Lieber Face-to-Face als Facebook

Mit wie vielen Schülern sind Sie bei Facebook „befreundet“? 

Mit 26. Allerdings nur ehemalige Schüler. Das liegt nicht daran, dass ich Freundschaftsanfragen von aktuellen Schülern nicht annehmen würde, sondern daran, dass meine Facebook-Aktivitäten so gering sind, dass ich den meisten aktiven Schülern nicht angezeigt werde und viele Schüler mittlerweile vorsichtiger geworden sind, wer alles über ihre Freizeitaktivitäten Bescheid weiß, was ich sehr begrüße. 

Von wie vielen Kollegen wissen Sie, dass sie ebenfalls bei Facebook angemeldet sind? 

Ich würde sagen, dass es mittlerweile an unserer Schule mindestens die Hälfte aller Lehrer sind, von denen ich bei Weitem nicht mit allen über Facebook befreundet bin. Die Nutzung dieses Mediums wird allerdings von den Kollegen vollständig unterschiedlich gehandhabt. Während sich einige nur sehr sporadisch im sozialen Netzwerk aufhalten oder sich nur sehr selten durch Chat oder Aktivitäten zu erkennen geben, nutzen es andere, um ihre öffentlichen Freizeitaktivitäten wie etwa Konzerte publik zu machen. Und wieder andere nutzen es zum regen Austausch mit allen Schülern und Freunden.

Was halten Sie davon, dass Lehrer mit Schülern über Facebook Kontakt haben?


Ich finde das in Ordnung, sofern die Lehrer diesen Kontakt nicht einfordern. Es geht meiner Meinung nach aber nicht, dass ein Lehrer eine „Freundschaftsanfrage“ an Schüler richtet, zumindest nicht, wenn diese noch an der Schule sind. Für die Schüler entsteht dadurch eine Situation, in der sie entscheiden müssen, ob sie einem Lehrer mehr Einblick in ihr Privatleben gestatten wollen oder ob sie ihn dadurch brüskieren, dass sie seine „Freundschaftsanfrage“ ablehnen. Nach der Schulzeit sehe ich dagegen in einer „Freundschaftsanfrage“ durch einen Lehrer kein Problem mehr, da es für ehemalige Schüler ein geringeres Problem darstellt, dies zu ignorieren. 

Welche Risiken gibt es?

Während der Schulzeit darf ein Lehrer nie vergessen, dass es ein Machtgefälle zwischen Schülern und Lehrkräften gibt, da im Endeffekt immer noch die Lehrer über die Noten der Schüler entscheiden. Darüber hinaus ist auch der Umgangston bei Facebook natürlich ein anderer als an der Schule. Das sollte auch insbesondere den Schülern bewusst sein. Auch muss ein Lehrer meiner Meinung nach nicht allumfassend über die Freizeitaktivitäten der Schüler informiert werden. Insbesondere problematische Partyfotos sollten Schüler nicht unbedingt ihren Lehrern zugänglich machen. Allgemein sollte sich jeder überlegen, welche Informationen für ihn selbst problematisch sein könnten, und diese nicht unbedingt über ein soziales Netzwerk teilen. Spätestens wenn er später bei einem Bewerbungsgespräch mit längst vergessenen Facebook-Kommentaren oder geposteten Fotos konfrontiert wird, sollte ihm bewusst werden, dass möglicherweise mehr Menschen zu seinem Facebook-Profil Zugang hatten, als er es vorher für möglich gehalten hat. 

Wie nutzen Sie Facebook in Bezug auf die Schule?

Gar nicht mehr. Da Facebook alle Rechte erhält, wenn ich irgendetwas poste, will ich dieses Medium für den Unterricht nicht mehr nutzen. Für die Kommunikation mit Schülern gibt es mittlerweile gute Alternativen. Außerdem möchte ich vermeiden, dass sich Schüler, die sich bisher bewusst entschieden haben, den Datenkraken Facebook zu meiden, benachteiligt werden oder sich meinetwegen dort anmelden. Die Entscheidung kann zwar jeder selbst treffen, aber ich möchte nicht positiv dazu beitragen. 

Sollte in Hessen auch ein Gesetz eingeführt werden, das Lehrern verbietet, auf Facebook mit Schülern befreundet zu sein?

Nein. Lehrer sollten sich allerdings ihrer Verantwortung gegenüber ihren Schülern bewusst sein. Außerdem sollten sie möglichst umfassend über die momentanen Nutzerbedingungen bei Facebook informiert sein, was bei den häufigen Änderungen kaum möglich ist.

Haben Sie ein Smartphone? 

Ja. Sogar die Facebook-App, wobei ich diese kaum nutze. 

Nutzen Sie das auch in den Pausen, um auf Facebook zu sehen, was es Neues gibt?

Nein! Es gibt nichts relevantes Neues auf Facebook, das nicht noch bis zu meinem nächsten Einloggen abends am Schreibtisch oder auch erst an den nächsten Tagen warten könnte. Darüber hinaus finde ich den Anblick, der sich einem tagtäglich in der Pausenhalle bietet, fürchterlich: hunderte junger Menschen, die nebeneinander stehen und schweigend auf ihren Smartphones rumtippen. Ich glaube, dass einige von denen sich auch wirklich mit den neben ihnen stehenden Personen über Facebook oder WhatsApp unterhalten. Ich kann noch nicht sicher sagen, ob sich das schon auf die allgemeine Kommunikationsfähigkeit dieser Schüler ausgewirkt hat, aber ich bin immer noch ein großer Freund der Face-to-Face-Unterhaltung.


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