Sell leidet unter Auftragsrückgang

Wirtschaft  Erneuter Wechsel in der Geschäftsführung hat persönliche Hintergründe

Wechsel an der Spitze der Sell GmbH in Herborn: (von links) Horst Lenhard, erst zum September als Geschäftsführer zu dem Herborner Flugzeugausstatter gekommen, verlässt das Unternehmen aus privaten Gründen schon wieder. Akilles Loudiere ist sein Nachfolger. (Foto: Weirich)

Was auf den ersten Blick wie Ursache und Auswirkung aussieht, hat nach Angaben von Noch-Geschäftsführer Horst Lenhard persönliche und private Gründe, weswegen er sein Hauptaugenmerk nun erst einmal auf seine Familie richten möchte.

Der 51-Jährige war zuvor Technischer Direktor bei der italienischen Fluggesellschaft Alitalia gewesen, hatte den Geschäftsführerposten bei Sell erst zum September vergangenen Jahres angetreten. Nun zieht es ihn aus familiären Gründen zurück in seine Heimat Trier – „leider“, wie er sagt. Am Donnerstag ist sein letzter Arbeitstag in Herborn.

Akilles Loudiere: "Es wird eine spannende Aufgabe“

Sein Nachfolger ist Akilles Loudiere. Der in Paris aufgewachsene, 37 Jahre alte Deutsch-Franzose, war zuletzt zwei Jahre lang für den französischen Automobilzulieferer-Konzern Faurecia an dessen größtem Standort in Hannover Vertriebsleiter und zuständig für die Geschäfte mit der VW-Gruppe.

Sieht er es auch als Herausforderung, dass er gerade jetzt in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten ins Unternehmen kommt? Der 37-Jährige gibt sich entspannt, sagt aber auch: „Es wird eine spannende Aufgabe.“

Nicht betroffen von dem Auftragsrückgang sei die Produktion von in der Branche so genannten Inserts: Dabei handelt sich um die Geräte, die in Flugzeugküchen zum Einsatz kommen wie zum Beispiel Kaffeemaschinen und die Öfen, in denen vorbereitete Mahlzeiten erhitzt werden. Diese baut Sell im Gewerbepark auf dem früheren Hüttengelände in Burg. „Da läuft das Geschäft weiterhin gut“, sagt Lenhard. Zumal Sell die Geräte nicht nur herstelle, sondern auch für Service, Wartung und Reparatur zuständig sei.

„Es gibt inzwischen mehr Konkurrenz, auch aus China“

Schwieriger gestalte sich dagegen das Kerngeschäft des Unternehmens am Herborner Standort, zu dem außer der Produktion der „Galley“ genannten Flugzeugküchen auch die von Toiletten- und Waschräumen („Lavatorys“) gehört.

Der Wettbewerb auf diesem Sektor habe weltweit zugenommen, erklärt Akilles Loudiere. „Es gibt inzwischen mehr Konkurrenz, auch aus China.“

Dazu komme eine in der Luftfahrtbranche parallel ablaufende Entwicklung: Derzeit würden die Fluggesellschaften weniger Flugzeuge für große Reichweiten wie etwa den riesigen Airbus A 380 ordern und dafür mehr Flieger für kürzere Strecken. Sell sei aber auf Long-Distance-Jets spezialisiert.

Generell gebe es am Markt daher weniger Aufträge für solche Flieger, weswegen sich auch Konkurrenten von Sell auf dieses geringere Volumen geradezu stürzten, sagt Lenhard. Die Folge: Es habe ein Preisverfall eingesetzt.

Beim A 350 und bei der Boeing 787 ist Sell nicht zum Zuge gekommen

„Prominente Langstreckenflugzeuge“, so Lenhard, seien außer dem A 380 noch die Airbustypen A 350 und A 330 sowie von Boeing die 787 und die 777. Entgegen früherer Gepflogenheiten, als in der Hauptsache die Fluggesellschaften die Ausstattungen ihrer Jets wie Küchen, Toiletten, Gepäckfächer und ähnliches direkt bei deren Produzenten kauften, seien sowohl Airbus als auch Boeing immer öfter dazu übergegangen, die Flugzeuge fertig ausgestattet anzubieten. Dadurch könnten sie auf dem heiß umkämpften Markt ihre Flieger günstiger anbieten, erklärt Lenhard.

Das Problem: Sowohl beim A 350 als auch bei der Boeing 787 sei Sell nicht als Ausstatter zum Zuge gekommen.

Noch unwägbar sei das mögliche weitere Geschäft mit zwei anderen Langstreckenfliegern: Sowohl die Boeing 777 als auch der A 330 kämen nun in überarbeiteten Versionen (777x und A 330 neo) neu auf den Markt. Da müsse man erst einmal abwarten, wie sich diese Produkte entwickelten. „Das lässt sich heute noch gar nicht einschätzen“, sagt der Noch-Geschäftsführer.

„Wir haben den Betriebsrat informiert über die Situation, wie wir sie sehen“

Das Resultat: Die Auftragslage sei zuletzt um 25 bis 30 Prozent zurückgegangen. „Wir“, sagt Lenhard und meint damit sich und seinen Nachfolger Loudiere, „haben deshalb im Zuge der Mitbestimmung den Betriebsrat informiert über die Situation, wie wir sie sehen.“

Welche Konsequenzen daraus erwachsen, sei noch unklar. Lenhard: „Es wäre absolut vermessen, jetzt mit Zahlen zu hantieren.“

Vom Betriebsrat hat die Redaktion dazu bisher keine Stellungnahme erhalten können.

Sell beschäftigt derzeit in der Inserts-Sparte in Burg 210 Mitarbeiter, an seinem Konstruktionsstandort in Homberg/Ohm 68 Mitarbeiter und im Hauptwerk in Herborn 1264 Mitarbeiter.


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