Entrechtet, deportiert, ermordet

GESCHICHTE   Herborner Juden fallen der Shoah zum Opfer – auch Leopold und Selma Hecht

Eine Erinnerung mitten in Herborn: Zwei Stolpersteine in der Hauptstraße 80 gedenken seit Dezember 2009 Leopold und Selma Hecht, die rund ein halbes Jahrhundert in der Stadt lebten. In Herborn gibt es 13 weitere Tafeln. (Foto: Hoge)

Es gibt eine Zeit, in der sich die Straße Hauptstraße nennt. Und in der Hecht als engagierter und angesehener Bürger gilt. Fünf Jahrzehnte lebt der gebürtige Renneroder in der Stadt.

„Er hat sich durch seine gerade und aufrichtige Art, die mit echter Liebenswürdigkeit gepaart ist, sehr viele Freunde erworben und erfreut sich in allen Kreisen der größten Wertschätzung“, heißt es am 14. November 1932 in einer Anzeige im „Herborner Tageblatt“.

Leopold Hecht ist lange im Hilfsausschuss der Stadt tätig und beliebt – das ist alles nichts mehr wert

Einen Namen macht sich Hecht vor allem im Hilfsausschuss der Stadt, dem er 13 Jahre lang angehört. Das Gremium hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Not unter erwerbslosen Familien zu lindern. Einen Tag, nachdem der Text erscheint, feiert der Herborner seinen 70. Geburtstag. Bereits im Jahr 1896 hat der langjährige Vorsteher der Jüdischen Gemeinde ein Textilhandelgeschäft gegründet. Das betreibt er mit seiner Frau Selma – „bis heute zur Zufriedenheit seiner gesamten Kundschaft“, betont der Verfasser der Anzeige.

All das ist im Spätsommer 1942 nichts mehr wert. Für die Reise, die in den Tod führt, knöpfen die Nationalsozialisten den Hechts sogar noch 50 Reichsmark ab. Sie müssen ihre Wohnung „ordnungsgemäß hergerichtet haben“, ordnet die Gestapo in einem Bescheid an. Der Schlüssel und „Wertsachen jeder Art“ seien dem „beauftragten Beamten“ zu übergeben. Der Besitz geht an die „NS-Volkswohlfahrt“, die ihn an „bedürftige Deutsche“ weiterreicht.

Um den Hals müssen sich Leopold und Selma Hecht ein Schild hängen, auf dem Name, Geburtstag und eine Kennnummer prangen. Dann geht es für das Ehepaar und die anderen verbliebenen Herborner Juden mit der Bahn nach Frankfurt zur Großmarkthalle. Dort nimmt die SS das Heft des Handelns in die Hand.

Ein Deportationszug bringt die Gruppe mit anderen Juden in das Ghetto Theresienstadt. Nur 19 Tage später endet dort das Leben des inzwischen 80-jährigen Leopold Hecht. Seinen letzten Geburtstag erlebt er auf dem Weg in den Tod. Für seine Ehefrau ist der Horror noch nicht vorbei: Selma Hecht stirbt neun Tage danach im 800 Kilometer entfernten Vernichtungslager Treblinka. Was sie in der Zwischenzeit erleiden muss, ist nicht dokumentiert. Längst haben die Nationalsozialisten die einst so angesehenen Herborner Kaufleute zu Nummern degradiert. Zwei Nummern von vielen.

Der 28. August ist die zweite und letzte Deportationswelle aus Herborn – die erste hatte im Juni stattgefunden. Alle Juden der Stadt sind zu diesem Zeitpunkt deportiert und ermordet worden oder ausgewandert.

Die Entrechtung beginnt schon viel früher: Im Dillkreis leben 1933, dem Jahr, in dem die Nationalsozialisten die Macht übernehmen, 160 Juden – 92 in Herborn. Sie sind seit Jahrhunderten in Vereinen, Politik und Freundeskreisen verwurzelt.

Am 30. März 1933 schreibt die NSDAP-Ortsgruppe Herborn an die Polizei: „Wir setzen Sie davon in Kenntnis, dass die hiesige Ortsgruppe (...) die Aktion zur Abwehr der jüdischen Greuelpropaganda im Ausland ebenfalls einleiten wird.“ Dazu gehört die „Boykottierung sämtlicher jüdischer Geschäfte“. Zwei SA-Männer sollen vor jedem Laden postiert sein und Kunden warnen. Einen Tag später ordnet die NSDAP-Kreispressestelle im „Herborner Tageblatt“ an, „daß die Bevölkerung (...) den Besuch jüdischer Geschäfte, Aerzte, Anwälte und dergleichen unterläßt und den Besuch solcher Geschäftsleute auch nicht empfängt.“ Für das Textilhändler-Ehepaar Hecht und andere steht die berufliche Existenz auf dem Spiel.

Die rechtliche Grundlage für die Verfolgung der Juden schaffen die „Nürnberger Gesetze“ am 15. September 1935. Ihr Ziel ist die „Rassenhygiene“. Juden sind damals Menschen zweiter Klasse ohne politische Rechte. Ehen zwischen Nichtjuden und Juden werden verboten.

Fast die Hälfte der Juden im Dillkreis sind seit 1933 ausgewandert. Wer kann, schafft seine Kinder in Sicherheit. So wie die Herborner Familie Salomon: Der kleine Lothar sieht seine Eltern als Fünfjähriger zum letzten Mal. Sie setzen ihren Jungen in einen Zug nach Großbritannien – und retten sein Leben.

Für die Hechts und die anderen Herborner Juden geht die Demütigung weiter: Es folgen die Reichspogromnacht 1938 mit der Zerstörung der Synagoge und der Ausschluss aus der Öffentlichkeit. Dann treiben die Nazis den Antisemitismus mit den Deportationen und der millionenfachen Ermordung auf die Spitze.

Auschwitz, Majdanek, Theresienstadt oder Minsk – so heißen die letzten Stationen vieler Herborner Juden.

Ob sie 79 oder fünf Jahre alt sind oder seit Jahrzehnten in der Stadt beliebte und angesehene Bürger sind, interessiert keinen mehr.

 

15 STOLPERSTEINE UND EIN DENKMAL ERINNERN AN HERBORNER

Seit Dezember 2009 erinnern in Herborn 15 „Stolpersteine“ vor sechs Häusern an deren ehemalige, vorwiegend jüdische Bewohner, die von den Nationalsozialisten deportiert und zumeist ermordet wurden. Darunter ist auch der Nazi-Gegner Ferdinand Schmidt.

Verlegt hat die Tafeln der Kölner Künstler Gunter Demnig. Initiiert hatte das Projekt Jonathan Stoll im Rahmen einer Abitur-Prüfungsarbeit. Zu sehen sind auf den Tafeln die Lebensdaten von Opfern des nationalsozialistischen Terrors. Im November 2013 weihte die Stadt am Eisernen Steg ein Denkmal mit den Namen von 63 ermordeten Juden ein.

Die Stolpersteine:

Austraße 12: Julius Salomon, Meta Salomon, Silvia Salomon.

Hainstraße 11: David Löwenstein, Rosa Löwenstein, Lina Rosenbaum.

Hauptstraße 80: Leopold Hecht, Selma Hecht.

Mühlgasse 32: Ferdinand Schmidt.

Nassaustraße 3: Josef Hattenbach, Rosa Hattenbach, Selma Levi, Berta Levi, Henriette Lucas.

Westerwaldstraße 2: Selma Witzell.


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