Die Wahrheit kommt von den Profis

MEDIEN Chefredakteur Uwe Röndigs warnt bei "Woche der Arbeit" vor Konsum fragwürdiger Informationen

Mahnt zum verantwortungsbewussten Umgang mit Informationen dubioser Herkunft und appelliert, deren Wahrheitsgehalt zu prüfen: Professionelle Journalisten achten darauf, dass sie nur verlässliche Quellen benutzen, sagt Chefredakteur Uwe Röndigs. (Foto: Gerdau)

Angeregte Diskussion rund um das Thema „Moderne Medien“: Nach dem Vortrag ging es auch um Fragen aus dem Publikum. (Foto: Gerdau)

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Röndigs sprach zu dem Thema auf Einladung eines Arbeitskreises aus Arbeiterwohlfahrt (AWO), Gewerkschaften und Kirchen im Rahmen eines informativen Frühstücks im Mehrgenerationenhaus der AWO im Walkmühlenweg. Röndigs, der seinen Vortrag in zehn Thesen untergliedert hatte, sprach von einer „medialen Revolution“ und damit einhergehenden drastischen Veränderungen unserer Lebenswelten besonders in den vergangenen zehn Jahren. „Wir werden heute von einem unglaublichen Wust an Informationen überschüttet“, sagte der Journalist. Da müsse man sich schon die Frage stellen: „Welchen Einfluss hat all dies auf unser Leben und Verhalten, wie prägt das vor allem Kinder und Jugendliche?“

Die Tageszeitung habe trotz der Rückgänge der Auflagen immer noch einen maßgeblichen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung. Auch wenn gerade einmal 40 Prozent der Menschen auf dem „flachen Lande“ von bezahlten Printmedien erreicht würden, wachse die Reichweite von Print- und Digitalprodukten.

Dennoch: In dem Stimmengewirr der Nachrichten stammen immer mehr Informationen nicht von Medienprofis. Und das kann Folgen haben, wenn Nachrichten die Runde machen, bei denen sich die Autoren nicht an journalistisches Handwerk hielten. Masse bedeute auch in diesem Fall alles andere als Klasse.

Das gelte nicht nur für die Inhalte, sondern auch für den Kommunikationsstil. Persönlichkeitsrechte, auf die, so Röndigs, professionelle Zeitungsmacher streng achteten, seien in Gefahr. Stalker und Mobber breiteten sich im Internet hemmungslos aus. Und während Redakteure streng darauf achteten, nur auf verlässliche Informationsquellen zurückzugreifen, sei dieser Standard in Sozialen Netzwerken nicht immer wahrnehmbar, warnte der Chefredakteur. Ob hingegen der Wall, den die Regierung gegen Hasskommentare aufschütten wolle, realistisch sei, glaube er nicht.

Zeitung dagegen habe den Auftrag, zu recherchieren, aufzuklären und Hintergründe zu beleuchten: „Lasst uns bei unseren Leisten bleiben und genau dies tun“, rief er seinem Berufsstand zu.

Der größte Teil der Netzkonsumenten sei sich nicht darüber im Klaren, dass die Kehrseite der Digitalisierung die Kommerzialisierung sei. Diese verlaufe sehr subtil dafür aber umso wirkungsvoller, sagte Röndigs und machte dies an einem Beispiel mit Google deutlich: „Nach 150 Klicks kennt Dich der Internetriese besser als Deine Partnerin oder Partner.“

Der gläserne Konsument: „Nach 150 Klicks kennt Dich Google besser als Deine Partnerin“

Er verdeutlichte damit, dass die eigenen Gewohnheiten durch gezielt eingesetzte Computer-Algorithmen perfekt ausgespäht und die dazu passenden Angebote eingespielt würden. Auf vielen unseriösen Seiten im Internet gelte: „Die Grenze zwischen Werbung und redaktionellem Beitrag ist nicht mehr wahrnehmbar.“ Und dies sei noch lange nicht das Ende, sagte Röndigs.

Zeitung hingegen habe eine andere Tradition und einen anderen, gesellschaftlichen Auftrag: In Mittelhessen bilde sie seit 250 Jahren eine große und akzeptierte Nachrichtenplattform und liefere Informationen über persönliche Interessen hinweg, sagte der Mann mit über 30 Jahren journalistischer Berufserfahrung.

Aber auch die politischen Dimensionen der neuen Netzwelt gelte es zu bedenken: „Ein unsolider Umgang mit öffentlicher Meinung kann Populismus Tür und Tor öffnen.“ Diese ungute Entwicklung werde durch die Verbreitung „alternativer Fakten“ und sogenannter „Fake News“ weiter befeuert. Und wo dies hinführen könne, habe US-Präsident Donald Trump als Urheber solcher falscher Nachrichten anschaulich unter Beweis gestellt. Trump habe gelogen, dass sich die Balken gebogen hätten.

Vereinfachte und verdrehte Antworten, mehr Vorurteilsbildung als differenzierte Meinungsbildung – für Journalisten sei die derzeitige Lage eine Herausforderung: „Wir Zeitungsleute müssen aufpassen, dass wir unsere Aufgaben gut machen, um den Populisten das Feld nicht zu überlassen.“ Zum Glück sei die Gesellschaft inzwischen so sensibilisiert, dass sie nicht mehr auf jede Lügenmeldung hereinfalle. Gegen „Fake News“ helfe nur der Faktencheck, das Kontrollieren von Behauptungen und das sorgfältige Begutachten der Quellen – dazu braucht es auch in einer digitalen Welt der Nachrichtenprofis als neutrale Instanz.

Sehr erstaunt zeigten sich die Anwesenden, als Röndigs von den Droh- und Schmähbriefen erzählte, die er und Kollegen in anderen Redaktionen besonders zu Beginn der Flüchtlingswelle häufig erhalten hätten. Bezeichnungen wie „Lügenpresse“ oder „Systempresse“ seien noch die harmlosen gewesen.

Einem Fragesteller bestätigte er, dass viele Kommentare im Internet kommentierungswürdig seien. „Was hier besonders bei Boulevard-Themen manchmal abgeht, ist einfach eine Katastrophe.“ Im Netz werde sehr oft eben nicht argumentiert, sondern schnell auch gleich geurteilt.

Eine Fragestellerin störten die täglichen Negativschlagzeilen und das Verbreiten der Meinung von „Experten“, deren Namensnennung man aber oft vergeblich suche.

Den Einwurf, ob die Presse denn in Links, Rechts oder Mitte aufgeteilt sei, wies Röndigs zurück. Er wünsche sich in seiner Zeitung durchaus ein breiteres Meinungsangebot, mit dem sich die Leser auseinandersetzen könnten. Wichtig sei das schlüssige Begründen von Themen mit guten Argumenten: „Debatte und Kritik müssen sein, nur so kommen wir bei strittigen Themen weiter. Und nur so können wir Profil zeigen und unserem Auftrag gerecht werden.“


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