Minuspunkt für frühe Frage nach Geld

BERUFSLEBEN Personalchef gibt Tipps für ein gelungenes Vorstellungsgespräch

Mit auswändig gelernten Antworten können Bewerber im Vorstellungsgespräch nur schwer punkten, erklärt Jens Reichel, der als Personalchef bei Weilburger Coatings schon fast 1000 Bewerbungsgespräche geführt hat. (Foto: Wuestenhagen/dpa)

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Herr Reichel, was sind die größten Fehler, die ein Bewerber in einem Vorstellungsgespräch machen kann?

Jens Reichel: Unvorbereitet wirken. Ich finde, es ist ein ganz großer Fehler des Bewerbers, wenn er sich nicht auf das Gespräch vorbereitet. Auf das Gespräch vorbereiten heißt, dass ich mich zum einen über das Unternehmen und zum anderen über die Stelle informiere, um im Gespräch Interesse und Kompetenz auszustrahlen.

Welchen Satz sollten Bewerber bei einem Vorstellungsgespräch unbedingt vermeiden?

Reichel: Da gibt es einige. Das ist zum Beispiel die relativ frühe Frage nach dem Gehalt. Diese Frage stellt man üblicherweise während des ersten Gesprächs gar nicht oder wenn, dann ganz zum Schluss. Eine Frage, die ich in diesem Moment auch nicht hören will, ist die Frage nach Weiterbildungsmöglichkeiten. Das ist oft von den Bewerbern positiv gemeint, aber für den Moment nicht passend. Ich suche ja niemanden, der sich weiterbildet, um dann gegebenenfalls eine andere Position auszufüllen, sondern jemanden, der die ausgeschriebene Stelle ausfüllen kann. 

Welche Stolperfallen gibt es beim Verhalten?

Reichel: Wichtig ist auf jeden Fall, dass der Bewerber Blickkontakt hält. Speziell jüngere Bewerber schweifen mit dem Blick ab. Blickkontakt zeigt dem Gegenüber aber, dass man ihm ebenbürtig ist, auch wenn man der Bewerber ist. Dazu gehört, eine korrekte Haltung einzunehmen, die Kleidung entsprechend der ausgeschriebenen Stelle auszuwählen und auf keinen Fall einen Kaugummi zu kauen. Und was ich noch als wichtig empfinde - das gilt aber für beide Seiten: den anderen aussprechen lassen.

Wie kann man sich auf ein Bewerbungsgespräch vorbereiten?

Reichel: Über das Unternehmen informieren. Am besten auch schon mal eine Wegbeschreibung heraussuchen. Es ist schlecht, wenn der Bewerber zu spät zu  einem Gespräch kommt. Als Bewerber sollte ich im Bezug auf die Stelle Fragen erarbeiten. Welche Kompetenzen habe ich? Wie sind die Berichtswege? Wie erfolgt die Kommunikation? Also alle Fragen, die mir Aufschluss geben, wie die Position am Ende ausgefüllt werden soll.

 

Eine sehr beliebte Frage der Interviewer ist die nach den eigenen Schwächen und Stärken. Warum stellen Personalchefs diese Frage?

Reichel: Ich stelle die Frage auch, aber nicht bei jedem Bewerber, weil natürlich ein Auszubildender ganz andere Antworten gibt als diejenigen mit 25 Jahren im Job. Ich will im Grunde damit einen Abgleich schaffen zwischen dem, was ich im Gespräch als Stärken und Schwächen wahrgenommen habe, und der Selbsteinschätzung. Ich merke aber auch, dass gerade bei jüngeren Bewerbern diese Stärken und Schwächen im Vorfeld geübt werden. Schwächen werden letztendlich dargestellt, als wären sie Stärken. Und Stärken werden als sehr, sehr wichtig für den Beruf dargestellt. Aber oftmals sind diese Stärken meines Erachtens nur eine Selbstverständlichkeit.

Wie sollen Bewerber denn bei dieser Frage reagieren?

