was sie empfinden. Oft können sie differenzierte Gefühle, wie beschämt, verzweifelt oder zufrieden sein, nicht benennen und kennen nur Begrifflichkeiten wie "aggro", "Hass" oder "Glücklichsein".

Die beiden Konfliktmanager führen auch Elterngespräche. Aber das, was in den Kursen von den Jugendlichen geäußert wird, darf nicht nach außen getragen werden. Die Mädchen und Jungen haben dafür eine Vereinbarung unterschrieben. Vier bis sieben Teilnehmer besuchen einen Kurs, Jungen und Mädchen getrennt. Finanziert werden diese Kurse mit Geld des deutschen Hilfswerks (Fernsehlotterie). Hier hatten die "Paju"-Mitarbeiter Zuschüsse beantragt, denn das normale Budget des Jugendzentrums reicht für solche Kurse nicht aus. Auch die Sparkasse sponsert diese Vorsorgekurse. Für weitere drei Jahre ist die Fortführung gesichert. Geplant ist auch, Mädchen und Jungen, die einen solchen Kurs absolviert haben, in Folgekurse als Referenten einzubeziehen, damit sie ihre Erfahrungen mit Handlungsalternativen in Konfliktsituationen weitergeben können.

Jugendliche zwischen elf und 18 Jahren, die das Angebot in Anspruch nehmen oder mehr erfahren möchten, können sich an Angela Schlösser, Telefon (01 76)10 81 11 55, oder an Thomas Vitt, Telefon: (0 27 71) 83 19 21, wenden.


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