Ein Vogel mit Höhenangst und Halstuch

Brauchtum  Gans Frieda hat keine Angst, zum Martinstag als Braten auf dem Tisch zu landen

Frieda auf ihrem freitäglichen Stammplatz – am Eierstand auf dem Herborner Wochenmarkt. (Foto: Gerdau)
Ein eingespieltes Team: Gans Frieda mit ihrem Besitzer Wolfgang Schäfer, der als „Eiermann“ des Herborner Wochenmarktes bekannt ist. Der 71-jährige war vor mehr als 30 Jahren einer der Gründer des Marktes. Bei dem Interview hat er als „Dolmetscher“ fungiert. (Foto: Gerdau)
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Die weiße Hausgans mit dem roten Halstuch kennen wahrscheinlich viele Besucher des Herborner Wochenmarktes: Jeden Freitag hält Frieda am Stand von „Eiermann“ Wolfgang Schäfer Wache. Als „Vater“ von Frieda hat der 71-Jährige bei dem Interview als Dolmetscher fungiert.

Guten Morgen, Frau Gans.

Gans: Frau Gans? Das klingt aber komisch. Ich heiße Frieda.

Okay. Also Frieda. Es ist kalt geworden in Deutschland, und Sie sind die meiste Zeit draußen. Frieren Sie denn gar nicht?

Frieda: Nein. Ich habe ein dichtes Gefieder. Das wärmt mich. Wissen Sie, wir Gänse gehören zu den Entenvögeln. Wir mausern uns einmal im Jahr und erneuern so unser Federkleid. Die Mauser beginnt im Spätsommer und wenn es dann Winter wird, haben wir ein dickes Federkleid. Und weil ich mir meine Federn immer gut einfette, werde ich auch nicht nass. Na ja, also außer an den Füßen.

Aber warum heißt es dann Gänsehaut?

Frieda: Na, haben Sie schon mal eine gerupfte Gans gesehen? Da, wo sonst die Federn sind, sieht man kleine „Hügelchen“ auf der Haut. Genau wie bei den Menschen, wenn sie frieren oder Angst haben. Man könnte sagen, sie sehen dann aus wie eine gerupfte Gans. Hihi.

Ähm, ja. Ich dachte nur, Ihnen ist vielleicht kalt, weil Sie meistens ein Halstuch tragen.

Frieda: Drei. Ich habe drei Halstücher. Haben mir alle Kunden gemacht. Eines ist von einer Frau aus Duisburg. Die hat mich im Internet gesehen und ist dann extra nach Herborn gekommen, um mir das Halstuch zu bringen. Nett, oder?

Ja, wirklich nett. Leben Sie eigentlich in Herborn?

Frieda: Nein. Ich wohne in Waigandshain. Wissen Sie, wo das ist?

Ja, das liegt …

Frieda: … im Westerwald. In Rheinland-Pfalz.

Wollte ich gerade sagen.

Frieda: Jedenfalls, da wohne ich bei Wolfgang Schäfer im Garten. Ich habe einen eigenen Stall und einen Teich. Nur ins Haus darf ich nicht. Ich bin nicht ganz stubenrein. Die Verdauung … Sie verstehen schon …

Ja, ja. Aber Herborn ist doch ihr zweites Zuhause, oder?

Frieda: Ich bin jeden Freitag auf dem Wochenmarkt. An unserem Eierstand. Herr Schäfer sagt, ich bin seine beste Mitarbeiterin. Und eine gute Standwache. Ich verrate Ihnen mal was. . .

Ja …

Frieda: Also am Anfang, da sollte ich ja immer hinter dem Tresen sehen. Aber da bekommt man wirklich gar nichts mit. Laaangweilig. Ich habe dann mal ein wenig gezetert und seit dieser Zeit darf ich immer auf dem Tisch stehen. Da hab' ich alles im Blick und kann mit den Menschen schnattern. Ich habe ein … naja … ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis. Manchmal watscheln Herr Schäfer und ich zwischendurch auch mal durch die Stadt und holen uns einen Kaffee.

Sie trinken Kaffee?

Frieda: Neeeiiin. Jetzt werden Sie doch nicht albern. Ich trinke Wasser. Im Sommer esse ich viel Gras und im Winter Geflügelfutter. Und wissen Sie, was besonders lecker ist?

Nein.

Frieda: Weintrauben. Aber nur die ungespritzten. Die anderen rühre ich nicht an. Zu viel Chemie. Und Löwenzahn. Löwenzahn ist köstlich.

Das klingt nach einer gesunden Ernährung. Darf ich Sie mal ganz(s) indiskret fragen, was Sie wiegen?

Frieda: Wie bitte? So was fragen Sie eine Frau?

