Gründen Sie eine neue Firma, Herr Fuhrländer?

INTERVIEW Windkraft-Pionier Joachim Fuhrländer über die "vermeidbare" Pleite und über Zukunfts-Pläne

"Ich war danach einfach fertig, platt, ich bin in das so genannte Loch gefallen, ich war einfach nur noch müde": Joachim Fuhrländer. (Foto: privat)

Herr Fuhrländer, vor zwei Jahren sind Sie aus der Fuhrländer AG ausgestiegen und haben Ihre Anteile verkauft. Warum?

Joachim Fuhrländer: Der Verkauf der Anteile war schon unter Zwang. Wir waren in einer Situation, gezeichnet von der Bankenkrise. Uns sind Projekte weggefallen beziehungsweise Projekte, die eigentlich durchfinanziert waren, sind dann an der Liquidität der Banken gescheitert. Einige unserer Kunden bekamen kein Geld von den Banken, und bei uns stauten sich die zugelieferten Teile, da Komponenten aufgelaufen sind. Zugleich warteten unsere Zulieferer auf ihr Geld. In dieser Zeit kamen die Signale von unseren Kreditgebern, die Fuhrländer AG solle begutachtet werden. Wir waren zu der Zeit nicht überschuldet. Aber es kamen Leute zu uns, die das Unternehmen auf den Kopf gestellt haben. Wir mussten eine Unternehmensberatungsgesellschaft mit rein nehmen. Das haben wir getan. Und die brachten dann viele Berater mit.

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Das geschah auf Anraten oder Drängen der Banken?

Fuhrländer: Ja, das ist so üblich. Ich hätte vielleicht ein halbes Jahr Zeit gebraucht und hätte das Ganze wieder in ein ordentliches Fahrwasser gebracht, weil das Vertrauen der Kunden nach wie vor hoch war. National wie international.

Das heißt, Sie haben den Schritt gemacht, um weiter Darlehen von den Banken zu bekommen?

Fuhrländer: Nein, ich habe den Schritt gemacht, weil die Banken das mehr oder weniger gefordert haben. Und habe dann aber gemerkt, plötzlich weht ein ganz anderer Wind. Der neue Vorstand genoss das Vertrauen der Kunden keinesfalls. Und mit den Lieferanten konnte man sich auch nicht einigen. So eine Situation nimmt einen als Eigentümer und Vorstand nervlich ziemlich mit - das wissen natürlich die Beratungsgesellschaften, das wissen auch die Banken. Und ich glaube, dass solche Situationen dann auch ausgenutzt werden.

Wie wurde das bei Ihnen ausgenutzt?

Fuhrländer: Indem ich einfach überfahren wurde. Indem ich einfach keine Rolle mehr spielte. Mir wurden die Aufgabenfelder entzogen. Das ging alles in die Hände des neuen Vorstandes.

Das hat alleine die Bank entschieden?

Fuhrländer: Banken haben schon eine Macht, wenn es darum geht, dass Dinge begutachtet werden und dass Unternehmensberater ins Unternehmen kommen.

Die Macht, dass sie Ihnen den Geldhahn zudrehen können und Sie die Zulieferer nicht mehr bezahlen können?

Fuhrländer: Ja. Man hatte die Linien reduziert. Das war das Druckmittel, das die Bank aufgebaut hatte. Und als sie dachten, dass der neue Vorstand die AG retten könnte, haben sie die Kreditlinien wieder geöffnet. Bei der Fortführung hätte sich ein neuer Vorstand in das Thema einarbeiten müssen, das Vertrauen der Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten erarbeiten müssen. Wenn man aber sieht, wie viel Geld aus dem Unternehmen gezogen worden ist mit all diesen Heerschaften von Beratern, dann sieht man, dass man mit der Abwicklung eines Unternehmens mehr Geld verdienen kann, als mit der Fortführung eines Unternehmens. Ich glaube also nicht, dass bei allen Unternehmensberatungsgesellschaften ein Fortführungswille besteht.

