Nur jeder Fünfte fühlt sich frisch

Wissenschaft  Dillenburger Forscher studieren Schlafgewohnheiten von Goethe-Schülern

Viele Schüler leiden unter Schlafmangel und sind tagsüber müde – ein Grund kann intensive Smartphonenutzung am Abend sein. Zu dieser Erkenntnis kommen Dillenburger Forscher, die das Schlafverhalten von Wetzlarer Goetheschülern untersucht haben. (Foto: Colourbox)

Im Forschungsprojekt des Dillenburger Institutes für Gesundheitsförderung und -forschung (IGFF), des Schlafmedizinischen Zentrums des Universitätsklinikums Gießen-Marburg und des Fachbereichs Gesundheit der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen wurden die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit aller 555 Oberstufenschüler des Wetzlarer Goethe-Gymnasiums untersucht.

Die Schüler haben dafür einen sechsseitigen Fragebogen ausgefüllt. „Wir haben bislang nur einen Teil ausgewertet“, erklärt Professor Dr. Manfred Betz, der diese ersten Ergebnisse am Freitag, 10. November, mit Professor Dr. Ulrich Koehler aus Marburg in Münster präsentieren wird.

Die Forschung ergab, dass die 16- bis 20-jährigen Goethe-Schüler während der Woche sechs Stunden und 52 Minuten pro Nacht schlafen. Mehr als 85 Prozent der Schüler benötigen normalerweise morgens zum Aufstehen einen Wecker.

„Das bedeutet, der Schlaf wird unterbrochen, die Regeneration ist noch nicht abgeschlossen“, bewertet Professor Koehler die Untersuchungsergebnisse.

Entsprechend fühlt sich nur etwa jeder Fünfte der Befragten morgens frisch und ausgeschlafen. Da sich drei Viertel der Schüler wünschen, länger zu schlafen, sei von einem deutlichen Schlafdefizit auszugehen. Warum sind die Schüler müde? Betz sieht die Ursachen in der Biologie und im Zeitgeist begründet.

Biologie: Bei Heranwachsenden wird das Schlafhormon Melatonin zwei Stunden später ausgeschüttet – sie werden also Probleme haben, früher einzuschlafen.

Gesünder und leistungsfähiger: Auf LED-Blaulicht zu verzichten, kann den Unterschied machen

Zeitgeist: 90 Prozent der Befragten haben das Smartphone am Bett liegen – und surfen bis kurz vorm Schlafen. Das fällt dann schwer. Das Blaulicht der LED-Bildschirme – auch bei Fernsehen und Computer – sorge dafür, dass weniger Melatonin ausgeschüttet werde und, dass es am nächsten Tag zudem später ausgeschüttet werde. Das werde auch mit einer zweiten Studie der Forscher mit Auszubildenden aus mittelhessischen Betrieben und Gießener Studenten belegt.

Viele Schüler versuchten, ihr Schlafdefizit zu reduzieren, indem sie am Wochenende besonders lange schlafen. Das macht alles nur noch schlimmer: Der spätere Bettgang am Wochenende und das lange Schlafen, im Mittel über neun Stunden, verändert den Schlaf-Wach-Rhythmus der Jugendlichen. Alles zusammen kann die Gesundheit beeinträchtigen, erklärt Betz.

Gegen die Biologie können die Schüler nichts ausrichten. „Für die Altersgruppe müssten Arbeit und Schule idealerweise zwischen 9 und 10 Uhr beginnen“, sagt Betz.

Ändern lasse sich das Verhalten: Wer Blaulicht meidet, schaffe bessere Voraussetzungen. Und das lohnt sich laut der Mediziner: Die Studie belege eindrucksvoll, dass Schüler mit ausreichend und gutem Schlaf deutlich gesünder und leistungsfähiger sind.

Vor zehn Jahren hat Betz schon einmal Goethe-Schüler befragt. Das Thema Schlaf wurde erst 2008 für diese Forschung entdeckt. Aber beim ersten Blick auf die Gesamtergebnisse zur Gesundheit stellt Betz fest, „dass sich die Ergebnisse gravierend unterscheiden.“

 

Studien aus Dillenburg

Das Dillenburger Institut für Gesundheitsförderung- und Forschung (IGFF) hat viele Studien in Zusammenarbeit mit Universitäten begleitet. Oft stehen Schüler und Auszubildende im Zentrum der Forschung. Mediziner Betz erhebt Informationen dazu schon seit 2001, er spricht von der größten Datensammlung dieser Art in Deutschland. Auftraggeber sind in der Regel Krankenkassen und Unternehmen.
2015, 2013 und 2012 hat das IGFF mit dem Uniklinikum Gießen-Marburg in verschiedenen Projekten über Schlafmangel und Müdigkeit von jungen Menschen, die auch im Zusammenhang mit Mediennutzung stehen, geforscht. Auch Rückengesundheit von Auszubildenden stand bereits im Fokus.
Projekte der 1996 gegründeten IGFF haben mehrfach den BKK-Innovationspreis gewonnen. Zudem ist das Institut Träger des hessischen Gesundheitspreises. (wes)


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