Ein Dorf, das eigentlich kein Dorf ist

SERIE  Folge 1: Der Name des Herborner Stadtteils Amdorf täuscht über das Alter

Ein Schmuckstück im Tal: der Herborner Stadtteil Amdorf. (Foto: Hoge)
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„Dieser Name täuscht uns. Mit den Orten, die auf -dorf enden, hat er jedenfalls nichts zu tun“, sagt Rüdiger Störkel. Der langjährige Herborner Stadtarchivar ist so etwas wie ein wandelndes Geschichtslexikon. Natürlich stammt auch die Festschrift zur 650-Jahrfeier Amdorfs aus seiner Feder.

Auch wenn Störkel solche Zahlen relativiert: Wie alt die Orte tatsächlich seien, wisse man fast nie. „Oft sind das ja nur zufällige Erwähnungen in Urkunden“, sagt er.

Das gilt auch für Amdorf: Erstmals taucht der Ort im 14. Jahrhundert in einer Urkunde auf – und zwar im Güter- und Stiftungsverzeichnis der Kapelle in Ballersbach, das nach 1351 verfasst wurde. Der älteste Eintrag darin bezieht sich auf das Jahr 1345 – allerdings in der Variante „Amberfe“. Und die verrät Einiges über die tatsächliche Herkunft des Ortsnamens.

„Das Beispiel zeigt, dass man sich immer auf die Suche nach der ältesten Namensform machen sollte.“

„Das ist ein sogenannter Apa-Laut“, erklärt Störkel. Der weise auf einen vermutlich germanischen Ursprung hin. Solche Ortsnamen tauchen im Flussgebiet der Lahn mehrfach auf. Sie enden auf „-phe“, „-fe“ oder „-off“. So wie Dautphe oder Bad Laasphe. Es sind Vorläufer der späteren Namen auf „-bach“. Passend dazu: Bis heute dominiert im Volksmund die Form „Amroff“ – für den Ort und den Bach. In Quellen finden sich auch Versionen wie „Ammerph“, „Amorfe“ oder „Ameroff“.

Warum entstand also später die „Dorf“-Version? Ein Schreiber habe wohl versucht, sich einen Reim auf den Namen zu machen, vermutet der ehemalige Herborner Stadtarchivar. Vielleicht ist das Ergebnis also schlicht ein Übertragungsfehler. So wurde aus „Amberfe“ kurzerhand „Amdorf“. Das Problem: Ortsnamen auf -dorf kamen deutlich später auf als solche auf -phe oder -off. Und so lenkt die heutige Version uns in eine falsche Richtung.

„Dieses Beispiel zeigt, dass man sich immer auf die Suche nach der ältesten Namensform machen sollte. Amdorf gibt es vermutlich schon viel länger“, sagt Störkel.

Vor 100 Jahren sah August Becker den Ort in seinen „Beiträgen zur Siedlungskunde des hohen Westerwaldes“ sogar als eine der ältesten Siedlungen an der Dill an. Wie alt der Herborner Stadtteil tatsächlich ist, bleibt im Dunkeln.

Deutlich weniger hat wohl eine Legende mit der Realität zu tun: Es heißt, der Name „Amroff“ sei mit dem Auftrag einer Hochschwangeren verknüpft. Die habe ihren Mann gebeten, er solle die Geburtshelferin rufen. In feinstem Herborner Platt soll das angeblich so geklungen haben: „Amme roffe!“

Mehr als ein Ammenmärchen dürfe das dann aber doch nicht sein.

 

NEUE SERIE GEHT ORTSNAMEN AUF DEN GRUND

Mit welchen Helden hat Sechshelden zu tun? Und wieso heißt ein Dietzhölztaler Ortsteil so wie etwas, das fast jeder Stand auf Weihnachtsmärkten anbietet? Solchen und anderen Fragen geht unsere neue Serie „Ein Wort – ein Ort“ auf den Grund.

Hinter den Namen von Dörfern und Städten stecken ganz unterschiedliche Geschichten. Manche lassen sich auf den ersten Blick erahnen, andere sind auch beim zweiten Hinschauen ein Rätsel.

Einige Namen verraten etwas über das Alter des Ortes, viele haben sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert. Manchmal steht hinter der Bedeutung der Namen ein dickes Fragezeichen.

In dieser Serie nehmen wir die Dörfer und Städte des Dillgebietes in den Blick. Überall gibt es Menschen, die seit Jahren die Lokalgeschichte pflegen. Sie sollen zu Wort kommen und erzählen, was es mit den Ortsnamen auf sich hat – oder haben könnte.

Haben Sie eine Geschichte zu Ortsnamen parat? Dann kontaktieren Sie uns per E-Mail an redaktion.dp@mittelhessen.d oder unter (0 27 72) 87 44 44. (hog)


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