Noch alle Tassen im Schrank?

 

Falls ihr euch fragt: Nein, ich habe nicht in Marburg, Gießen, Friedberg oder Siegen studiert. Dort habe ich mich aber umgehört, wie sehr das Geschirrklauen die Studentenwerke belastet und welche Folgen das für die Einrichtungen hat.

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Doch warum klauen Studenten Teller, Tabletts, Besteck, Tassen und Gläser? „Viele Studierende statten sich komplett mit unserem Geschirr aus, statt sich selbst billiges zu kaufen“, erklärt Anna Weimer, Abteilungsleiterin der Mensaverwaltung im Studentenwerk Siegen. Deshalb mussten Studenten lange Pfand auf alles zahlen, was sie in der Mensa nutzten: Tabletts, Tassen, Teller, jede Gabel, jedes Messer, jeder Löffel. Aber auch das hat nichts gebracht.

„Deshalb haben wir das System wieder abgeschafft und lassen die Studenten offen klauen“, sagt Weimer. Sogar Lebensmittel werden in Siegen gerne geklaut. Warum sich Studenten auf dem Unigelände anders verhalten als draußen, beantwortet Weimer so: „Die Hemmschwelle ist nicht so hoch, sie fühlen sich wohl Zuhause bei uns.“ Wahrscheinlich sei auch der Semesterbeitrag, den die Studenten zum Ende jedes Semesters für das neue zahlen müssen, eine Aufforderung, Geschirr mitzunehmen, mutmaßt Weimer. „Vielleicht denken sie, weil sie zahlen, können sie sich auch damit ausstatten.“


Rundgang durch die Wohnheime bestätigt den 
Klau von Tassen und Co.


Sie und ihre Kollegen sind sogar schon durch die Wohnheime gegangen und haben kontrolliert, welche Wohngemeinschaften sich mit Mensageschirr ausstatten. „Viele der Studenten haben mindestens zwei Teller von uns, zwei Mal Besteck und zwei Kaffeebecher“, so die Mitarbeiterin des Studentenwerks. „Vom Studentenwerk aus haben wir noch nicht viel dagegen unternommen. Wir wissen auch gar nicht, wie wir den Diebstahl einschränken sollen“, erklärt sie.
Diese Probleme haben nicht nur die Siegener, sondern deutschlandweit alle Studentenwerke, wie Reinhard Renner aus Gießen und Martin Baumgarten aus Marburg bestätigen.


Das Studentenwerk, das für die Standorte Gießen, Friedberg, Wetzlar und Fulda zuständig ist, hat die Tassen bepfandet. Einen Euro müssen Studenten zahlen, wenn sie einen Kaffe trinken wollen. „Das ist der Einkaufspreis“, erklärt Renner, Leiter des Bereichs Cafeterien. Damit mache das Studentenwerk also weder Gewinn noch Verlust, wenn ein Student die Tasse behält, statt sich den Pfand zurückzuholen. Auch in Marburg greift dieses System, wie Baumgarten erklärt. Er ist für die Verpflegung der Marburger Studenten zuständig.


Baumgarten erklärt das Phänomen des Geschirrklaus historisch: „Marburg ist historisch gesehen eine WG-Stadt. Viele Studenten ziehen in die Wohnheime oder suchen sich eine Wohngemeinschaft, die mit Geschirr ausgestattet werden muss. Da die Studenten in die Mensa gehen, verschwindet auch mal eine Kaffeetasse im Rucksack“, erklärt er. Seit etwa vier Jahren besteht deshalb das Pfandsystem in allen Außenstellen.

Das verschwundene Besteck fällt ins Gewicht


Auch wenn Tassen der Renner sind, verschwinden in den mittelhessischen und Siegener Mensen auch Besteck und Teller. „Vor allem das Besteck fällt bei uns ins Gewicht“, sagt Renner aus Gießen. Bei Kaffeelöffeln sei es schwieriger nachzuweisen, ob sie absichtlich geklaut werden oder aus Versehen weggeschmissen, räumt Weimer aus Siegen ein.


Dass aus dem Geschirrklau ein richtig teurer Spaß wird, erklärt Marie-Luise Heinbach, die unter anderem für die Nachbestellung für Besteck und Geschirr im Studentenwerk Siegen zuständig ist. „Kaffeelöffel kosten etwa 35 Cent pro Stück. 2012 mussten wir 5400 Stück nachbestellen“, sagt Heinbach. Damit waren die Kaffeelöffel der Spitzenreiter bei den Bestellungen. Gleich dahinter liegen die Gabeln mit 3000 Stück, die etwa 85 Cent pro Gabel kosten. 1400 Esslöffel mussten in den Cafeterien in Siegen nachgelegt werden und 1200 Kaffeebecher. Die Preisangaben sind allerdings ohne Mehrwertsteuer. 
Insgesamt musste das Siegener Studentenwerk im vergangenen Jahr 9430 Euro ohne Mehrwertsteuer für neues Geschirr und Besteck ausgeben. „Die Tendenz geht immer weiter nach oben. Manchmal müssen wir sogar zwei Mal im Jahr Geschirr nachbestellen“, erklärt Heinbach.

Keine Lösung, um den Diebstahl einzudämmen


Wie die Studentenwerke den Klau eindämmen könne, wissen sie nicht. Martin Baumgarten aus Marburg hat schon mit dem Gedanken gespielt, einen Zettel in der Uni auszuhängen. „Auf dem könnte dann stehen ,Wenn Sie Ihr Studium beendet haben, bringen Sie bitte Ihr Geschirr zurück.’ Das habe ich aber bis jetzt nicht gemacht.“


Und warum ich meine Tasse mitgenommen habe? Ich wollte gerne ein Andenken an meine Studentenzeit haben.


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