Sammy Amara: „Lauwarm ist langweilig“

INTERVIEW  „Broilers“-Frontmann spricht über das „Franzis“, Punkrock und Helene Fischer / Konzert am 23. November

„Jeder vermeintliche Fehler hat uns zu der Band gemacht, die wir heute sind“, sagt Broilers-Frontmann Sammy Amara. (Foto: Robert Eikelpoth)

Hallo Sammy, am 23. November kommt ihr nach Wetzlar. Wart ihr da schon mal? Kennt ihr die Wetzlarer?

Sammy Amara: Ja klar, wir kennen die Wetzlarer und die Stadt. Wir haben vor 15 Jahren schon in Wetzlar gespielt, ich glaube in einem Laden, der „Franzis“ hieß. Da haben wir sehr gute und chaotische Erinnerungen.

Die Rittal-Arena, in der ihr jetzt auftretet, ist nur unwesentlich größer...

Sammy (lacht): Das ist doch ein guter Schritt.

Was erwartet ihr von den Wetzlarern und was erwartet die Fans bei eurer (sic!)-Tour?

Sammy: Ich hoffe, dass die Menschen in der Gegend sich nicht verändert haben. Wenn das, was vor 15 Jahren war, in größerer Stückzahl stattfindet, dann wird das ein ziemlich guter Abend.

Was war denn los vor 15 Jahren im „Franzis“?

Sammy: Vollkommenes Chaos. Eins, zwei, drei, Oberkörper frei. Es war sehr heiß, sehr unseriös. Ein richtig guter Abend.

Wird euer Konzert in Wetzlar auch mit „Zurück zum Beton“ beginnen? Warum ist dieser Song euer Opener?

Sammy: Wir haben irgendwann mal probiert, ein anderes Lied als Opener zu nehmen, hat auch funktioniert. Aber ganz ehrlich: Es gibt keinen besseren Anfang.

Euer Albumname hat ja auch mit unserem Zeitungsjob zu tun. (sic!) ist ja das Zeichen, das für Setzer benutzt wurde, um einen gewollten Fehler zu kennzeichnen. War und ist bei euch alles gewollt?

Sammy: So kann man es sagen. Und wenn es nicht so wäre, sagen wir es trotzdem. Das klingt ja viel eleganter. Jeder vermeintliche Fehler hat uns zu der Band gemacht, die wir heute sind. Deshalb ist alles okay, wie es gelaufen ist. Es musste so sein.

Ihr startet ja richtig durch, ausverkaufte Konzerte, ihr wurdet mit dem „Echo“ ausgezeichnet für den Longplayer. Wie wichtig ist euch Erfolg? Darf man in der Punk-Szene überhaupt Erfolg haben?

Sammy: Eigentlich nicht. Darf man aber auch generell in Deutschland nicht haben. Wer Erfolg hat, wird schief angeschaut. Kommerzieller Erfolg ist am Ende des Tages nicht so wichtig. Es ist schön, wenn er da ist und darüber wollen wir uns nicht beschweren. Wichtig ist uns aber, dass wir uns mit dem, was wir tun, wohlfühlen, dass wir uns als Freunde gut verstehen und dass wir es genießen.

Alles begann mit „Sex Pistols“, „The Clash“ und den „Toten Hosen“. Wer hat euch am meisten beeinflusst?

Sammy: Am Anfang waren es sicher die „Toten Hosen“. Aber das ist über 25 Jahre her. Durch die „Hosen“ haben wir 1992 Punk kennengelernt und die alten englischen Punkbands. Danach kamen immer neue Einflüsse dazu, wir haben uns in neue Musikgenres verliebt und aus all dem, was man da mitkriegt, zieht man was.

Ihr habt es bestimmt schon tausend Mal beantwortet, aber ich muss dich auf den Bandnamen „Broilers“ (Masthuhn) ansprechen. Wieso?

Sammy: Wir wussten damals überhaupt nicht, was das heißt. Wir fanden und finden immer noch, dass er gut klingt. Als Punkband musste das „Oi“ in den Bandnamen. Als wir T-Shirts gemacht haben, haben wir erfahren, was Broilers überhaupt heißt. Aber es gibt eine gewisse Tradition von Punkbands, scheiß Namen zu haben.

„Broilers sind Punkrock mit deutschen Texten voller Herzblut“. Fühlt ihr euch dadurch gut beschrieben?

Sammy: Finde ich schon. Herzblut und Emotion halte ich für sehr wichtig in der Musik. Und Emotion kann Wut, Trauer, Freude sein. Wenn etwas lauwarm ist, dann ist es langweilig. Dann tut es vielleicht keinem weh, aber es berührt auch wenige. Mich zumindest macht es nicht glücklich.

Euch gibt es schon lange. Ihr kennt die kleinen Bühnen, aber auch die großen Arenen. Was ist besser: Festival oder eigene Tour? Riesige Stadien oder kleine Halle?

Sammy: Da ist kein Oder. Alle Disziplinen sind für sich genommen geil und total unterschiedlich. Die kleinen Läden haben eine unglaubliche Intensität, in den großen Hallen ist es die Zahl der Menschen, die einen beeindruckt. Auf Festivals hast du meist geiles Wetter und den freien Himmel. Das ist auch noch mal was Besonderes. Und das Schöne ist, dass wir das alles machen können.

Thema Festival. Euer Auftritt bei „Rock am Ring“ in diesem Jahr wurde durch eine Terrorwarnung unterbrochen. Wie war das für euch?

