Das Land schließt das Landgestüt

PFERDEZUCHT Hengsthaltung wegen mangelnden Tierschutzes "nicht länger tragbar"

Die alle zwei Jahre stattfindende Hengstparade ist das Aushängeschild des Hessischen Landgestüts in der Dillenburger Wilhelmstraße. Den für die Stadt wichtigen „Standortfaktor“ Landgestüt will das Umweltministerium schließen. (Foto: K. Weber)

Das historische Reithaus, das erst vor wenigen Jahren aufwendig saniert wurde, ist eines von fünf denkmalgeschützten Gebäude des Dillenburger Landgestüts. (Foto: K. Weber)

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Die Diskussion um die Schließung der im Jahr 1869 als Preußisches Hessen-Nassauisches Landgestüt gegründeten Einrichtung ist nicht neu. War es in der Vergangenheit aber immer wieder der finanzielle Aspekt des rote Zahlen schreibenden Aushängeschildes der Oranierstadt Dillenburg, so nimmt in dem dreiseitigen Schreiben an die Stadt der Tierschutz einen gewichtigen Raum ein.

Hinz: „Eine endgültige Entscheidung über die Zukunft des Landesgestüts ist überfällig“

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Die in Herborn lebende Umweltministerin verweist in ihrem Brief mit Datum 30. Juni, der am Montag für Aufregung im Rathaus sorgte, auf das Verwaltungsgericht Düsseldorf: Das habe im Dezember 2006 festgestellt, dass Pferde täglich mehrstündigen freien Auslauf brauchen. In ihrer Presseerklärung am Montag schrieb sie davon, „dass eine Fortführung der Hengsthaltung ... im Sinne eines effektiven Tierschutzes nicht länger tragbar“ ist. Eine endgültige Entscheidung über die Zukunft des Landesgestüts sei „überfällig“.

Aufgrund der Lage innerhalb des Stadtgebietes ohne direkten Zugang zu Weiden und Koppeln bestünden besondere Anforderungen des Tierschutzes an die Haltung der Pferde. Dabei „ist weder die Bereitstellung der erforderlichen Auslaufflächen möglich noch ist ein regelmäßiger Weidegang der Pferde, wie ihn die tierwohlgerechte Haltung eigentlich erfordern würde, darstellbar“. Auch ein „Aktivstall“ oder weitere „Paddocks“ könnten eine „tierwohlgerechte Haltung“ mittel- und langfristig nicht gewährleisten.

Dillenburgs Bürgermeister Michael Lotz (CDU) hatte am Donnerstagabend am Rande der Stadtverordnetenversammlung die Hoffnung geäußert, dass die im Raum stehende Schließung des Gestüts durch Auslauf im „Hofgarten“ oder am „Köppel“ noch verhindert werden könnte. „Seit 25 Jahren sind die Bestimmungen unverändert“, sagte er.

Lotz hatte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) geschrieben und seine Sicht der Dinge dargelegt. Der Rathaus-Chef war aber schon auf die Schließung vorbereitet: „Es wird sehr ernst!“ Offen ist im Dillenburger Rathaus, ob Bouffier jetzt noch auf den Brief von Lotz antwortet.

Die Erste Stadträtin Elisabeth Fuhrländer (CDU) nach Studium des Hinz-Briefes: „Wir haben ja schon immer darum gekämpft. Dann war die Hoffnung nah, als das Land viel Geld in die Gebäude gesteckt hat. Doch jetzt ist es so weit.“ Wehmütig blickt die Bürgermeistervertreterin („Das Land erhält ja auch Schlösser im Rheingau“) jetzt schon auf die Hengstparade, die seit 1927 in ungeraden Jahren durchgeführt wurde. Im September wäre die Parade eigentlich wieder fällig, doch im Terminkalender des Gestüts taucht die Veranstaltung nicht auf.

