Wie viele Vermisste hatte der Lahn-Dill-Kreis 2013?

INTERVIEW "Sind für Hinweise dankbar"

Auf einer Karte zeigen Kriminalhauptkommissar Reinhold Humburg und Oberkommissarin Jasmin Müller die Stelle, wo ein Vermisster zuletzt gesehen wurde. (Foto: Straßheim)

Frau Müller, Herr Humburg, wie viele Personen werden aktuell im Lahn-Dill-Kreis vermisst?

Jasmin Müller: Im Moment haben wir bei uns in Wetzlar zwei Fälle. Seit November wird ein 71-Jähriger vermisst, der nach einem Zahnarztbesuch nicht mehr nach Hause gekommen ist. Zudem ist vergangenen Woche eine weitere Vermisstenanzeige bei uns eingegangen.

Reinhold Humburg: Vermisstenanzeigen im Lahn-Dill-Kreis werden von zwei Dienststellen betreut. Eine ist in Dillenburg, die andere in Wetzlar. Zahlen aus Dillenburg haben wir nicht.

Haben Sie Zahlen für dieses Jahr?

Müller: Wir haben Zahlen von 2013. In Wetzlar gab es 71 Fälle. Bei den Kollegen in Dillenburg gingen 63 Vermisstenanzeigen ein.

Wie viele Kinder waren 2013 vermisst?

Müller: In Wetzlar waren es 17 Kinder. Dazu kamen 29 Jugendliche im Alter von 14 bis 17, und acht Heranwachsende im Alter von 18 bis 21. Außerdem gingen 17 Vermisstenanzeigen für Erwachsene bei uns ein. In Dillenburg waren es zwei Kinder, 26 Jugendliche, vier Heranwachsende und 31 Erwachsene.

Hat sich die Anzahl der vermissten Personen in den vergangenen Jahren geändert?

Humburg: Nein, die Anzahl der Vermissten in den vergangenen Jahren blieb relativ gleich.

Wie viele vermisste Personen tauchen denn tatsächlich wieder auf?

Humburg: Die Aufklärungsquote ist ziemlich hoch. Jugendliche verschwinden von zu Hause und aus Kinderheimen. Erwachsene oft aus Psychiatrien oder Altenheimen. Nach einiger Zeit tauchen sie dann meistens aber wieder auf.

Aus welchen Gründen verschwinden Menschen überhaupt?

Müller: Kinder packt oft die Abenteuerlust und sie verschwinden. Dies gilt auch für Jugendliche in der Pubertät. Bei den Erwachsenen handelt es sich oft um Menschen, die selbstmordgefährdet oder krank sind. Dazu kommen ältere Menschen, die aus Pflegeheimen verschwinden und sich dann nicht mehr orientieren können.

Humburg: In der Regel verschwinden Personen aus drei Gründen: Entweder sie haben einen Unfall, sie begehen Selbstmord oder haben ihren Lebensmittelpunkt verändert.

Gibt es Monate, in denen mehr Menschen verschwinden?

Müller: Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Aber natürlich sind die Ausreißer im Sommer länger von zu Hause weg, da es abends noch warm ist und sie so nicht immer das Bedürfnis haben, zurückkommen zu müssen.

Wie geht Ihre Dienststelle vor, wenn eine Person als vermisst gemeldet wird?

Humburg: Grundsätzlich ist es so, dass jede Polizeidienststelle eine Vermisstenanzeige aufnimmt. Wir leiten dann sofort eine Fahndung ein. Bei der Suche unterstützen uns Suchhunde, örtliche Feuerwehren und viele andere Hilfseinrichtungen. Übrigens: Eine 24-Stunden-Regel, von der immer gesprochen wird, gibt es nicht. Eine Vermisstenanzeige kann sofort und jederzeit aufgegeben werden. Bei der Suche unterscheiden wir dann aber, welche Personengruppen betroffen sind.

Was heißt das konkret?

Humburg: Bei einem sechsjährigen Mädchen leiten wir zum Beispiel sofort eine Großfahndung ein. Das hat den Grund, dass sich Kinder generell außerhalb ihres gewohnten Lebenskreises in ständiger Gefahr befinden. Dies gilt auch für Menschen, die zum Beispiel dringend medizinisch versorgt werden müssen oder aber ihre Medikamente nicht dabei haben. Natürlich gehen wir jeder Vermisstenanzeige nach, aber Erwachsene dürfen ihren Aufenthaltsort selbst bestimmen. Das ist vom Gesetz her vorgegeben. In solchen Fällen muss eine Gefahr für Leib oder Leben der erwachsenen Person vorliegen, damit überhaupt dieses Grundrecht eingeschränkt werden darf.

Wird die Suche irgendwann abgebrochen, wenn die Person nicht wieder auftaucht?

Müller: Bleibt eine Person vermisst, so bleiben auch die polizeilichen Ermittlungen bestehen. Die Suche nach Vermissten wird in der Regel nie gänzlich eingestellt.

Humburg: Es ist selbstverständlich, da sich die Angehörigen immer wieder bei uns melden und wissen wollen, ob es neue Erkenntnisse gibt. Bei einem vermissten Kind oder Jugendlichen werden die polizeilichen Maßnahmen intensiver geführt, da hier, wie gesagt, der Grund des Verschwindens ein anderer sein kann, zum Beispiel ein Gewaltverbrechen.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine vermisste Person wieder auftaucht?

Müller: In 99 Prozent der Vermisstenfälle wird deren Aufenthalt ermittelt bzw. kommen diese von alleine wieder zurück. Je länger die Person weg bleibt, umso größer ist leider die Wahrscheinlichkeit, dass die Person nicht mehr lebend gefunden wird. Aber wie schon gesagt: Es kann auch vorkommen, dass die Person ihren Lebensmittelpunkt ins Ausland verlagert hat und überhaupt nicht gefunden werden möchte.

Bei der Suche nach Verschwundenen arbeitet die Polizei auch mit den Medien zusammen. Warum ist das so?

Humburg: Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit größer, die Person zu finden. Bei einem gesuchten Kind schalten wir zum Beispiel sofort die Medien ein. Haben wir zudem Langzeitvermisste, wie zum Beispiel den 71-jährigen Mann, erhoffen wir uns durch unseren Aufruf neue Hinweise aus der Bevölkerung.

Müller: Wir sind auf die Bevölkerung angewiesen. Das ist ganz wichtig. Die Menschen sollten keine Hemmungen haben, bei dem kleinsten Verdacht, eventuell eine vermisste Person entdeckt zu haben, die Polizei zu rufen. Im Gegenteil: Wir sind für jeden Hinweis dankbar und gehen diesem selbstverständlich auch nach.


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