Und Sie hatten es nicht erkannt?

Fuhrländer: Das weiß ich alles erst im Nachhinein und will das auch nicht nutzen, um von Fehlern, die ich mit ganz großer Sicherheit begangen habe, abzulenken. Ich habe dann in dem Zusammenhang für mich die Entscheidung getroffen: Okay, wenn das Unternehmen fortgeführt werden kann, dann geht das nur, indem ein neuer Gesellschafter einsteigt. Das war in dem Moment unser größter Kunde aus der Ukraine, der auch bereit war, Kapital in die AG zu stecken. So war ich bereit, den Weg frei zu machen - unter der Bedingung, dass die Arbeitsplätze soweit es geht erhalten bleiben. Das hat man mir zu dem damaligen Zeitpunkt auch versprochen. Ich dachte, wenn da Leute kommen, die klüger sind als Du, wenn da Leute kommen, die mehr Geld haben als du, dann sollen sie es in Gottes Namen machen. Aber sie sollen es dann bitte auch so machen, dass der Mensch weiterhin eine Rolle spielt. Und das hat definitiv nicht funktioniert. Ich bin im Mai 2012 offiziell ausgeschieden. Und dann ist das Unternehmen im September 2012 in Insolvenz gegangen, weil eben der neue Shareholder offene Rechnungen nicht beglichen hat und weil von anderer Seite Gelder nicht hereinkamen. Aus meiner Sicht wäre es vermeidbar gewesen, aber ich weiß nicht, ob man es vermeiden wollte.

Warum hat der ukrainische Investor die Fuhrländer AG übernommen und wenige Monate danach kein Geld mehr in das Unternehmen gesteckt?

Fuhrländer: Er hatte ja parallel eine Fertigung von Windrädern in der Ukraine aufgebaut, in Kramatorsk, da wo heute dieser heftige Krieg herrscht. Und er wollte dann ein Teil der Know-how-Träger - Maschinenbautechniker, die jetzt hier in Waigandshain angesiedelt sind - übernehmen. In einer eigenen Firma und in einer stark geschmälerten Form.

Heißt das, es ging dem Investor nicht um die Fuhrländer AG, sondern nur darum, das Know-how aus der Firma herauszuziehen?

Fuhrländer: Man könnte so spekulieren. Ich scheue mich, ein klares Ja dazu zu finden und will auch niemandem etwas unterstellen. Nur ich unterstelle, dass der Fortführungswille des Investors, des neuen Vorstandes und der Beratungsgesellschaft nicht vorhanden war.

Sie haben gesagt, dass Sie selbst auch Fehler gemacht haben.

Fuhrländer: Natürlich.

Das Magazin "Wirtschaftswoche" machte als einen Grund für das Scheitern der Fuhrländer AG Ihren zu starken Idealismus aus.

Fuhrländer: Kann man zu viel Idealismus haben? Kann man zu viel Menschlichkeit haben? Vielleicht habe ich zu Zeiten, wo es um diese Weltfinanzkrise ging, nicht rechtzeitig reagiert und hätte vielleicht auch das Unternehmen hier und da abspecken müssen. Ich weiß es nicht. Aber diese Weltfinanzkrise hat niemand vorhergesehen. Und auf diese Weltfinanzkrise sind viele Unternehmen hereingefallen beziehungsweise mit Schmerzen daraus hervorgegangen.

Wie erging es Ihnen denn, als Sie aus dem Unternehmen raus waren?

