Einfach mal ans Meer radeln

Abenteuer  Tino Lingenberg setzt spontane Idee in die Tat um und strampelt an die Nordsee

Grenzübertritt: Auf seinem Weg von Herborn nach Zandvoort an der Nordsee radelte Tino Lingenberg bei Arcen in der Provinz Limburg von Deutschland in die Niederlande hinüber – auch wenn er keinen Laster im Zielverkehr steuerte, wie das Verkehrsschild vorgibt. (Foto: Lingenberg)
Kurz ausgebremst: Ein platter Reifen an der Grenze zu den Niederlanden war die einzige Panne unterwegs. (Foto: Lingenberg)
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Der 36-Jährige macht jetzt nicht unbedingt einen austrainierten Eindruck – aber dass er fit ist, merkt man schon. Tino Lingenberg fährt gerne Fahrrad. Von Herborn aus zum Aartalsee und zurück – auch schon zweimal hintereinander. Das ist noch nicht so besonders. Weiter unterwegs war er bisher nur auf Tagestouren – „mal nach Frankfurt am Main“, sagt er.
Aber dann kam ihm diese Idee: einfach mal an die Nordsee radeln. Ursprünglich hatte er sich Langeoog – „da war ich als Kind gewesen“ – als Ziel ausgesucht, aber da passten die Zugverbindungen für die Rückreise nicht so richtig.

Dann also: Zandvoort. „Ich hatte noch eine Woche Urlaub übrig, und der Wetterbericht war auch gut“, erzählt der 36-Jährige, der leidenschaftlich – und gut – Klavier spielt. „Ich hab’ dann in Google Maps geschaut und überlegt: ,Was schaff’ ich an einem Tag?’“
2016 war er schon einmal an einem Tag nach Köln gefahren. 130 Kilometer waren das, und es ging über den Westerwald. „Die Strecke kannte ich ja schon“, sagt er. Also suchte er sich Mönchengladbach als Etappenziel aus. Das liegt mit dem Fahrrad nochmal etwa 50 Kilometer hinter Köln.

Morgens um 6 Uhr ging es dann los: Lingenberg hatte sich einen 30 Liter fassenden Rucksack gepackt und nahm nur das Nötigste mit. Sportsachen zum Radeln, eine leichte Jacke, Flickzeug fürs Mountainbike, ein paar Pistazien und Äpfel als Reiseproviant und etwas zu trinken. „Und eine kurze Hose und ein T-Shirt“, sagt er und lacht, „als Ausgehuniform.“

Die erste Etappe war denn auch gleich die schwerste: mit 186 Kilometern die längste Teilstrecke, und mit 1200 Höhenmetern, die er zu bewältigen hatte, auch die anstrengendste. Als er den Westerwald aber hinter sich gelassen und auf dem Weg nach Köln war, wurde er für die Strapazen auch entschädigt: „Die Fahrt über die Severinsbrücke in Richtung Dom, das ist schon eine schöne Ankunft“, sagt er.

Nach einem guten Essen in der Domstadt ging es locker weiter: „Dann war ja alles nur noch flach.“

Nach 11,5 Stunden hatte er sein erstes Zwischenziel erreicht: Um 17.30 Uhr checkte er in Mönchengladbach in einer Wohnung ein, die er per Smartphone-App für eine Nacht gebucht hatte.

Ein kleiner Aufpreis – und schon darf er bei seinen indonesischen Gastgebern mit am Essenstisch sitzen

Tag 2: Erst mal 40 Kilometer strampeln bis zur Grenze in die Niederlande. Etwa 1000 Meter, bevor er dort ankam, passierte es: Lingenberg fuhr sich einen Reifen platt. Dank des Flickzeugs – und eines Ersatzschlauchs – war die Panne aber recht flott bewoben und blieb auch die einzige auf der Tour.

Jenseits der Grenze fuhr der Herborner dann im gleichnamigen Nationalpark an den Maas-Dünen entlang. „Da ging es zwar auch wieder neben einer Bundesstraße her“, erzählt er, „aber das ist da ja alles ganz anders als hier bei uns. Da gibt es ja richtige Rad-Highways.“

Dass die Niederländer ein Volk der Radfahrer sind und Radlern dort mehr Platz im Verkehr eingeräumt wird, merkte er spätestens, als er in Utrecht ankam. Dort geriet er nämlich in den Feierabendverkehr: „Da waren so viele Radler unterwegs, dass ich an einer Kreuzung drei Grünphasen einer Ampel für Radfahrer gebraucht habe, bis ich rüberkam.“ Ein Radfahrerstau? Das gibt es hierzulande höchstens mal bei Aktionstagen. „Oder in Münster“, sagt Lingenberg und lacht.

Nach 172 Kilometern hatte er sein Ziel in einem Außenbezirk von Utrecht erreicht. Er wohnte bei einer indonesischen Familie mit im Haus – und gegen einen kleinen Aufpreis durfte er auch am typisch asiatischen Essen seiner Gastgeber teilnehmen. „Das war richtig cool“, sagt er.

Tag 3 war dann geradezu entspannt: Da hatte er nur noch 56 Kilometer vor sich. Um 8 Uhr brach er auf, kam am Amsterdamer Flughafen Schiphol vorbei, und um 10.59 Uhr war es soweit: „Ich hab‘ Zandvoort erreicht und auf die Nordsee geguckt – das war schon geil.“ Von einem Passanten ließ er sich fotografieren – schließlich mochte er ein Bild vom Zieleinlauf haben.

Den Rest vom Tag hat er dann am Strand verbracht. „Ich hab zufällig den wärmsten Tag des Monats erwischt: 25 Grad. Das war perfekt, hat genau gepasst“, sagt er und gerät regelrecht ins Schwärmen bei der Erinnerung daran: „Es war noch nie so schön, in der Nordsee zu schwimmen. Wenn man da mit eigener Muskelkraft hingekommen ist ...“

Abends musste er noch zehn Kilometer radeln bis zur Unterkunft in Haarlem. Tags drauf dann 20 bis nach Amsterdam, wo um 17.30 Uhr sein Zug zurück ging. Nach viermal Umsteigen und sechs Stunden später hatte er dann nur noch ein ganz kurzes Stück zu radeln: vom Herborner Bahnhof nach Hause in die Hainstraße.

Dort sitzt Tino Lingenberg nun in seinem Wohnzimmer, und seine Augen blitzen beim Gedanken an das Abenteuer: „Der Weg war das Ziel“, sagt er. „Und der Tag am Strand, das war wirklich ein richtiger Urlaubstag.“


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