"Alles, was bei Hunden klappt, funktioniert auch bei Jungen"

PSYCHOLOGE Kleine Jungen brauchen mehr Elternkontakt, bekommen aber weniger – Missverständnissen vorbeugen

Jungen brauchen klare Ansagen, eventuell unterlegt mit Pfeifen, Handzeichen oder dem Blasen des Horns - das machte Psychologe Thomas Armbruster klar.

 

„Es gibt keine Lösungen, die für alle Kinder parat stehen“, machte Armbruster eingangs klar. Kindern eine Richtung zu geben, komme immer einem Tappen im Nebel gleich. Jungen und Mädchen seien sich zunächst in ihrem Verhalten sehr ähnlich, würden später aber in die durch das soziale Umfeld bestimmte Geschlechterrolle hineinwachsen. Der Referent machte deutlich: „Jungs stellen 2/3 der Patienten in Sozialpädiatrischen Zentren, 2/3 der Schulversager, 64 Prozent der Sonderschüler und 56 Prozent der Hauptschüler, aber nur 44 Prozent der Abiturienten.“ Mit jeweils 85 Prozent gehörten sie auch zu den Straftätern und Selbstmördern.

Jungen bräuchten als Kleinkinder mehr Elternkontakt, erhielten aber weniger, sagte der Psychologe und: „Sie laufen und lesen später, haben eine kürzere Konzentrationsspanne und sind bis zum neunten Lebensjahr körperlich schwächer als gleichaltrige Mädchen.“

Mädchen seien außerdem deutlich anpassungsfähiger. Ihre weiblichen Qualitäten würden deshalb in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft verlangt, meinte der Referent. Die Feminisierung der Erziehung und Bildung (95 Prozent Erzieherinnen, 85 Prozent Grundschullehrerinnen), abwesende Väter, mangelnde Identifikationsfiguren und ein hoher Erwartungsdruck machten den Jungen Probleme.

Testosteron und die Folgen

Der biologische Unterschied zwischen Jungen und Mädchen würde bereits sechs Wochen nach Zeugung entstehen, machte der Psychologe klar. Ab diesem Zeitpunkt produziere der männliche Fötus Testosteron. Dieses Hormon ändere die Hirnstruktur. Mädchen kämen bereits wesentlich ausgereifter zur Welt. Der Unterschied relativiere sich erst gegen Ende der Pubertät, die Mädchen zumeist mit 14 Jahren und Jungen mit 17 Jahren erreichten. Während Mädchen in der Kindergarten- und Grundschulzeit einen gleichmäßigen Hormonspiegel hätten, würde das Level bei Jungen im Alter von vier bis fünf Jahren nach oben schnellen. Wie sich das auswirkt, davon konnten auch die anwesenden Eltern ein Lied singen: „Laut und wild“, „risikobereit“ und „Dickkopf ohne Ende“ waren Begriffe, die ihnen zu dieser Altersspanne einfielen.

Bei Jungen seien die beiden Gehirnhälften nicht so gut verbunden wie bei Mädchen. Die Abhilfe: Minipausen in Kindergärten und Schulen, die mit Bewegungen (die „über Kreuz“ ausgeführt werden müssen) gefüllt werden. Viele Missverständnisse in Beziehungen, aber auch in der Erziehung kämen zustande, wenn folgendes nicht klar sei: „Frauen haben einen Weitwinkelblick. Männer einen Tunnelblick.“ Deswegen funktioniere beispielsweise das Aufräumen bei Jungen nicht so gut.

Jungen und Männer hätten auch ein anderes Empfinden für Lautstärken. Für Frauen seien bereits 69 Phon laut, für Männer sei dieses Level bei 79 Phon erreicht. Das entspreche dem doppelten Schalldruck. Das männliche Gehirn sei auch für die Sprachentwicklung nicht so gut ausgelegt. Sieben Speicherplätze gebe es dafür. Bei Frauen seien dies mindestens hundert. Frauen seien daher auf Kooperation und Kommunikation ausgelegt, Männer auf Dominanz und Analyse: „Da kommt Reden nicht vor.“

Ein Tipp an Mütter und Erzieherinnen: „Beschränken sie sich in ihren Aussagen auf wenige Worte. Sagen Sie klar, was Sie wollen und nicht das, was sie nicht wollen.“

Eine weitere klare Ansage kam von Armbruster: „Alles was bei Hunden klappt, klappt auch bei Jungs und Männern.“ Eine Hundetrainerin habe das bekannte Buch „Jetzt ändere ich meinen Mann“ geschrieben. Ihr sei klar geworden, dass Jungen und Männer ähnlich kurze Anweisungen wie „Sitz“ und „Platz“ benötigten. Aber eben auch ein Leckerli, wenn etwas geklappt hat.

Mehr verstehende Jungenarbeit

Im Kindergarten sei mehr „verstehende Jungenarbeit“ vonnöten. Gut wäre es, wenn mehr Männer im Erziehungsbereich tätig wären. „Jungen brauchen Spiele mit Rollenklischees, damit aus ihnen echte Kerle werden!“


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