Fuhrländer: Das ist ganz einfach zu beantworten: Als ich aus dem Unternehmen raus bin, war ich erst - eine ganz kurze Zeit - von einer Riesenlast befreit, nämlich der Last der letzten drei oder vier Monate, in denen ich mich nur mit Beratern und Klugscheißern herumgeschlagen habe und gedacht habe, wissen diese Menschen überhaupt irgendwas vom Leben, oder gibt es überhaupt das Wort Respekt in deren Wortschatz. Es hat mich sehr enttäuscht, welche Leute mir da begegnet sind. Das, was die im Sinn hatten, war Geld verdienen. Auf schnelle Art ganz viel Geld. Danach ging es mir sehr schlecht, weil ich ein großes Heimweh nach meiner ganzen Unternehmensfamilie hatte. Die Menschen um mich herum sind mir sehr ans Herz gewachsen. Ich habe die Leute gemocht, ich mag sie heute noch. Ich habe danach auch sehr viele Mails und persönliche Briefe von ehemaligen Mitarbeitern bekommen. Das ging so weit, dass einige schrieben: Wenn Du wieder eine Idee hast, ruf mich an, ich mache wieder mit. - Das hat mir gut getan. Aber dieses Heimweh nach den Menschen ist lange nicht gewichen, das ist eigentlich heute auch noch nicht ganz weg.

Und was haben Sie in dieser Zeit gemacht, welche Tätigkeiten?

Fuhrländer: Ich war danach einfach fertig, platt. Das heißt: Ich bin in das so genannte Loch gefallen. Ich war einfach nur noch müde, was ich vorher fast nicht kannte. 2010 hatte ich in zehn Monaten 31 Länder bereist und immer mehr Tempo aufgebaut - das war schon eine Herausforderung. Und nun brach diese Müdigkeit und dieses Erschöpftsein wie ein Schlag über mich herein. Was habe ich gemacht? Ich habe den Urlaub gemacht, den ich über 20 Jahre nicht gemacht hatte. Ich habe mir Zeit für mich genommen, ich habe gesehen, dass ich mental, auch physisch, wieder auf die Reihe komme, dass ich morgens wieder Lust habe aufzustehen - was am Anfang nicht der Fall war, weil ich für den Tag überhaupt kein Ziel mehr formulieren konnte. Ich musste das Ganze verarbeiten, und die Zeit habe ich mir dafür genommen.

Haben Sie dann zunächst die Öffentlichkeit gemieden? Wie sind andere Menschen in Waigandshain mit Ihnen umgegangen. Wurden Sie angesprochen?

Fuhrländer: Man geht dann nicht mit erhobenem Haupt durchs Dorf. Niedergeschlagenheit führt dazu, dass man einfach niedergeschlagen ist. Genauso bewegt man sich auch, und genauso empfindet man auch. Und das war eine Zeit, die aber auch sein musste. Ich muss im Nachhinein sagen, undankbar für diese Zeit bin ich keinesfalls, weil es auch zu einem Heilungsprozess geführt hat - insofern, dass ich wieder Dinge viel bewusster wahrnehme, viel bewusster sehe. Im Nachhinein kann ich die Dinge mit einem gewissen Abstand sehr bewusst analysieren und bin für die Zukunft gerade in dieser Hinsicht gewappnet. Und mittlerweile teile ich meine ganzen Erfahrungen gerne anderen Leuten mit, denen es möglicherweise ähnlich ergeht.

Wie machen Sie das?

Fuhrländer: Ich werde zu Vorträgen eingeladen.

Von wem?

Fuhrländer: Das sind sehr verschiedene Gruppen. Das sind ehemalige Lieferanten oder das sind kirchliche Gruppen, oder das ist jetzt nächstes Jahr in Hamburg der Kongress "Christliche Führungskräfte", wo ich über das Thema Krisenbewältigung rede. Es sind Workshops zu Themen, wie "Führung mit Verantwortung gegenüber der Schöpfung und den Menschen", ein weiterer Workshop mit Frau Dr. Auma Obama , der Schwester des US-Präsidenten, mit Straßenkindern, Workshops zu Themen der Wertschätzung und Nachhaltigkeit!

Sind Sie nur als Ratgeber gefragt oder auch als Investor, als derjenige, der Geld geben könnte?