Reichel: Als Bewerber würde ich sagen, wie es wirklich ist. Ich frage die Bewerber um einen Ausbildungsplatz immer, was die Eltern oder der beste Freund über ihn denken. Und wenn sie dann ehrlich zu sich selbst sind, erfährt man oftmals, wie der Mensch tatsächlich tickt. Abgesehen davon glaube ich, dass das Thema Stärken und Schwächen zu sehr in den Vordergrund gerückt wird.

Noch eine beliebte Frage ist: "Warum sollten wir gerade Sie einstellen?" Was kann ein Bewerber bei der Antwort falsch machen?

Reichel: Er sollte eine vernünftige, plausible Antwort finden, die seine Kompetenzen zusammenfassen. Es ist aus meiner Sicht unglaubwürdig, wenn Bewerber bei mehreren Unternehmen das Gleiche erzähle. Im Grunde geht es darum, dass ich während des Gesprächs dem Personalentscheider den Eindruck vermittelt habe, dass ich ins Unternehmen passe und die Anforderungen erfüllen könnte. Ich stelle die Frage meistens sehr ungern, weil ich weiß, dass oftmals entweder völlig unvorbereitete oder standardisierte Antworten kommen.

Welche Frage stellen Sie denn häufig?

Reichel: Ich frage sehr gerne, worauf der Bewerber während seiner Schul- oder Berufslaufbahn besonders stolz ist, was er als persönlichen Erfolg für sich verbuchen kann. Den meisten fällt da auch sofort etwas ein - ein Referat, das hervorragend gelungen ist, oder ein erfolgreiches Projekt. Kritisch wird es, wenn Floskeln kommen, obwohl jemand 20 oder 25 Jahre im Beruf ist. Eine andere beliebte Frage von mir ist, wie denn der Arbeitgeber reagiert, wenn er erfährt, dass der Bewerber kündigt. Es ist unheimlich wichtig, dass ein Bewerber bis zum letzten Tag loyal ist. Genau das erwarte ich von unseren Mitarbeitern auch.

Wie entscheidend sind Vorstellungsgespräche bei der Auswahl der künftigen Azubis oder Mitarbeiter?

Reichel: Das ist abhängig von der Position. Bei einem Mitarbeiter, der sich mit 25 Jahren Berufserfahrung für eine Führungsrolle bewirbt, ist das vielleicht nicht ganz so wichtig. Da spielen auch die Zeugnisse und Referenzen eine wichtigere Rolle. Anders ist es bei Auszubildenden oder Mitarbeitern mit wenig Berufserfahrung. Ich denke, da kann man in einem Gespräch viel über die fachlichen und sozialen Kompetenzen eines Bewerbers erfahren. Aber ganz final wird immer eine Entscheidung aus mehreren Faktoren getroffen: Bewerbungsunterlagen, Referenzen, Vorstellungsgesprächen und Zeugnissen.

Junge Leute gewähren im Internet viele private Einblicke. Welche Rolle spielt Social Media heute für Personaler? 

Reichel: Ich bin nicht der Typ, der sich im Vorfeld bei Facebook über den Menschen informiert. Da würde ich mir vielleicht Vorurteile schaffen. Aber in den Gesprächen kommen wir schon auf die Freizeitgestaltung, die Vernetzung und die Aktivitäten in sozialen Netzwerken zu sprechen. Ich versuche lieber über das Gespräch herauszufinden, ob einer fünf Stunden bei Facebook aktiv ist und von sich selbst irgendwelche nicht so zeigenswerte Details preisgibt oder es nur nutzt, um Kontakte zu pflegen. 

 

Zur Person:

Seit 16 Jahren ist Jens Reichel bei der Weilburger Coatings als Personalchef verantwortlich für die Suche nach neuen Mitarbeitern und Auszubildenden. Der heute 48-Jährige hat nach seiner Ausbildung als Industriekaufmann Betriebswirtschaftslehre studiert und sich anschließend mit Personalfragen beschäftigt. Bevor er 1999 nach Weilburg kam, war er als Personalcontroller und stellvertretender Personalchef in einem Frankfurter Krankenhaus tätig.


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