Sammy: Wir wussten im ersten Moment gar nicht, was los ist. Erst haben wir uns gefragt, ist ein Anschlag auf uns geplant? Wir haben uns natürlich um unsere Freunde gesorgt. Danach haben wir erst verstanden, was los war und uns die Frage gestellt: Was ist mit den Leuten vor der Bühne? Die sind da aber schon sehr friedlich und vorbildlich Richtung Zeltplätze gegangen. Muss man nicht noch mal haben.

Terror, rechte Gewalt: Macht euch das Angst? Falls ja, dürft ihr das zugeben oder müsst ihr immer hart sein angesichts von Fans, die euch den Kauf einer Kaffeemaschine übel nehmen?

Sammy: Man darf alles, was man möchte. Ich glaube nur, dass Angst immer ein schlechter Ratgeber ist. Es macht ein beschissenes Gefühl zu sehen, in welche Richtung Deutschland, Europa und die Welt driften. Menschen zu entzweien, damit hat man überhaupt nichts gewonnen. Mich erschüttert das immer wieder, wie schnell Leute vergessen, was wir für eine Vergangenheit in Deutschland und was unsere Großeltern erlebt haben. Es ist immer schlimm, wenn man jungen Leuten erklären muss, dass Nazis scheiße sind.

Ihr erklärt, thematisiert viel in euren Songs wie „Nur ein Land“, „Keine Hymnen heute“, „Als das alles begann“: Wie politisch sind die „Broilers“?

Sammy: So politisch, wie es sein muss. Ich glaube sogar, dass wir mehr Platten verkaufen würden, wenn wir uns aus all dem raushalten würden. Helene Fischer macht das auch, es ist aber keine Option für mich. Wir könnten uns das nicht verzeihen, wenn wir in solchen Zeiten, in denen man das Ruder noch rumreißen kann, das Maul gehalten hätten.

Wie politisch wollen eure Fans euch haben?

Sammy: Ich denke, die Fans haben sich damit arrangiert, viele halten es für wichtig und finden uns deswegen gut. Sicher gibt es aber auch einige, die sagen: Leute, spielt lustige Musik! Wenn es denen zu viel ist, gibt es aber auch viele Alternativen, ich sprach ja gerade von Frau Fischer...

Braucht es ein Gegenstück zu Helene Fischer?

Sammy: Ich würde zumindest, wenn wir bei ihr bleiben, von ihr erwarten, dass sie Stellung bezieht – wenn das alles noch schlimmer wird. Sie hat die Macht, Menschen zum Umdenken zu bewegen. Natürlich keine knallharten Rassisten, aber durchaus den geneigten „Bild“-Leser und Paniker.

Kann man sich musikalisch in Gefahr begeben, wenn man Stellung bezieht?

Sammy: Vielleicht. Unter den Videos unserer aktuellen Platte, da stehen durchaus widerliche Sachen, die durchaus einen Straftatbestand erfüllen würden. Aber auch hier ist Angst ein schlechter Ratgeber.

Fallen im Internet die Schranken schneller?

Sammy: Vollkommen. Man hat den Eindruck, die Leute nehmen das Internet wahr wie ein Auto im Stau: Sie popeln in der Nase und vergessen, dass das Auto Scheiben hat. Es ist bequem: Du sitzt auf der Couch und hackst deinen Hass mal eben in die Tasten.

Sammy, du bist der bandinterne Multifunktionär: Sänger, Texter, Komponist, Grafikdesigner. Du machst Covers und designst eure T-Shirts. Ein gutes Gefühl, alles selbst in der Hand zu haben?

Sammy: Ja und nein. Ich hab mir dieses Bett gemacht, also muss ich auch darin schlafen. Ich könnte aber auch gar nicht mehr anders. Es fühlt sich gut an. 1996 waren wir eine knallharte linke Skinheadband und was habe ich aufs Cover gemacht? Zwei pinke Rosen. Das ist doch auch mal was. Die hatte ich in der Clipart-Sammlung am PC meiner Mutter gefunden.

Und wie fand die Mutter den Wandel von der Punk- zur linken Skinheadband?

Sammy: Am Anfang hat sie sich gefreut, als ich mir den Iro abgeschnitten hab und keine Löcher mehr in der Hose hatte. Als die Haare dann immer kürzer wurden, musste ich meinen Eltern schon den Unterschied zwischen linken Skinheads und Nazis erklären und dass da ein ganz gewaltiger Unterschied besteht.

Haben sie es toleriert?

Sammy: Sie haben es verstanden und haben es toleriert, fanden es aber nicht immer so prickelnd.

Und wann hat die Sache mit den Tattoos begonnen?

Sammy: Das hat spät begonnen, vor 12 oder 15 Jahren. Die Sehnsucht war immer da, nackte Haut ist nichts für mich. Ich habe als kleines Kind einen sehr tätowierten Mann gesehen. Das hat mich nicht losgelassen.

Wo wurdest du das letzte Mal tätowiert? Was war es und was wird das letzte sein?

Sammy: Eine kleine Erinnerung an den Spanienurlaub. Was mit Bierglas. Und ich befürchte, dass es noch weitergeht. Die Beinchen haben wir noch frei.

„Broilers“ treten am Donnerstag, dem 23. November, um 20 Uhr in der Rittal-Arena in Wetzlar auf. Karten kosten ab 39, 95 Euro.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2017
Kommentare (0)
Mehr aus midde