Als die Nachbarn die Synagoge zerstören

GESCHICHTE  Vor 80 Jahren lassen Herborner ihren Antisemitismus an dem jüdischen Gotteshaus aus

80 Jahre später: Bundesweit gibt es an diesem Wochenende Hunderte Gedenkveranstaltungen zur Reichspogromnacht. (Foto: Kahnert/dpa)

In gesamten Deutschen Reich zerstören Menschen 1400 jüdische Synagogen – auch die in Herborn. 400 Juden werden ermordet, Zehntausende in Konzentrationslager verschleppt, geschlagen und drangsaliert.

Das Mädchen aus Herborn hört auf den Ratschlag und kehrt um. „Ich erzählte es meiner Mutter, die mir dann verbot, das Haus zu verlassen. Warum, konnte ich als Kind nicht verstehen“, schrieb Klaber fünf Jahrzehnte später. Gemeinsam mit zwei anderen Überlebenden der Shoah, der millionenfachen Vernichtung der Juden, schilderte sie ihre Erfahrungen in Briefen.

Als Elfriede Klaber sich an jenem 10. November noch auf den Unterricht vorbereitet, läuft Fritz Vollmer durch die Stadt. An der Synagoge macht er Halt, da er von Ausschreitungen gegen Juden in anderen Städten gehört hat. Besitzer des Grundstücks ist sein Vater. An der Tür heftet ein Schild der Polizei mit der Unterschrift von Bürgermeister Gustav Niederschulte. Darauf steht: „Dieses Gebäude steht unter polizeilichem Schutz und jedem Unbefugten ist der Zutritt verboten.“ Beruhigt tritt er den Heimweg an und glaubt, in Herborn bleibe es ruhig.

Das ändert sich dramatisch: Die Uhr zeigt halb 9 an, als Vollmer Zerstörungen an der Synagoge zu Ohren kommen. Und, „dass der Garten vor der Synagoge voll Papierfetzen, zerrissenen Gebetbüchern und sonstigen Gegenständen lag“. Das Gebäude ist in einem einfachen Fachwerkhaus hinter dem Amtsgericht eingerichtet. „Das Dach war bereits abgedeckt, die Fenster eingeschlagen und die Inneneinrichtung zerstört oder lag draußen im Garten herum. Der Fußboden war aufgerissen und die Gasbeleuchtung zerstört.“ All das berichtet Vollmer 1949, als er in einem Verfahren gegen einen Beschuldigten aussagt.

„Einzelne waren damit beschäftigt, aus dem Innern der Synagoge Bänke und Tische herauszutransportieren und zerschlugen sie vor derselben. Zwei Männer standen auf dem Dach und schlugen mit einer Kreuzhacke das Dach entzwei“, sagt Theodor Germann, ein anderer Zeuge, aus. Und er ergänzt: „Es wurde kein Licht gemacht und auch kein Kommando gegeben. Ein Zeichen dafür, dass die Sache vorher gut organisiert gewesen ist.“

Wer Teil des zerstörerischen Mobs ist, wissen die Herborner nicht – das behaupten sie vor Gericht. Vollmer sagt: „Es trieben sich noch einzelne dunkle Gestalten auf dem Hof herum, die ich in der Dunkelheit nicht erkennen konnte.“ Er begibt sich trotz des Pogroms in die nächste Gaststätte. Dort hört er gegen 24 Uhr, die Synagoge brenne – und macht sich auf den Weg.

„Ich spielte immer mit seiner Tochter.“

Vor Ort haben die Randalierer alles Brennbare auf das Nachbargrundstück getragen. Dort steht es in Flammen. „Ich stand etwa 60 Meter vom Feuer entfernt und konnte noch sehen, dass sich einige Personen in Richtung nach dem Schießberg entfernten“, erinnert sich Vollmer.