Entschuldigung. Ich meinte nur … Also … Was sollte denn eine gute Martinsgans auf die Waage bringen?

Frieda: Die Gänse, die für den Festbraten verwendet werden, sind meistens Haus- oder Bauerngänse. Die haben dann ein Gewicht von 4,5 bis 7 Kilogramm. Je nach Mastart. Die „Gössel“, also die Küken, erreichen ihr Schlachtgewicht zwischen der 9. und der 32. Woche ihres Lebens.

Am Sonntag ist ja Martinstag. Haben Sie keine Angst, gefüllt mit Äpfeln und Gewürzen auf dem Teller neben den Knödeln zu landen?

Frieda: Was? Nein, dafür bin ich mit meinen vier Jahren und neun Kilo ja schon fast zu alt und zu groß. Und außerdem gehöre ich ja zur Familie von Wolfgang Schäfer. Er sagt immer, rein statistisch werde ich ihn wahrscheinlich überleben. Ich kann nämlich zwischen 25 und 35 Jahre alt werden.

Und Sie sind ja auch sehr nützlich. . .

Frieda: Ganz(s) genau. Ich kann Daunen produzieren, damit ihr Menschen nicht friert, und Eier legen. Im Gegensatz zu Hühnern legen wir Gänse nur wenige Monate im Jahr Eier. Ich lege meine von Ende Februar bis Juni. Aber dafür sind sie viel größer als ein Hühnerei. Ein Ei wiegt etwa 200 Gramm. Das sind ungefähr vier kleine Hühnereier.

Und Sie haben ja noch mehr Qualitäten. Gänse sind auch als Wächter für Haus und Hof bekannt. Gefiederte Alarmanlagen sozusagen.

Frieda: Um das mal klar zu stellen: Wir sind die besseren Wachhunde. Kennen Sie die Geschichte der Gänse des Kapitols?

Ähm. Ehrlich gesagt, nein.

Frieda: Nach der Überlieferung waren es Gänse, die 387 vor Christus in Rom Konsul Marcus Manlius Capitolinus vor dem Überraschungsangriff der Gallier gewarnt haben. Heute gibt es in Italien Campingplätze, die von Gänsen bewacht werden. Sogar das US-Militär setzt uns als Wachtiere ein.

Apropos Alarm schlagen: Gänse haben doch auch etwas mit dem Versteck von St. Martin zu tun, oder?

Frieda: Das war so: Martin von Tours sollte Bischof werden. Aber das wollte er nicht. Um der Wahl zu entgehen, versteckte er sich in einem Gänsestall. Aber die Gänse schnatterten so laut, dass er entdeckt wurde. Und so wurde er doch Bischof.

Und zur Strafe werden deshalb seither die Gänse gebraten?

Frieda: Es gibt da verschiedene Erklärungen. Früher war der 11. November auch der Tag, an dem die Bauern ihren Herren die Pacht zahlen mussten. Eine beliebte Abgabe waren Gänse. Und dann gab es ein großes Essen, denn am 11. November begann die 40-tägige vorweihnachtliche Fastenzeit.

Weihnachten ist ja bald. Schon mal daran gedacht, mit den Vögeln nach Süden zu fliegen? Urlaub im Warmen?

Frieda: Ich kann nicht fliegen.

Wie bitte?

Frieda: Also, ich könnte schon. Wenn ich wollte. Theoretisch. Praktisch auch. Aber ich habe Höhenangst.

Höhenangst?

Frieda: Jetzt gucken Sie nicht so. Sie sehen auch nicht gerade aus wie ein Nils Holgersson. Versuchen Sie mal, zu fliegen. Da kann einem ganz(s) schön Angst werden, wenn man keinen Boden mehr unter den Füßen hat.

Schon gut. Aber zum Abschluss kann ich mir eine Frage einfach nicht verkneifen: Sind Sie eigentlich eine dumme Gans?

Frieda: Unverschämt. Darauf sollte ich gar nicht antworten. Aber ich sage Ihnen jetzt mal was: Gänse sind alles andere als dumm. Wir sind gesellige und soziale Tiere. Wir kommunizieren mit Lauten und Bewegungen miteinander. Und wir lernen schnell und haben ein gutes Gedächtnis. Wir können sogar Menschen wiedererkennen. Und wissen Sie was? Ich bin sogar berühmt.

Im Ernst?

Frieda: Es gibt eine Postkarte von mir, die eine Herborner Künstlerin gemalt hat (Anke Eißmann, Anm. der Redaktion). Fast 2000 Karten hat Herr Schäfer schon verschenkt. Und weil ich den Herrn Schäfer so berühmt gemacht habe, wird er sogar in Dubai erkannt. Da hat nämlich mal jemand zu ihm gesagt: „Sie sind doch der mit der Gans vom Herborner Wochenmarkt.“


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