Fuhrländer: Nein. Als Investor weniger. Das würde ich auch im Moment nicht können. Ich habe meine Anteile an der Fuhrländer AG für einen so genannten Nominalwert verkauft.

Können Sie sagen, wie viel Sie bekommen haben?

Fuhrländer: Da gibt es Vertraulichkeitsregeln bei dem, was wir gemacht haben. Das ist halt so.

Welchen Beruf haben Sie zurzeit?

Fuhrländer: (lacht) Momentan bin ich Bauer. Ich habe etwa 50 Tiere: Bisons, Alpakas, Esel und Ziegen.

Haben Sie einen richtigen Bauernhof?

Fuhrländer: Nein, nein. Ich habe hier nur eine Weide gepachtet, auf der die Tiere grasen.

Wenn Sie in Waigandshain zu Ihrem Büro wollen, fahren Sie eine Straße hoch, an der ein Hinweisschild mit dem Namen "Fuhrländer" steht, Sie fahren an Gebäuden Ihres ehemaligen Unternehmens vorbei, wo jetzt noch Windräder repariert werden, ...

Fuhrländer: ... dort werden auch neue gebaut. Da sitzt jetzt die Firma FWT ...

... haben Sie dann sehr viel Wehmut oder schlimmere Gefühle?

Fuhrländer: Nein. Die Wehmut weicht langsam. Und die Mitarbeiter in der Firma FWT sind ja weitestgehend ehemalige Mitarbeiter der Fuhrländer AG, also alles wirklich gute Bekannte von mir, und man winkt sich freundlich zu, man trifft sich auf ein kurzes Gespräch. Und die Firma FWT ist ja in diesen Hallen hier zum Teil eingemietet.

Sind das noch Ihre Gebäude?

Fuhrländer: Die Hallen gehören einer Gesellschaft, die ich zusammen mit meinem Bruder leite.

Mehr als kurze Gespräche gibt es nicht?

Fuhrländer: Doch, doch. Ich treffe mich mit den Leuten auch hier und da zum Mittagessen in einer Pizzeria in Emmerichenhain. Das gehört dazu.

Wollen Sie auch noch mal ein Unternehmen gründen?

Fuhrländer: Ich bin und bleibe Unternehmer. (Pause) Ich denke, das fragen Sie mich in einem Jahr noch mal. Dann habe ich mit Sicherheit eine klare Antwort und eine klare Vorstellung. Dann gibt es wieder neue Sachen zu erzählen. Ein paar Sachen sind in der Entstehungsphase.

Gibt es konkrete Pläne?

Fuhrländer: Der Kopf ist voller Pläne. Es gibt so viel, was man auf dieser Welt machen kann, wenn man wieder ein paar kreative Leute um sich herum schart und Menschen mit einer Idee infiziert. Was aber immer eine große Rolle für mich spielt: Den Menschen im Mittelpunkt zu sehen und nicht das Geldverdienen auf Biegen und Brechen an die erste Stelle zu heben. Und was mir wichtig ist: Unbedingt unabhängig von Banken bleiben.

Also nur noch das Geld investieren, das Sie zuvor auch verdient haben?

Fuhrländer: Ja. Und langsamer wachsen, als wir das getan haben. Wir konnten das Ganze ja nicht darstellen, ohne dass Banken uns unterstützt haben.

Gehört Ihnen eigentlich noch das Restaurant auf der Fuchskaute im Westerwald? Haben Sie es behalten?

Fuhrländer: Nein. Das haben die beiden Köche gekauft. Es tut mir sehr leid, dass ich da nicht mehr involviert bin, denn als Gastgeber habe ich mich immer sehr wohl gefühlt, habe den Leuten gerne ein Bier gezapft. Aber das ist jetzt völlig unabhängig von mir. Und ich muss auch sagen: Ich war seit meinem Ausscheiden nicht mehr da.


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