Von Fröschen und Störchen

Luther als Urheber der Freiheit
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Nachdem die Professoren Volker Leppin (Tübingen) und Anselm Schubert (Erlangen) zu Gast waren, hielt Prof. Dr. Wolf-Friedrich Schäufele am 11. Juni 2013 einen Vortrag zum Thema „Luther als Urheber der Freiheit. Die Zwei-Reiche-Lehre und die politische Freiheitsideen der europäischen Moderne“. Gerahmt wurden der Vortrag und die anschließende Diskussion durch zwei Etüden von Frédéric Chopin vorgetragen von Julius Steinberg, Professor für Altes Testament an der THE, sowie einem kleinen Imbiss. Prof. Dr. Wolf-Friedrich Schäufele, der nach Promotion und Habilitation in Mainz nun seit 2007 Professor für Kirchengeschichte an der Philipps-Universität Marburg ist, markierte entscheidende Anknüpfungspunkte für die politische Freiheitsidee der Moderne in Luthers „Zwei-Reiche-Lehre“ oder besser „Zwei-Regimenter-Lehre“ nach der Obrigkeitsschrift von 1523 auf.

So gab Luther darin zuerst das mittelalterliche Ideal einer christlichen Gesellschaft preis, indem er es nicht für notwendig hielt, dass politische Machthaber Christen sein müssten. Dafür wäre die Welt sowie so viel zu böse, als dass sie kluge und fromme Fürsten verdiene: „Frösche müssen Störche haben“. Des Weiteren trennte er strickt zwischen politischen und kirchlichen Zwecken, beschränkte die weltliche Herrschaft auf die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Welt durch das Verhindern von Bösem und Beschützen von Gutem und verurteilte jedes Einmischen weltlicher Macht in den Bereich des Glaubens und Gewissens als unrechtmäßige Machtüberschreitung. Durch diese Begrenzung weltlicher Herrschaft habe Luther den Gedanken der Gewissens- und Religionsfreiheit entscheidend vorbereitet und damit auch den Weg zu einer religiös und weltanschaulich neutralen staatlichen Ordnung bereitet. Obwohl andere Kräfte wie die Aufklärung und bürgerlicher Liberalismus stärkere Auswirkungen auf die Entwicklung der Freiheitsidee der Moderne hatten, ließen sich nach Schäufele in Luthers „Zwei-Regimenter-Lehre" maßgebliche Impulse für die Begründung politischer Freiheit finden, wie eben die Anerkennung der religiösen Pluralität der Gesellschaft, die Emanzipation des Staatszwecks von kirchlichen Zwecksetzungen und die Glaubens- und Gewissensfreiheit des Einzelnen. Auch die anschließenden Fragen an den Referenten, die sehr häufig aktuelle Themen betrafen – von Kruzifixen in Klassenzimmern bis hin zur Haltbarkeit der Staatskirchenverträge – erwiesen die hohe Relevanz und Sprachfähigkeit der „Zwei-Regimenter-Lehre“ Luthers bis in die heutige Zeit.

Durchaus provokant erscheint Prof. Schäufeles Versuch, die Freiheitsideen der Moderne wieder stärker in Kontinuität zu Luther zu beschreiben. Dass Luthers Idee der christlichen Freiheit Ursprung und normativer Kern moderner Freiheitsrechte sei, war in der Aufklärungszeit vertreten worden, wurde aber um 1900 dekonstruiert. Mit „Luther als Urheber der Freiheit“ wäre aber auch für die Freien evangelischen Gemeinden, die sich als „Organisationsform der Moderne“ auch den im 19. Jahrhundert formulierten Freiheitsrechten verdanken, neu zu überlegen, wie sie die Kontinuität zu Luthers Ideen beschreiben.


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