"Man lernt nie aus"

PROJEKT Gymnasiasten forschen zu Zwangsarbeit in der Herborner Pumpenfabrik

Recherchierte in der Firmenhistorie der Herborner Pumpenfabrik: Der Geschichtsleistungskurs des Johanneum-Gymnasiums mit seinem Tutor Vladislav Stybin (l.). Pumpenfabrik-Geschäftsführer Wolfram Kuhn (2.v.r.) und Vertriebsingenieur Roger Discher (4.v.r.) lobten nach der Präsentation die Ergebnisse der Nachforschungen. (Fotos: Schnitzer [2] / Pumpenfabrik [1])

Fabrikation anno dazumal: ein Blick in die Werkshalle. Wann genau die Aufnahme entstanden ist, ist allerdings unbekannt.

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Im Leistungskurs ging es um "Zwangsarbeit zu Zeiten des Nationasozialismus". Die Möglichkeit, sich mit den regionalen Auswirkungen auseinander zu setzen, hatte der Vater eines Schülers vermittelt: Roger Discher arbeitet als Vertriebsingenieur bei der Pumpenfabrik. Er wies Vladislav Stybin, den Tutor des Kurses, auf das Firmenarchiv hin. Geschäftsführer Wolfram Kuhn stimmte zu, und so gingen die 17 Abiturienten daran, mit den historischen Quellen zu arbeiten.

Am Donnerstag stellten sie die Ergebnisse ihrer Nachforschungen in der Firma in der Littau gegenüber vom Herborner Bahnhof vor. In der Hauptsache ging es dabei um den früheren Geschäftsführer Walter Hoffmann, der in der Nachkriegszeit vor Militärgerichten stand. Der Vorwurf: Misshandlung von Zwangsarbeitern.

Zunächst wurde er 1946 als so genannter Belasteter in die zweihöchste der fünf möglichen Kategorien, 1947 sogar in der höchsten Stufe als "Hauptschuldiger" angeklagt. Zum Ende dieses Verfahrens wurde er jedoch in der mittleren Kategorie als "Minderbelasteter" eingestuft. Dagegen wiederum legte Hoffmann Berufung ein, und im Februar 1948 wurde er von den Vorwürfen gegen ihn freigesprochen und konnte die Firmengeschäfte wieder aufnehmen.

Die meisten Zeugen können Hoffmann schließlich entlasten

Wie die Schüler herausgefunden hatten, waren die direkten, belastenden Zeugenaussagen im Entnazifizierungsverfahren zu widersprüchlich gewesen.

Die meisten Zeugen, die sich zu ihrer Behandlung in der Fabrik geäußert hatten, sowie der damalige Betriebsrat entlasteten Hoffmann im Verfahren. Zwar war von Handgreiflichkeiten durch Angestellte oder cholerischen Beleidigungen die Rede, aber diese konnte man nie auf Anweisungen Hoffmanns zurückverfolgen. Schläge verbot er, und die Arbeitsbedingungen waren für alle gleich. Einige Beschäftigte sprachen damals sogar von einer bevorzugten Behandlung für die Zwangsarbeiter. Diebstähle bestrafte er oft nicht, Verpflegung und Unterkunft waren besser, als damals vorgeschrieben, und wie für die regulären Beschäftigten gewährte Hoffmann auch den Zwangsarbeitern Sonderleistungen zu Weihnachten und Ostern.

149 Zwangsarbeiter waren bis 1944 in der Pumpenfabrik gelistet. Dazu zählten auch Verschleppte und Kriegsgefangene, die als "Zivilisten" ausgegeben wurden, sowie "Asoziale" und Angehörige der Religionsgruppe "Zeugen Jehovas", die bei den Nazis als "minderwertige Rasse" galten.

Die Abiturienten kamen zu dem Schluss, dass es - wie für viele Unternehmer damals - auch für Walter Hoffmann geschäftliche Gründe gegeben habe, der NSDAP beizutreten. Den Akten nach habe er sich lange nicht darum bemüht, Aufträge vom NS-Regime zu bekommen, sich aber schließlich dem Druck gebeugt. Ohne Mitgliedschaft hätte er auf Dauer keine Aufträge bekommen.

Ihren Quellen entnahmen die Schüler, dass Hoffmann im Unternehmen nie einen Hitlergruß gefordert oder eine der parteiinternen Versammlungen besucht hat. Ihr Fazit: Hoffmann sei ein nominelles Mitglied der Partei gewesen und habe Zwangsarbeiter nie schlechter als die eigenen Fabrikmitarbeiter behandelt.

Und was denken die Abiturienten über ihre Projekt? "Ich fand es spannend, mich mit unserer Ortsgeschichte zu befassen", sagte beispielsweise Ayse Aksit (19). "Gerade im Internet konnte man kaum was zu diesem Thema finden, und da war es aufregend, mal mit solchen Quellen zu arbeiten."

Und für Elisa Tomisch (18) war es "was anderes, sich mit einem so greifbaren Thema zu beschäftigen. Immerhin wurde auch Herborn bombardiert. Dieser Bahnhof hier! Sonst ist immer alles so weit weg."

Wolfram Kuhn dankte den Schülern und spendete 200 Euro für die Klassenkasse. "Ich bin froh über den Prozessausgang", sagte der Geschäftsführer, "da er meine Wurzeln berührt und ein Teil meiner Familiengeschichte ist. Leider hatte ich bisher nie die Zeit gefunden, die Akten vollständig zu sichten. Man lernt nie aus."

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Die Herborner Pumpenfabrik wurde 1874 von Johann Heinrich Hoffmann in der Littau gegenüber dem Bahnhof gegründet. Zwischen 1879 und 1884 entstand die erste Gießerei. Ab 1892 firmierte die Firma unter dem Namen „Maschinenbau, Eisen- und Metallgießerei“. 1944 zerstörte ein Tieffliegerangriff die Fabrik fast völlig. Nach dem Wiederaufbau in der Nachkriegszeit setzte die Pumpenfabrik immer wieder auf Modernisierung und erschloss sich neue Märkte. Hatte sie vor dem Krieg noch mit Maschinen, Eisen- und Metallwaren aller Art gehandelt sowie eine Ziegelei betrieben, so konzentrierte sie sich danach auf Pumpentechnik. Seit 1995 hat sie einen zweiten Standort in Landsberg in Sachsen vor allem für Vertrieb und Montage. Heute beschäftigt das Unternehmen 140 Mitarbeiter, davon 130 in Herborn. Der Umsatz liegt bei 17 Millionen Euro im Jahr. In Deutschland hat es nach eigenen Angaben einen Marktanteil von fast 80 Prozent bei Schwimmbadpumpen. Herborner Pumpen finden sich auch in Kläranlagen, in Aqua- und Freizeitparks (etwa in Dubai) sowie in Kreuzfahrtschiffen wie der „Queen Mary II“ und der durch ihre Havarie bekannt gewordenen „Costa Concordia“. Die Firma baut und wartet zudem Anlagen der kommunalen Ver- und Entsorgung. Seit 1989 liegt die Geschäftsführung in fünfter Generation der Gründerfamilie bei Wolfram Kuhn. (ani/Quelle: herborner-pumpen.de)


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