„Wir waren wie erlöst“

Zeitzeugen berichten Abiturienten von ihren persönlichen Erfahrungen zum Kriegsende 1945

18 Schüler der Klasse 13 der Wilhelm-von-Oranien-Schule in Dillenburg (WvO) hatten die Gelegenheit, sich mit sieben Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs und der sogenannten "Stunde Null" 1945 auf ganz besonders persönliche Weise auseinanderzusetzen. (Foto: privat)

18 Schüler der Klasse 13 der Wilhelm-von-Oranien-Schule in Dillenburg (WvO) hatten die Gelegenheit, sich mit sieben Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs und der sogenannten "Stunde Null" 1945 auf ganz besonders persönliche Weise auseinanderzusetzen. (Foto: privat)

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Zu diesen Abiturienten und Abiturientinnen von 1948 gehört auch Hans Decker. Er wurde 1929 geboren und kam 1939 auf die Oberschule für Jungen. Seiner Meinung nach hatte er ein relativ normales Schulleben während der Kriegsjahre trotz Knappheit an Schulmaterialien sowie Lebensmitteln. Nach der Ausrufung des totalen Krieges im Februar 1943 durch den damaligen Propagandaminister Goebbels begann im September 1944 die Reaktivierung des Westwalls. Die Schüler mit ihren oft nur 14 Jahren mussten schon Gräben ausheben. Um nicht noch eingezogen zu werden, versuchten sie sich von Wohnungen und Dörfern fernzuhalten und gingen häufig in den Wald. Als am 27. März 1945 die Amerikaner nach Sinn -seinem damaligen Wohnort- kamen, hörte der Schulbetrieb sofort auf. Nach dem Kriegsende 1945 begann schon im Herbst des Jahres wieder die Schule. Hans Decker und seine damaligen Mitschüler legten schon am 28. Juni 1948 ihr Abitur ab. Davor mussten sie den Schulstoff von vier Jahren innerhalb von zweieinhalb Jahren lernen, was laut Decker etwas beschwerlich war. Nach seinem erfolgreich bestanden Abitur begann Hans Decker in Frankfurt am Main Jura zu studieren. Nach zwei Semestern führte er sein Studium an der Universität in Heidelberg weiter und absolvierte dort 1954 sein erstes Staatsexamen. 4 Jahre später bestand er sein zweites Staatsexamen in München. Nach Abschluss seines Studiums arbeitete er für den Weltkonzern Siemens als Jurist in der Rechtsabteilung. Als er 1971 das Angebot erhielt für die Firma in die USA zu gehen, ergriff er diese Chance und wurde schon kurze Zeit später dort Vorsitzender. Nach Beendigung seiner Tätigkeit bei Siemens im Jahr 1992 nahm Decker außerordentliche Unterrichtstätigkeiten an der Columbia University im Bereich internationaler Finanzen auf. Noch heute lebt er auf Long Island in der Nähe der amerikanischen Metropole New York. In gewisser Weise hat er seinen persönlichen „American Dream“ erlebt.

Während die einen anfangs von der Stunde Null nach Kriegsende kaum etwas mitbekamen, traf es andere sehr stark. Helmut Arhelger, zuletzt Rektor der Grundschule und Förderstufe in Niederscheld, berichtete, dass aufgrund seiner fehlenden Schulbildung es für ihn zunächst kaum eine Zukunftsperspektive gab. Nach dem Krieg wuchsen die Möglichkeiten wieder, aber eigenes Engagement war gefragt, um die sich bietenden Chancen auch zu ergreifen. Angela Klemmm erlebte ihre persönliche Stunde Null, als sie mit ihrer Familie ein Jahr nach Kriegsende ihr Heimatland - die sudetendeutschen Gebiete in der Tschechoslowakei- mit nur 30 kg Gepäck in einem Pferdewagen verlassen und in die amerikanische Besatzungszone ziehen musste. Laut Alfred Neuhof befürchtete man nach Ende der NS-Zeit einen Weltuntergang, denn dies war die Lüge der Zeit, aufgebaut durch das nationalsozialistische Regime. Doch wie sich herausstellte, brachte der Zusammenbruch des Terror-Regimes und das Ende des grausamen Weltkrieges viele neue Freiheiten des Lebens mit sich. Davon berichteten auch Barbara Wolfram und Hans Decker. Sie betonte das neue Freiheitserlebnis und Hans Decker berichtete von den kleinen Freiheiten wie der amerikanischen Musik zum Tanzen. Hingegen war für Ursula Arhelger und Gerda Orth, die zu dieser Zeit noch Kinder waren, die Erleichterung am größten, als sie und ihre Familien nicht mehr von den Bombenangriffen in die Luftschutzkeller getrieben wurden.

Barbara Wolfram fasste die neuen Umstände nach der Stunde Null in folgendem prägnanten Satz zusammen: "Wir waren wie erlöst."

Martin Hinterlang warf nach einiger Zeit die Frage in den Raum, was nach Meinung der Zeitzeugen entscheidend für den raschen wirtschaftlichen und politischen Neuaufbau nach dem Kriegsende gewesen sei. Alle waren sich einig, dass es nach den Erlebnissen des Krieges vorrangig darum ging, sich sein Leben neu aufzubauen. Somit war der Blick eher auf die eigene Familien- und Lebenssituation gerichtet und das politische Geschehen wurde daher kaum beachtet. Die innere Befreiung der Deutschen förderte ihr positives Denken und den Zusammenhalt der Bevölkerung. Ein radikaler Umsturz war die Währungsreform, die zum Beispiel Alfred Neuhof half sein Studium zu finanzieren. Außerdem half der Marshall- Plan der Amerikaner dem Wiederaufbau von Industrie und Wirtschaft. "Dieser Plan war die Initialzündung für den Auftrieb." (Neuhof) Der Schuldenerlass der amerikanischen Besatzungsmacht war für viele der letzte Ausweg für einen wirtschaftlich persönlichen Neuanfang.

Die letzte Frage der Schüler an die sieben Besucher war, wie viel sie von der Brutalität des Regimes mitbekommen hätten. Hans Decker bezeichnete diese als Kardinalfrage, denn die Geschehnisse seien unbegreiflich. Man habe wenig mitbekommen, denn "Wissen hängt mit Wissenwollen zusammen". Das Regime habe sehr wenige Informationen an die Bevölkerung durchsickern lassen, denn das Ausmaß der Vernichtung in den Lagern im Osten war in keiner Weise bekannt. Umso größer sei der Schock nach Ende des Krieges gewesen.

Die lebendige und von gegenseitiger Neugier geprägte Begegnung der 17-19jährigen Abiturienten mit ihren 84-86jährigen Vorgängerinnen und Vorgängern wird allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben. So bedankten sich Hinterlang und seine Schülerinnen und Schüler am Ende der Doppelstunde herzlich, dass die Gäste zum Teil eine weite Anreise auf sich genommen hatten, um ihr Klassentreffen mit dem Besuch ihrer alten Schule zu verbinden und authentische und lebendige Erinnerungen an die aktuelle Schülergeneration weiterzugeben.


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