„Hier gibt es Verständnis“

ARBEIT  Lebenshilfe ermöglicht mit „Dillenburger Werkstätten“ Teilhabe

Arbeitet in der Reha-Werkstatt Haiger: Maria Michler. (Foto: Schneider)
Fühlt sich in der Reha-Werkstatt wohl: Kai Menger. (Foto: Schneider)
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„Unsere Werkstatt“ heißt die Arbeitsbegleitende Maßnahme (ABM), die Gesellschaft, Politik sowie äußere und innere Wahrnehmung gleichermaßen unter die Lupe nimmt. „Wie oft gehst du dahin?“ Eine Frage, die Maria Michler schon oft gehört hat. „Jeden Tag von 8.15 Uhr bis 15.45 Uhr. Das ist meine Arbeit, nicht meine Freizeitbeschäftigung.“ Oder auch: „Da haben sie dich hingesteckt?“ „Keiner hat mich dahingesteckt. Ich gehe da freiwillig hin, und jeden Tag mit mehr Begeisterung.“

Wir bemühen uns, die Arbeit gemäß Fähigkeiten und Interessen anzupassen.“

Maria Michler ist chronisch depressiv. Aufgrund dieser Erkrankung konnte sie auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr bestehen. In der Reha-Werkstatt hat sie eine neue berufliche Heimat gefunden. „Hier kann ich offen sagen, wenn es mir schlecht geht und ich nicht so leistungsfähig bin wie sonst, aber ich werde nicht in Watte gepackt. Das möchte ich auch gar nicht.“

Jeder vierte Deutsche wird im Laufe seines Lebens behandlungsbedürftig psychisch krank. Eine Volkskrankheit. „Und dennoch eine, die nach wie vor mit Stigmata versehen ist“, wie Einrichtungsleiterin Monika Mundt sagt. Die Beschäftigten in der Reha-Werkstatt gelten als voll erwerbsgemindert. „Dennoch sind es Menschen mit normaler Intelligenz und hoher Leistungsbereitschaft“, so Mundt. „Die Arbeit wird von außen oft noch als Beschäftigungstherapie wahrgenommen, was sie aber keinesfalls ist. Hier gelten gleiche Faktoren wie in anderen Betrieben: Arbeitszeit, Tätigkeit, Lohn und Liefertermine. Der Unterschied: Wir bemühen uns, die Arbeit an die Mitarbeiter gemäß ihrer Fähigkeiten und Interessen anzupassen.“

Die Dillenburger Werkstätten sind als Produktionsstätten Partner der Industrie. Neben der industriellen Fertigung für rund 25 Unternehmen sind die Mitarbeiter der Reha-Werkstatt Haiger etwa in den Bereichen Sandstrahlerei, Online-Buchhandel, Lager, Küche oder in Außenarbeitsgruppen des Dorfladens in Donsbach, des Wildparks Donsbach und der Stadtbücherei Haiger beschäftigt. „Unsere Werkstatt ist eine Rampe ins Arbeitsleben“, betont Mundt. „So wie es für jeden individuell möglich ist. Für unsere Beschäftigten stellt der erste Arbeitsmarkt eine Barriere dar, unsere Werkstatt dagegen eine Form von Barrierefreiheit.“

Barrierefreiheit – ein spannendes Thema aus der Sicht eines psychisch Erkrankten, darin sind sich alle Teilnehmer des ABM-Kurses einig. Denn: Psychische Erkrankungen sind nicht zwangsläufig offensichtlich, anders als bei körperlichen Beeinträchtigungen. „Unsere Aufgabe ist es hier, Stabilität und Perspektiven zu schaffen“, erklärt Mundt.

Wie sähe mein Leben ohne die Reha-Werkstatt aus? Eine der weiteren Fragen, mit der sich die Teilnehmer befassen. „Meine sozialen Kontakte wären eingeschränkt.“ „Ich wäre arbeitslos.“ „Meine psychische Verfassung wäre wesentlich instabiler.“ Antworten wie diese tragen die Beschäftigten zusammen und finden Gründe dafür, was die Werkstatt wertvoll macht. „Hier wird Verständnis für die Erkrankung gezeigt“, sagt Stefan Schmidt. „Und dennoch wird sie nicht zum großen Thema gemacht, sondern spielt im Arbeitsalltag eine untergeordnete Rolle.“

Der Reha-Werkstatt ist es auch ein großes Anliegen, Begegnungen zu schaffen, um Vorurteile abzubauen. Kooperationen wie mit Outokumpu durch die Ausbildungswerkstatt oder der Johann-Textor-Schule durch den Wahlpflichtkurs „Andere Lebenswelten“ tragen ihren Teil dazu bei, Berührungsängsten entgegenzuwirken. „Die Schüler geben uns oft die Rückmeldung, dass sie immer sehr gern hierher kommen“, erzählt Kai Menger. Besuchergruppen bekommen regelmäßig Führungen durch die Werkstatt. „Wir möchten die Gesellschaft dazu ermutigen, die Schwellenangst zu überwinden“, so Mundt.

Neben gesellschaftspolitischen Aspekten diskutieren die ABM-Teilnehmer auch praktische Themen, die den Alltag ihres Arbeitsumfeldes optimieren – etwa eine neue, umgesetzte Pausenregelung, die lange Warteschlangen am Kiosk vermeidet.

Die Reha-Werkstatt sei wie ein Getriebe, ergänzt Michler. „Durch jeden Einzelnen hier wird dieser Motor am Laufen gehalten.“ (red)


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