Metaller „warnen“ ihre Bosse

INDUSTRIE  Lohnforderungen seien angesichts „brummender Wirtschaft nicht maßlos“

„Es ist Zeit für eine Wahloption in Sachen Arbeitszeit, die zum Leben passt“: Das sagte der langjährige Guntersdorfer Gewerkschaftler Thomas Spaether (Mitte), hier mit Andrea Theiß und Christof Weyel während des Warnstreiks bei Selzer in Roth. (Foto: Gerdau)

Gewerkschaftssekretär Sven Wenzel sagte den rund 30 Mitarbeitern, die sich mittags zusammenfanden, dass dies angesichts der „brummenden Wirtschaft alles andere als maßlos“ sei.

Der Umsatz liege derzeit bei fast 1,1 Billionen Euro, und dementsprechend lägen die Gewinne auf Rekordniveau, so der Vertreter der IG-Metall-Verwaltungsstelle in Herborn.

„Wer sich als Arbeitgeber modernen Modellen verweigert, der wird morgen ohne Fachkräfte dastehen“

Seine Kollegin Andrea Theiß stellte fest, dass ein Zwei-Prozent-Angebot der Arbeitgeberseite zu wenig sei. Zudem solle nach Arbeitgebervorstellung die wöchentliche Arbeitszeit auf 40 Stunden verlängert werden können ohne Zuschläge für Mehrarbeit und Überstunden. Wenn es nach dem Willen der Unternehmer ginge, würden auch Schichtzuschläge für Spät- und Nachtschicht oder Sonntagsarbeit reduziert werden.

Besonders zur Fachkräftesicherung sei es notwendig, dass die Beschäftigten auch eine Wahloption bekommen ihre persönliche Arbeitszeit den eigenen Bedürfnissen anzupassen, so Wenzel.

Weitere Forderung der Gewerkschaft: Wer pflegebedürftige Eltern oder Kinder betreut, stehe oft vor unlösbaren und meist auch unbezahlbaren Problemen, sagte Wenzel. Daher sei die Forderung nach einer befristeten Reduzierung der Arbeitszeit auf 28 Stunden in der Woche keine Utopie, sondern ein sozialer Aspekt.

Die IG Metall bringe dies in ihrem druckfrischen Flyer so zu Ausdruck: „Wer sich heute als Arbeitgeber modernen Arbeitszeitinstrumenten verweigert, der wird morgen ohne Fachkräfte dastehen.“ Durch einen Entgeltzuschuss der Arbeitgeber sollen diese Optionen auch für weniger gut Verdienende umsetzbar sein.

Am Freitag und Samstag soll es Warnstreiks zu verschiedenen Uhrzeiten geben bei: Selzer (Roth), Doering (Sinn), Isabellenhütte (Dillenburg), Berkenhoff (Merkenbach), Cloos (Haiger), Bosch Thermotechnik (Eschenburg), Sell und Pumpenfabrik (Herborn).

 

Das sagen die Arbeitgeber

„Streiks sind ein Instrument der Gewerkschaft, um Bewegung in gescheiterte Verhandlungen zu bringen“, sagt Dr. Dirk Hohn, Geschäftsführer der mittelhessischen Bezirksgruppe des Arbeitgeberverbands Hessenmetall.

„Doch statt sich mit unseren Forderungen und unserem Angebot zu beschäftigen, schickt die IG Metall ihre Mitglieder auf die Straße. Die so entstehenden wirtschaftlichen Schäden strapazieren das Gesprächsklima.“ Ein Gutachten von Südwestmetall habe gezeigt, dass die Forderung nach einem Teilentgeltausgleich für Beschäftigte mit Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen, die ihre Arbeitszeit vorübergehend absenken, rechtswidrig sei.

Hohn machte deutlich, dass der Tarifkonflikt dennoch am Verhandlungstisch gelöst werden solle: „Auch wenn wir die (...) Forderung (...) für diskriminierend gegenüber anderen Mitarbeitern halten, sehen wir (...) eine gerichtliche Auseinandersetzung nur als letzten Ausweg (...). Wenn am 18. Januar die nächste Verhandlungsrunde für Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland ansteht, wollen die Arbeitgeber den Dialog suchen. Hohn: „Worüber wir definitiv nicht diskutieren werden, ist ein diskriminierender und rechtswidriger Lohnzuschlag. Warum soll eine alleinerziehende Mutter, die aus Zeitgründen schon immer nur 20 Stunden arbeitet, keinen Teillohnausgleich erhalten, während ein Familienvater im Doppelverdiener-Haushalt, der seine Wochenarbeitszeit von 35 auf 31,5 Wochenstunden reduziert, sich über eine Subventionierung freuen kann?“ (wes)


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2018
Mehr zum Thema
Kommentare (1)
Ja, der Doppelverdiener Haushalt.... Welcher mittelständige Haushalt mit Kindern ( eher Kind, weil 2,3 oder 4 Kinder sind ja fast nicht mehr finanzierbar) kann es sich denn noch leisten, dass nur ein Elternteil arbeiten mehr
geht? Würde ein Verantwortungsvoller Arbeitgeber ja so gerecht entlöhnen, dass wenigstens die Inflation seit Einführung der (T) euro ausgeglichen würde, müsste keine Diskussion geführt werden, ob Papa, oder Mama die Arbeitszeiten um 3,5 Stunden pro Woche kürzt um sich um die Heranwachsende Facharbeiter Generation zu kümmern. Warum zahlt man denn dann nicht einfach der alleinerziehenden Mutter mit 20 Stunden einfach auch einen Zuschlag? Dann müsste sie vielleicht nicht 1mal pro Woche zur Tafel Rennen um die Kinder ernähren zu können? Gut, dass es wenigstens andere in Deutschland lebende Kulturen gibt, die sich darum kümmern, dass es in Deutschland noch Kinder gibt. Armes Armes Deutschland!!!
Mehr aus Region Dillenburg