Wenn die Rotmilane fliegen, jubelt die 6d

Biologie  Biedenkopfer Lahntalschüler verfolgen im Internet ein Forschungsprojekt der Uni Marburg

So aufregend kann Biologie-Unterricht sein: Die Schüler der Lahntalschule in Biedenkopf verfolgen regelmäßig im Internet, wie weit "ihre" hessischen Rotmilane schon gekommen sind. Das ist wie ein kleines Wettrennen. Jeder Schüler hat seinen eigenen Favoriten, den er anfeuert. Und wenn der vorne "fliegt", dann brechen die Schüler auch schon mal in Jubel aus. (Foto: Abbe)

"Friedolin, du schaffst das!": Die Schüler haben auch Bilder ihres Lieblingsrotmilans gemalt. (Foto: Abbe)

Ein Rotmilan. (Foto: Sascha Rösner/Universität Marburg) 

Mit ihren Bildern feuern die Schüler "ihre" Rotmilane an. (Foto: Abbe)

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In dem mehrjährigen Forschungsprojekt beschäftigen sich Wissenschaftler des Fachbereichs Biologie der Marburger Universität mit dem Rotmilan. Sie untersuchen, welche Faktoren die Rotmilane in der Wahl ihres Lebensraums und im Flugverhalten beeinflussen.

Dazu haben die Forscher im Sommer 2017 über Hessen verteilt 20 Vögel mit Satellitensendern versehen (siehe Infokasten). Die Sender, so berichtet der am Projekt beteiligte Biologe Sascha Rösner, sind mit Solareinheiten ausgestattet und senden über mehrere Jahre Daten zur Position, Beschleunigung und Flughöhe der einzelnen Vögel.

Marburger Biologen statten 20 Rotmilane mit Sendern aus und beobachten die Tiere über mehrere Jahre

So erfahren die Wissenschaftler unter anderem, wie naturräumliche Ausstattungen – damit sind beispielsweise Anteile von Wald und Ackerland, aber auch verschiedene Distanzen zu Windrädern gemeint – die Bewegungsräume der Tiere oder auch ihren Bruterfolg beeinflussen. Auch den Vogelzug beobachten die Forscher dabei genau.

Doch die Biologen werten die Daten nicht nur zu wissenschaftlichen Zwecken aus. Über spannende Entwicklungen informieren sie auch auf ihrer Projekt-Internetseite. Und dort schaut regelmäßig Biologielehrer Sebastian Blum mit seiner Klasse 6d nach. Seit die Rotmilane im September und Oktober losgeflogen sind, haben die Lahntalschüler im Biounterricht immer wieder nachgesehen, wie weit die Tiere schon gekommen sind.

Die Schüler beobachten die Vögel auf der Reise ins Winterquartier und feuern ihre Lieblingstiere an

So richtig viel Spaß machte das, weil die Marburger Biologen den einzelnen Tieren sogar Namen gegeben und im Oktober fast täglich die Flugrouten aktualisiert haben. Für einige Rotmilane haben sich dann in der 6d richtige kleine Fanclubs gebildet.

Leon, Julius und Martin beispielsweise beobachten Friedolin, der als Erster gestartet ist und somit zunächst den Schnabel vorn hatte, ganz genau. Aber auch Theo war gut unterwegs. Die Frage, ob er wohl zu Friedolin aufschließen kann, beschäftigte die Forscher im Oktober genauso wie die Biedenkopfer Schüler. Und so brach auch schon mal Jubel in der 6d aus, wenn Biolehrer Blum in den Beamer anwarf, die Rotmilan-Internetseite aufrief, dort auf einer Landkarte die aktuellen Positionen der Tiere sichtbar wurden und Friedolin – oder auch Laia, Karl und Jan-Ole gut vorangekommen waren.

Was den Biolehrer dabei besonders freut: „Die Schüler haben ihre Begeisterung für das Thema mit nach Hause genommen.“ So mancher Schüler habe nämlich selbstständig jeden Tag zu Hause am Computer die Position der Milane überprüft und geschaut, wie weit „sein“ Tier gekommen ist.

Der positive – und vom Lehrer beabsichtigte – Nebeneffekt: Die Schüler haben eine Menge über den Vogelzug im Allgemeinen und die Rotmilane im Besonderen gelernt. Sie wissen nun, dass die Greifvögel sich im September und Oktober auf den Weg machen; dass sie nach Süden ziehen und die meisten – aber nicht alle – ihr Winterquartier in Spanien aufschlagen. Einzelne Tiere, nämlich Olga und Laia, sind in Frankreich geblieben. Auch der Startzeitpunkt und das Tempo, mit dem die Vögel unterwegs waren, war unterschiedlich, haben die Lahntalschüler erfahren.

„Nachdem die ersten Milane schon im September in die winterlichen Quartiere aufgebrochen waren, sind dann erst in der dritten Oktoberdekade die letzten Tiere gestartet“, berichtet auch Projekt-Mitarbeiter Sascha Rösner. Anfang November waren elf Milane im Überwinterungsgebiet angekommen. Andere brauchten für die mehr als 1500 Kilometer lange Flugstrecke länger. Auf ihrer Reise haben die Tiere zum Teil mehr als 100 Kilometer pro Tag zurückgelegt. Beim Blick auf die Flugrouten der Tiere findet Biologe Rösner es faszinierend, dass sich die Tiere beim Flug über die Pyrenäen auf wenige Täler in den nördlichen Regionen des Gebirgsmassivs konzentrierten.

Im Dezember hatten schließlich alle Tiere ihre Winterquartiere erreicht. „Die meisten haben kleine Überwinterungsgebiete in den spanischen Korkeichenwäldern oder in der Nähe von Mülldeponien, in Flussauen“, berichtet Rösner und erklärt, dass die Forscher sich auch die Beschaffenheit der Überwinterungshabitate der Tiere genauer anschauen.

Von Rotmilan Greta mussten sich die Marburger Biologen indes im Dezember verabschieden. Mitte des Monats zeigten die gesendeten Daten, dass das Tier sich in der Nähe von Sevilla aufhielt und dort tagelang nicht mehr bewegt hatte. Die Marburger Biologen informierten daraufhin Partner vor Ort, die Greta tot auffanden und sich nun auch um die Obduktion kümmern, um die Todesursache zu ermitteln.

Im März kehren die Rotmilane zurück: Im Netz können Interessierte die Reise verfolgen

Die Forscher hoffen nun, dass die anderen 19 Tiere heil aus dem Süden zurückkehren. Wenn die Rotmilane ihre Heimreise antreten, wird es auch auf der Projekt-Seite www.rotmilane.de wieder richtig interessant. „Die heiße Phase wird im März sein“, sagt Biologe Rösner und verspricht, auch künftig im Internet über die spannendsten Entwicklungen zu informieren.

(Foto: S. Rösner/pixeldiversity.com)


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