Neue Azubis müssen her

ARBEITSMARKT Branchen sorgen sich um Fachkräfte

Waldemar Michel, Betriebsleiter der Firma OSL Präzisionsteile in Weilburg, sucht dringend einen Auszubildenden. Für September möchte Michel einen Lehrling einstellen, der unter anderem auch an der Fräsmaschine arbeiten soll. (Foto: Straßheim)

Seit Dezember ist der Betriebsleiter auf der Suche nach einem Auszubildenden. Gefunden hat er bisher noch niemanden. Auch eine Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt und der Industrie - und Handelskammer (IHK) brachte noch nicht den gewünschten Erfolg. Immerhin: Auf eine Zeitungsanzeige meldeten sich fünf Bewerber, doch restlos überzeugen konnten auch diese nicht.

"Unsere Auszubildende sollten eine Verbundenheit zu der Metallbranche haben, technisch versiert sein und eine gute räumliche Darstellung besitzen", erklärt Michel das Anforderungsprofil für seine Mitarbeiter. Zudem betont er, dass Zeugnisse nicht das wichtigste Kriterium sind. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig ist, einen Lehrling zu bekommen", gibt er ehrlich zu.

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Probleme, die der Geschäftsführer der Kreishanderkerschaft Limburg-Weilburg, Stefan Laßmann, kennt. In seinen Innungen sind unbesetzte Stelle schon längst keine Seltenheit mehr. Zwar würden Metallarbeiter noch im Soll liegen, aber: "Der Trend geht dahin, dass immer mehr Jugendliche ihr Abitur machen, um anschließend zu studieren. Diese gehen dann für eine Ausbildung verloren." Laut Laßmann seien vor allem Berufe wie Fleischer, Bäcker oder auch das Bauhandwerk betroffen. Der Geschäftsführer spricht von einer "perversen Situation." Auf der einen Seite fühlten sich viele Jugendlichen überqualifiziert, auf der anderen Seite hätten andere Jugendliche auch nicht die nötige Ausbildungsreife. "Die Suche nach Lehrlingen wird von Jahr zu schwieriger. Und das, obwohl eine duale Ausbildung viele Chancen bietet", sagt Laßmann, der sich vor allem um Betriebe mit einer überalternden Belegschaft sorgt.

Viele Berufe haben ein Image-Problem und sind nicht cool genug

Denn durch weniger Lehrlinge gebe es bereits jetzt einen Fachkräftemangel. Um diese gefährliche Tendenz zu stoppen, wäre ein Möglichkeit, die Studienabbrecher für eine Ausbildung zu gewinnen. "Aber diese sind sehr schwer zu bekommen, da sie nicht erfasst sind, und zumeist gleich ein neues Studium beginnen", sagt der Geschäftsführer.

Auch die Agentur für Arbeit Limburg-Weilburg berichtet, dass immer mehr Arbeitgeber Probleme haben, Lehrlinge zu finden. "Es zeichnet sich ab, dass zu Beginn des Ausbildungsjahres am 1. August wieder einige Plätze unbesetzt bleiben", erklärt Ralf Fischer, Pressesprecher der Agentur.

Vor allem Lehrstellen in klassischen Handwerksberufen seien betroffen. Laut Fischer habe dies auch Image- Gründe, da gewisse Berufe nicht "cool" genug seien. Aber ein Metzger könne sich zum Beispiel nach zwei Jahren zum Lebensmitteltechniker weiterbilden lassen, nennt der Pressesprecher Argumente für diesen Beruf. Ein Kernthema sei auch das Anforderungsprofil der Jugendlichen. "Viele Arbeitgeber klagen über die mangelnde Eignung der Schüler. Ein dritter Aspekt sei die unzureichende, berufliche Orientierung. "Viele wissen überhaupt nicht, welche Berufe zur Verfügung stehen", sagt Fischer und nennt Zahlen: "Obwohl in unserem Landkreis mehr als 130 Berufe ausgebildet werden, bewerben sich 60 Prozent der Mädchen in nur zehn Berufen. Bei den Jungs sind es nur 46 Prozent.

Auf Berufe, die man nicht kennt, bewirbt man sich eben auch nicht."

Der Pressesprecher bestätigt, dass es neben dem Nachwuchsmangel auch immer schwieriger wird, Fachkräfte zu gewinnen. Als Beispiel nennt er den Pflegebereich, die Gastronomie, die chemische Industrie und dem Maschinenbau. "Als Faustformel gilt: Je qualifizierter oder dienstleistungsorientierter der Beruf, umso größer der Fachkräftebedarf."

Von Problemen berichtet auch die Industrie- und Handwerkskammer (IHK) Limburg. Nach einer Umfrage der IHK gaben 43 Prozent aller Unternehmen im Kreis an, dass bei ihnen entweder überhaupt keine Bewerbungen einging beziehungsweise die Bewerber nicht geeignet waren. Betroffen seien die kaufmännischen Berufe, vor allem im Groß- und Einzelhandel sowie der Bürokaufmann. Rückgänge seien auch bei der Gastronomie und im Straßenbau zu verzeichnen.

Ein Mangel an Fachkräften sei ebenfalls nichts Neues.

Nachwuchs bei Transport, Gastgewerbe und auf dem Bau dringend gesucht

Die IHK-Limburg nahm im Herbst eine Konjunkturumfrage vor. Ergebnis: 19 Prozent der befragten Unternehmen aus der Region gaben an, offene Stellen längerfristig - ab zwei Monaten - nicht besetzen zu können. Vor allem Firmen aus dem Transportgewerbe, dem Gastgewerbe und der Baubranchen hatten Probleme gemeldet.

"Wir sind ständig auf der Suche nach Fachkräften, der Arbeitsmarkt gibt nicht viel her", bestätigt Michel. Umso wichtiger ist es für ihn,einen Lehrling zu finden. "Dann würden wir unsere eigenen Fachkräfte heranziehen und entwickeln."

Vorher muss er jedoch erst einen Auszubildenden finden. Aus diesem Grund startet Michel noch mal eine große Schuloffensive im gesamten Landkreis, aber auch in Wetzlar. Denn die Zeit drängt, wie der Betriebsleiter weiß: "Für September würden wir gerne jemanden einstellen."


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