Fuhrländer blickt aber gleichzeitig nach vorne: „Am Ende wird es so sein, dass wir das Beste raus machen müssen. Und wenn wir es in der Hand haben, dann haben wir auch Einflüsse auf die Zukunft des Landgestüts.“ Nach der Sommerpause würden sich die städtischen Gremien mit dem Thema befassen müssen.

Damit spielt sie auf die weiteren Ausführungen von Priska Hinz an. Die Grünen-Politikerin sagt beispielsweise, der Entwicklungsprozess des Gestüts werde vom Land Hessen als Eigentümer nicht als „Vermarktung“ betrachtet. Vielmehr nennt sie in ihrem dreiseitigen Schreiben einige Nutzungsmöglichkeiten. So sieht sie in der Orangerie ein gastronomisches Angebot. Die ebenfalls denkmalgeschützten Gebäude nennt sie zwar „besonders sensibel“, doch für die Ministerin ist das Gebiet rund um den Reitplatz mitsamt der Gebäude „öffentlich nutzbar“. Und südlich der mit Denkmalschutz versehenen Gebäude auf der anderen Seite der Wilhelmsstraße kann sie sich eine Wohnbebauung vorstellen.

Priska Hinz regt einen Projektentwickler an, der wesentlich von Wiesbaden bezahlt werde. Auch ansonsten verspricht sie der Stadt Dillenburg „die volle Unterstützung“.

Andreas Sandhäger, Chef des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH) mit Sitz in Kassel, dem das Dillenburger Gestüt unterstellt ist, liegt das Hinzsche Schreiben ebenfalls vor: „Wir müssen jetzt – eins nach dem anderen – sortieren, was im Landgestüt ansteht.“ Er will am Mittwoch vor Ort damit beginnen, „die Dinge zu organisieren“. Aufgrund von Verpflichtungen und Verträgen spricht Sandhäger von einem „zeitlichen Horizont von einem Jahr“. Dabei wird er im Gestüt, in dem zwischen 30 und 35 Mitarbeiter arbeiten, auch Veranstaltungen wie „LebensArt“ oder Reithauskonzerte besprechen.

 

RÄUMLICHKEITEN UND GESCHICHTE DES GESTÜTS

Prinzenhaus: Nutzung als Verwaltungsgebäude, der Prinzensaal im OG kann als Standesamt und für Tagungen genutzt werden
Orangerie: Kutschenmuseum
Paradeplatz als Reit- und Fahrplatz
Scheune
Ställe I, II, III, IV
Internat und Schulungsräume im 1. OG Stall III
Reithaus an der Wilhelmstraße
Besamungsstation
Reithalle

Das 1869 gegründete Gestüt der Oranierstadt Dillenburg besitzt eine wechselvolle Geschichte, die sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Mit einigen Unterbrechungen durch Kriege hatte Dillenburg über fast 400 Jahre eine führende Rolle in der hessischen Pferdezucht.
Die Gestütsanlage diente zuerst als Marstall und Hofgestüt der Fürsten von Oranien-Nassau. Nach der Zusammenlegung der Hessischen Landgestüte Weilburg, Kassel und Korbach in Dillenburg entstand dort das Preußische Hessen-Nassauische Landgestüt. 1957 wurde das 1821 gegründete Hessische Landgestüt Darmstadt aufgelöst und mit dem Dillenburger Gestüt vereint.

(Quelle: Homepage LLH)


