„Nicht die Deutung den anderen überlassen“

Der Leistungskurs Politik der WvO führte eine Studienfahrt nach Berlin zum Thema „Berlin im Wandel der Geschichte“ durch

Birgit Schulz, Referentin der HLZ, hatte diese Fahrt unter dem Schwerpunkt „Berlin im Wandel der Geschichte“ kenntnisreich zusammengestellt. Zu diesem Zeitpunkt konnte man noch nicht ahnen, dass die Elbe Hochwasser führte, sodass vor der Elbbrücken-Überquerung bei Dessau der Verkehr nur in einer Spur über die Brücke geführt werden konnte und das ganze Ausmaß der überschwemmten Gebiete für uns zu sehen war.

Untergebracht waren die Schüler im Relexa-Hotel im Herzen Berlins, unweit der ehemaligen Sektorengrenze. Der darauffolgende Tag begann mit einer Stadtrundfahrt durch Berlin. Reinhard Steinhausen zeigte uns nicht nur das Regierungsviertel, sondern z. B. auch Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel Wilmersdorfs. Dieser Bezirk war zu Beginn des 20 Jh. ein bevorzugtes Wohngebiet für die jüdische Bevölkerung Berlins, bevor dieses Stadtviertel in ein „judenreines Gebiet" im Zusammenhang mit Hitlers Plänen zur Neugestaltung Berlins umgewandelt wurde. Die Entrechtung war dabei nur die Vorstufe zur Vernichtung der Juden. Anschließend fuhren wir zum Bahnhof Grunewald, von wo ab Oktober 1941 über 58 000 Berliner Juden in die Gettos, Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden.

Daraufhin besuchte die Gruppe das „Haus der Wannsee-Konferenz“. Hier besprachen am 20.1.1942 15 hochrangige Vertreter der SS und der NSDAP die Pläne für eine sogenannte „Endlösung der Judenfrage“. An diesem Ort erhielten die Jugendlichen durch Arbeitsgruppen zum Thema „Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden“ einen Einblick in die verheerenden Beschlüsse, die auf der Wannsee-Konferenz getroffen wurden. Nur unweit der Gedenkstätte befindet sich auch das ehemalige Gartenhaus des impressionistischen Malers Max Liebermann. Seit 2006 ist dieser Ort, wo Liebermann über 200 Bilder malte, wieder zugänglich, auch der Garten, so wie ihn Liebermann hatte anlegen lassen, ist wieder hergestellt worden und zugänglich und lohnt einen Besuch.

Der zweite Tag stand ganz im Zeichen der Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus. Zuerst besuchte die Gruppe die „Gedenkstätte Konzentrationslager Sachsenhausen“ in Oranienburg, nördlich von Berlin. Dieses Lager wurde von der SS als „Ausbildungslager“ für KZ Personal eingerichtet. Erschütternd ist die Massenerschießungsanlage, wo über 10 000 sowjetische Häftlinge durch Genickschuss umgebracht wurden. Im Jüdischen Museum, einem eindrucksvollen Gebäude von Daniel Libeskind in Form eines geborstenen Davidsterns, konnte man sich dann unter den Schwerpunkten „Deutsche Juden im 19. Jahrhundert“ und „Juden im Kaiserreich und der Weimarer Republik“ mit Assimilation und Ausgrenzung beschäftigen.

Danach erfolgte ein Themenwechsel: Mit der Fahrt zur Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße waren die Schülerinnen und Schüler in der Zeit der SED-Diktatur angelangt. Der Tag begann mit dem Besuch der Behörde des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen im ehemaligen Stasihauptquartier in der Normannenstr.. Andreas Schiller erläuterte hier, wie die Stasi arbeitete und wofür sie im DDR-Regime gebraucht wurde. Gemeinsam mit dem Zeitzeugen Hartmut Richter fuhr die Gruppe zum Teltowkanal, an dem dieser von seiner Flucht im Jahre 1966 nach Westberlin durch den Teltowkanal berichtete. Hartmut Richter war dabei sehr gefasst und blieb beinahe sachlich bei der Beschreibung, mit welchen Gedanken und Ängsten er diese Flucht gewagt hatte. Um die Geschichte Richters noch besser zu verstehen, der sich dann als Fluchthelfer engagierte, und 1975 bei der Fluchthilfe für seine Schwester von der Stasi inhaftiert und zu 15 Jahren Zuchthaus wegen staatsfeindlichen Menschenhandels verurteilt wurde, bis er im Oktober 1980 von der Bundesregierung freigekauft werden konnte, besuchte die Gruppe die ehemalige Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in der Lindenstr. in Potsdam. Dort erklärte uns der Zeitzeuge, wie er als Fluchthelfer arbeitete und unter welchen bedrückenden Verhältnissen er inhaftiert wurde. Gefragt, warum er sich immer wieder diesen Erinnerungen aussetze, erklärte er, er wolle die Deutung der Geschichte nicht anderen überlassen.

Am Donnerstag stand der Besuch des Deutschen Bundestages im Vordergrund. Dort empfing uns Dr. Kinan Jaeger. Er zeigte uns das Reichstagsgebäude und erläuterte die Aufgaben und Arbeitsweisen des Bundestages. Im Anschluss daran hatten die Schüler/innen ausführlich Gelegenheit (jeweils 30 Minuten), um mit Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen über das Thema „Direkte Demokratie“ auf Bundesebene zu diskutieren. Ingrid Hönlinger von B90/DIE GRÜNEN nahm sich Zeit für die Schüler, ebenso Christine Lambrecht von der SPD. Die Fraktion FDP wurde von Volker Adams, Referent für Bildung im Arbeitskreis VI, vertreten. Besonderes interessiert waren die Schüler an den Ausführungen von Dr. Franz Josef Jung (CDU), ehemaliger Verteidigungsminister von 2005 bis 2009, der den Schülern auch fesselnd von seinen Erinnerungen an den Fall der Mauer berichtete. Die Schüler stellten viele interessante Fragen, welche die Abgeordneten sehr gerne beantworteten. Das Thema Wahlkampf blieb dabei im Hintergrund.

Als Höhepunkt stand die Teilnahme an einer Plenardebatte auf der Besuchertribüne zum Thema „Jüdisches Leben in Deutschland“ an. Der letzte Tag wurde mit dem Besuch des Deutschen Bundesrats abgerundet. Dort erklärte Reinhard Steinhausen die Arbeitsweise des Bundesrats und ging näher auf bauliche Details des ehemaligen Preußischen Herrenhauses ein, bevor es wieder mit dem Bus zurück ging.

Diese Fahrt konnte uns mehr vermitteln als ein guter Geschichtsunterricht, da es eine andere Sache ist, wenn man Ort und Stelle sich konkret über das Vorgefallene informieren kann.

Diese Fahrt werden wir nicht vergessen. Unser Dank geht an Birgit Schulz, die uns diese Fahrt ermöglichte.

Katrin Eckl, Jg. 12


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