Von Menschen mit Behinderung lernen

FSJ Freiwillige berichten von ihrem sozialen Bildungsjahr bei der Lebenshilfe Wetzlar-Weilburg

Viviane Klaus. (Foto: Kuhlmann)

Paul Riedl. (Foto: Kuhlmann)

Sophie Gudewill. (Foto: Kuhlmann)

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Nach dem Schulabschluss geht es in der Regel an die Planung der beruflichen Zukunft. Doch wie soll diese aussehen – Ausbildung, Studium, soziales Engagement oder doch ein Auslandsjahr? Die Auswahl ist groß und macht die Entscheidung selten leicht.

Dass nur wenig junge Menschen sofort mit dem Gedanken spielen, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu leisten, wird am Beispiel der Lebenshilfe Wetzlar-Weilburg deutlich: „Weniger als zehn Prozent unserer Bewerber verfolgen frühzeitig das Ziel, ein FSJ zu absolvieren“, sagt Petra Messerschmidt vom Personalwesen. Der Großteil der Bewerbungen gehe meist kurzfristig nach den Abiturprüfungen und nicht selten nach einer Absage für Ausbildung oder Studium ein.

Auch Paul Riedl – einer von derzeit 24 Freiwilligen bei der Lebenshilfe – hatte nach seinem Auslandsjahr in Kanada zunächst ganz andere Pläne: „Ich habe nie wirklich über ein FSJ nachgedacht, doch da im Juli bereits viele Bewerbungsfristen verstrichen waren, beschloss ich, mich bei der Lebenshilfe zu bewerben“, erzählt der Wetzlarer.

Gudewill: „Die Menschen, die ich betreue, sehe ich nicht als Mitarbeiter, sondern als Freunde.“

Ebenso rasch wie Riedl die Zusage erhielt, habe er auch Gefallen an seinem Freiwilligendienst gefunden: „Ich hätte nicht gedacht, dass mir die Arbeit hier so viel Spaß machen würde“, sagt er.

Seit der 17-Jährige in der Aßlarer Dilltalwerkstatt Menschen mit Behinderung betreut, habe sich seine Weltsicht verändert: „In meiner Gruppe erlebe ich selbstständige Menschen, die es nicht in jeder Situation sein können“, schildert Riedl. Menschen mit Behinderung könnten nicht nur viel mehr, als er zunächst erwartete, sie hätten auch großen Vorbildcharakter für Riedl: „Ich staune oft, wie offenherzig sie sind und wie sie Zwischenmenschlichkeit leben.“ Anfängliche Berührungsängste habe er daher schnell verloren.

Ähnliche Eindrücke sammelte auch Sophie Gudewill während ihrem FSJ bei der Lebenshilfe: „Die Menschen, die ich betreue, sehe ich nicht als Mitarbeiter, sondern als meine Freunde.“

Selten habe die 21-jährige Schwalbacherin Zwischenmenschlichkeit und Zusammenhalt so ausgeprägt erlebt, wie in der Wetzlarer Werkstatt für Menschen mit Behinderung: „Wir lachen viel und verbringen auch unsere Pausen gemeinsam.“

Obwohl Gudewill die Montage betreut, Mahlzeiten mundgerecht schneidet oder auch anreicht, seien es nicht nur die Menschen mit Behinderung, die vom gemeinsamen Arbeitsalltag profitierten: „Wenn ich mir den Kopf über etwas zerbreche, sind sie mir ein Vorbild, denn sie denken viel einfacher und vor allem positiver.“ Neben den positiven Erfahrungen in ihrem Team habe sie vor allem Durchhaltevermögen, Disziplin und Verantwortungsbewusstsein während ihres sozialen Bildungsjahres entwickelt.

Wie es für die junge Frau beruflich weitergehen wird, weiß sie schon: „Das FSJ bei der Lebenshilfe hat mich darin bestärkt, mich auch weiterhin sozial zu engagieren. Ich werde eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin beginnen.“

Eine Ausbildung hat sich auch Viviane Klaus als Ziel gesetzt. Doch welchen Beruf sie einmal ausüben möchte, darüber war sich die 19-Jährige nach ihrem Schulabschluss noch nicht sicher. Also bewarb auch sie sich spontan für ein FSJ bei der Lebenshilfe: „Den einjährigen Freiwilligendienst sah ich als gute Chance, um mir Gedanken über meine berufliche Zukunft zu machen.“

Auch sei es ihr wichtig gewesen, sich sozial zu engagieren und in ihrer Persönlichkeit zu wachsen. Damit, dass ihre Erwartungen in der Wetzlarer Kindertagesstätte sogar übertroffen werden, hatte Klaus nicht gerechnet: „Ich bin überrascht, wie selbstsicher und verantwortungsbewusst ich durch die Arbeit in der Krippengruppe geworden bin.“

Sie kenne nun ihre Stärken und traue sich, auf andere Menschen zuzugehen. Letzteres nehme sie vor allem positiv für ihr künftiges Berufsleben mit.

Dass ihre Kolleginnen sie jederzeit als volles Teammitglied und nicht als Freiwillige behandelt hätten, habe ihr zudem immer wieder Mut gemacht Mut, Herausforderungen wie das Wickeln der Krippenkinder oder die Betreuung eines Integrationskindes anzupacken.


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