Für die kleine Elfriede Klaber geht der Schrecken in den eigenen vier Wänden weiter. Die SS und die Gestapo treten die Tür ein. Später schreibt die Jüdin: „Wir lagen schon alle im Bett und ich weiß nicht, wie viel Uhr es war. Wir hörten sie die Treppe raufkommen und wussten sofort, dass die Nazis kommen, denn das Gehen mit den Stiefeln kannten wir.“

Die Männer fragen nach Elfriedes Vater. Der hält sich aber bis zum nächsten Tag in Siegen auf. „Als mein Opa sie fragte, was sie denn wollten, nahmen sie den alten Mann mit seinen achtzig Jahren und stießen ihn durchs Zimmer.“ Danach schlägt die Gruppe alles kurz und klein.

Das kleine Mädchen erkennt einige Personen aus der Gruppe wieder: „Einer dieser Männer wohnte „Auf der Mühlbach“, ich spielte immer mit seiner Tochter. Vielleicht waren noch andere Bekannte dabei, die sich früher Freunde nannten.“

Als Elfriedes Vater am nächsten Tag aus Siegen kommt, geht er ins Rathaus. Weil er nicht zurückkehrt, folgt die Tochter ihm – und erinnert sich Jahrzehnte danach: „Dort sagte mir ein Mann, dass mein Vater nicht mehr da sei, sondern mit den anderen Juden in einem Zug abtransportiert worden sei.“

 

VERHARMLOSUNG IM "HERBORNER TAGEBLATT"

Nach der Reichspogromnacht im Jahr 1938 leugnete das „Herborner Tageblatt“ die gegen Juden und die Synagoge gerichteten Gewaltausbrüche. In dem entsprechenden Artikel heißt es: „Es ist ja zu keinerlei Ausschreitungen gekommen, jedoch scharten sich die aufgeregten Mengen in den Straßen der Stadt in bedrohlicher Weise.“

Im Laufe des Tages seien die Häuser aller jüdischer Familien nach Waffen abgesucht worden – „ohne, daß auch nur einem Juden ein Haar gekrümmt wurde“. Das war nachweislich eine Lüge. Dazu zeigt die Zeitung nach dem Attentat des polnischen Juden Herschel Grynszpan auf einen deutschen Diplomaten in Paris Verständnis für antisemitische Reaktionen und schreibt: „Gar zu verständlich ist es aber, wenn hellste Empörung und tiefste Abscheu gegen den jüdischen Meuchelmörder Grünspan und seine Rassegenossen sich bemerkbar macht.“

 

JUDEN IN HERBORN - EINE CHRONIK

1377: Erstmals wird eine „Judenschule“ in Herborn erwähnt. Gemeint ist wohl eine mittelalterliche Synagoge, die vor der Judenverfolgung in der Pestzeit 1348/49 bestand. Danach gibt es offenbar drei Jahrhunderte keine jüdische Gemeinde.

1646: Nach und nach siedeln sich wieder Juden in der Stadt an. Zunächst erhält ein Gladenbacher die Erlaubnis, danach folgen weitere Familien. Die jüdische Gemeinde umfasst zwischen 1680 und 1840 aber nie mehr als acht Haushalte.

1875: In Herborn leben 87 Juden. Zur jüdischen Gemeinde zählen eine Synagoge, eine Religionsschule, ein rituelles Bad und ein Friedhof.

1924: Auf ihrem Höhepunkt gehören 124 Personen zur jüdischen Gemeinde. Unter anderem ist ein Israelitischer Frauenverein aktiv.

1933: 91 Juden leben in der Stadt.

1938: Im Zuge der „Reichspogromnacht“ wird die Synagoge verwüstet. Auch mehrere Wohnungen von Juden werden demoliert. Die Zahl der jüdischen Bewohner Herborns sinkt ein Jahr später auf nur noch 45.

1942: Im Juni und August bringen zwei Deportationszüge die letzten Herborner Juden über Frankfurt in das Ghetto Theresienstadt oder in Vernichtungslager.


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