Persönlicher Kontakt ist wichtig

FERNSCHULE Kinder büffeln Deutsch in entlegensten Winkeln der Welt

Erreichbar bis in den entlegensten Winkel. Eine Fernschülerin in Südafrika arbeitet selbstständig mit dem Unterrichtsmaterial der Deutschen Fernschule. (Foto: privat)

Die Katzenfurter Lehrerin Julia Kaiser betreut 20 Schüler rund um den Globus für die Deutsche Fernschule. (Foto: Rühl)

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Seit 43 Jahren vermittelt die Deutsche Fernschule jungen Menschen, die mit ihren aus Deutschland stammenden Familien im Ausland leben, eine gute Schulbildung.

Die Idee geht auf den Pädagogen Alfred Finken (Ochtendonk bei Koblenz) zurück. Als Lehrer an einem Waisenhaus in Neukirchen-Vluyn am Niederrhein hörte er von einer Missionarsfamilie, die im Auftrag der Neukirchener Mission in Kenia tätig war. Da es für die drei schulpflichtigen Kinder keine Möglichkeit eines Schulbesuchs gab, und das Ehepaar überlegte, die Arbeit in Afrika abzubrechen, entwickelte Finken die ersten Lernbriefe.

Heute arbeiten nicht nur Kinder von Missionaren mit dem Material. Auch viele Mitarbeiter von im Ausland tätigen deutschen Unternehmen, von kirchlichen Einrichtungen, von Entwicklungshilfe-Projekten und des Diplomatischen Corps lassen ihren Nachwuchs auf diese Art während der Grundschulzeit unterrichten.

Das Angebot sprach sich schnell herum, und inzwischen hat das Lehrmaterial mehr als 12.000 Kindern weltweit ermöglicht, bei der Rückkehr in die Heimat problemlos wieder Anschluss an deutsche Schulen zu finden.

Als Lehrerin ist Julia Kaiser vor sechs Jahren zur Fernschule gekommen. Als es unsicher war, ob sie nach Studium und Referendariat eine Beamtenstellung erhält, suchte sie nach einer Alternative - und fand sie auch.

Kinder müssen bis zu vier Stunden am Tag lernen

"Ich habe nicht nur Schüler rund um den Globus betreut, sondern konnte auch Unterrichtsmaterial entwickeln", erinnert sich Julia Kaiser. So hat sie einen Kunstkurs für Grundschüler entworfen, der nun angeboten wird.

Inzwischen hat sie eine Stelle an der Grundschule in Haiger-Sechshelden angetreten. Wegen der Erziehung ihrer zweieinhalbjährigen Tochter geht sie nur halbtags arbeiten.

Es bleibt aber noch Zeit, die Kontakte ins Ausland zu pflegen. Derzeit betreut Kaiser, deren Nebenjob vom staatlichen Schulamt genehmigt ist, 20 Schüler zwischen sechs und zehn Jahren. Per E-Mail und per Skype führt die Lehrerin durch die Unterrichtseinheiten und begutachtet die Lernfortschritte. "Ich kann ihre Entwicklung verfolgen und Fortschritte erleben."

Eng ist die Bindung zu einem Jungen aus Uganda. Er schickt ihr Bilder von Safaris und aus Wildparks. Zudem besitzt die Familie Schafe und Ziegen und stellt immer wieder Aufnahmen ins Netz.

Büffeln müssen die Schützlinge von Julia Kaiser schon. Die Pädagogin überprüft den Lehrstoff alle zwei Wochen und verschickt Tests. "Ich korrigiere nicht nur die Ergebnisse, sondern schreibe einen ausführlichen Brief dazu. Dabei erzähle ich den Mädchen und Jungen von meinen Erfahrungen in der Grundschule in Sechshelden. Die Kinder in fernen Ländern kennen ja den Unterricht im Klassenraum nicht."

Für Eltern, die sich für eine Zusammenarbeit mit der Fernschule entscheiden, wird in Wetzlar ein Postpaket geschnürt. Der Inhalt: Lehrbriefe und Lernhefte und all das, was Kinder in den entlegensten Winkeln der Welt sonst noch auf ihrem Schreibtisch benötigen. Das reicht vom Füller über Stifte, Farben, Schreibblöcke und Ordner bis zum Lexikon.

Der Umfang des Fernunterrichts wird mit den Eltern abgestimmt, abhängig davon, ob das Kind im Gastland eine örtliche oder eine internationale Schule besucht. Wird das ganze Grundschulprogramm gewählt, also Deutsch, Mathematik und Sachkunde, muss schon täglich vier Stunden gebüffelt werden.

Und am Ende des Schuljahres (mit Ausnahme des ersten) gibt es natürlich auch Zeugnisse. Der Beginn des Schuljahrs wird von den Eltern, jeweils abhängig von ihrer Entsendung ins Ausland, festgelegt. Er ist also nicht an deutsche Regelungen gebunden. Mit den Ferien ist es ebenso. Der Unterricht kann nach Rücksprache mit Wetzlar einfach einige Wochen ausgesetzt werden.

"Am besten beurteilen können wir die Kinder, wenn wir sie einige Jahre begleiten. Der persönliche Kontakt ist sehr wichtig, um die Lernsituation besser zu verstehen. Da ist es gut, wenn die Erwachsenen uns Rückmeldung geben, damit wir auf die Situation besser eingehen können", erzählt Julia Kaiser. Sind die Familien einverstanden, kann sie die Kinder bei Problemen mit zusätzlichem Material unterstützen. Ihr Schüler in den USA beispielsweise hat einen eigenen Blog im Internet erstellt.

Dort kann seine Betreuerin in Deutschland einiges über ihn erfahren und auch beobachten, wie er sich entwickelt. "Er fragt mich danach, wie ich seinen Blog finde. Das macht es einfach, seine Entwicklung zu verfolgen", sagt die Lehrerin, für die der Kontakt über so viele tausend Kilometer eine Herausforderung ist.

Die Deutsche Fernschule selbst muss sich ebenfalls verschiedenen Tests stellen: Die staatliche Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) überprüft alle drei Jahre jeden Kurs auf Inhalt, Didaktik und Aktualität. Nur mit dem entsprechenden Zertifikat können die Kurse überhaupt angeboten werden.


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