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Kommentare (4)
Tierschutz vor geschichtlicher Tradition. Ist das das Ende der Grünen in Dillenburg bei zukünftigen Wahlen? Risiken und Chancen ergeben sich aus der beabsichtigten Schließung für die Stadt. Transparenz herstellen durch mehr
Befragen der zuständigen Stellen wäre einer Zeitung doch zumutbar? Erst jetzt berichtet eine Redaktion ,die sich ja bekanntlich in Dillenburg befindet, darüber, obwohl diese Tatsachen schon bekannt waren, mit einer verkaufsfördernden Aufmachung. Es ist wohl auch aus der Erkenntnis geleitet, dass diese Schlagzeile die Unruhe in Dillenburg vergrößern dürfte. Das Ansinnen der Ministerin könnte ein gewollter Anschlag auf die geschichtliche Vergangenheit unsere Stadt darstellen. Ich vermute unsere Umweltministerin braucht jetzt mehr Schutz in ihrem Wohnumfeld, d.h. auch wir Bürger müssen das mit unseren Steuern bezahlen. Fragen wir zur Einschätzung doch einfach mal ein von einem entschlossenen Bürger ausgerupftes Gänseblümchen: „Die spinnen, die spinnen nicht, die spinnen, die spinnen nicht … die spinnen. Mal so ganz unverblümt gesagt! Eine Umfrage zur Schließung wird wo gemacht? Leistet sich Dillenburg zur Imagepflege nicht ein Amt für Kultur. Hier wird sicherlich ein Bürgerengagement zur Zukunft dieser wichtigen Einrichtung erwünscht! Der Bürger (die Bürgerin natürlich auch) sollte in jedem Fall in ein Gestaltungskonzept eingebunden wird. Die Dauer darf sich nicht bei Entscheidungen nur des Parlamentes - wie zB. Bau einer Galerie etc. -in Jahresringen messen lassen. Ich sehe aber gerade in dem Lokaljournalismus eine Zukunft für eine Berichterstattung die die Pole des Menschseins -Glaube und Zweifel- ausreichend vermittelt. Hier vermisse ich in meiner Lokal- Redaktion die Nähe zu den Bürgern. Wo sind ihre Ohren, ihre Beine und Gewissen? Wie sieht die Zukunft für eine professionelle Zusammenarbeit aus?
Ist das ein Aprilscherz? Geldmangel für ein Projekt, das seit fast 150 Jahren ein Prestigeobjekt nicht etwa für Dillenburg, sondern für Hessen ist? Und das bei vollen Kassen des Landes? Unter dem Vorwand des mehr
Tierschutzes? Geht es noch zynischer, Frau Hinz? Wobei die Tiere seit 150 Jahren gut gelebt haben, das soll auf einmal "nicht länger tragbar" sein? Wo sind die misshandelten Tiere?
Und wo bleibt der Aufschrei der Dillenburger? Ist es wirklich wahr, dass man da schon ganz pragmatisch über die weitere Nutzung der Liegenschaften nachdenkt? Ach so, warten wir erst mal das Ende der Sommerpause ab.... Armes, früher mal so stolzes Dillenburg!
Hannelore Benz, 35756 Mittenaar
Frau Hinz hat anscheinend nichts besseres zu tun, als eine Stadt und einen Kreis kaputt zu machen. Was heißt denn hier Tierschutz, dann dürfte es auch keinen Tierpark mehr geben. Das Gestüt hat ja schließlich einen mehr
Namen über die Landesgrenzen hinaus. Und Weiden gibt es hier überall.
In Herborn-Hörbach sind die Pferde das ganz Jahr draußen. Für die Tierschutz gerechte Haltung ist das Gestüt ja auch selber zuständig. Auch Hengste brauchen Auslauf. Und in dem Zeitraum wo nicht gedeckt wird, könnte das Gestüt und die Privatbesitzer ihre Pferde auch auf anderen Weiden stellen.
Ich nehme an, Frau Hinz muss sich in der Landesregierung profilieren.
Der Lahn-Dill Kreis und die umliegenden Gemeinde sollten bei der Landesregierung Sturm gegen sie Schließung laufen.
Es wäre zwar schade wenn geschlossen werden müßte, doch wenn es im Sinne der Tierwohls wäre.......
Solche Prestigeobjekte passen nicht mehr in die heutige Zeit.
Kosten viel Geld, doch die Nutzer sind nur Wenige, die mehr
ohnehin sehr gut betucht sind.
Man muss nur mal die Karossen bei der Hengstparade ansehen.
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