„Da waren wir den Tränen nah“

Hilfe  Mitarbeiter schenken Vater 3264,5 Überstunden, damit er sein schwerkrankes Kind unterstützen kann

3264,5 Überstunden haben Seidel- und Carus-Mitarbeiter, Firmeninhaber Andreas Ritzenhoff (r.), Pia Meier und Betriebsratsvorsitzender Kai Deuker (l.) gespendet und so dazu beigetragen, dass Andreas Graf zu Hause bleiben konnte, um seien schwer kranken Sohn zu unterstützen. (Foto: Wißner)

Als verschiedene Zeitungen im Januar 2017 berichteten, dass die 110 Mitarbeiter des Berliner Maschinenbauunternehmens „MTS-Systems“ 930 Überstunden für einen Vater mit seinem schwer kranken Sohn spendeten, damit dieser mehr Zeit mit seinem Kind verbringen kann, postete ein Mitarbeiter der in Fronhausen ansässigen Firma Seidel jene fünf Worte, die nun bundesweit eine Interessen- und Aufmerksamkeitswelle ins Rollen brachten.

Die rund 650 Mitarbeiter von Seidel und des Tochterunternehmen Carus hatten nämlich bereits im Januar 2017 ohne damit in die Öffentlichkeit zu gehen Andreas Graf aus Pohlheim insgesamt 3264,5 Überstunden geschenkt, damit sich der alleinerziehende Vater voll und ganz um seinen an Leukämie erkrankten Sohn Julius kümmern konnte.

Aktuell wird das Unternehmen deshalb vor Anfragen nur so überrollt. Es gaben sich am Montag die Fernsehteams des Hessenfernsehen und von RTL die Klinke in die Hand, um über diese außergewöhnliche Aktion zu berichten. Für Firmeninhaber Andreas Ritzenhoff und die für Personalangelegenheiten verantwortliche Pia Meier von der Geschäftsleitung gehöre diese Aktion „einfach zur Mitarbeiterverantwortung“.

„Da waren wir den Tränen nah. Wahnsinn wie sich das entwickelt hatte“, schildert der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Kai Deuker seine Eindrücke, als die ausgehängten Listen aus den Abteilungen zurückkamen. „Wir wollen ganz bewusst ein Gegengewicht bilden zu dem ausufernden kalten Kapitalismus draußen“, betont Firmeninhaber Ritzenhoff mit dem Hinweis, dass „hier alle ihren Job gut machen. Wir haben tolle Mitarbeiter und müssen uns auf dem Weltmarkt behaupten. Um dies zu erreichen muss auch das Zwischenmenschliche gelebt und erlebt werden.“

Allein 600 Überstunden hat Andreas Ritzenhoff mit seinem Führungskreis gespendet und so damit beigetragen, dass Andreas Graf 21 Monate bei voller Lohnfortzahlung zu Hause bleiben könnte. Graf selbst hatte seinen Jahresurlaub aufgebraucht und wollte seinen Arbeitgeber um eine unbezahlte Freistellung bitten.

Da kam ihm jedoch Pia Meier zuvor, die von einer Arbeitskollegin Grafs auf dessen Schicksal aufmerksam gemacht worden war. Diese plante gemeinsam mit Betriebsrat und Belegschaft von Seidel und dem dazugehörigen Tochterunternehmen Carus, die Überstundenaktion. Innerhalb von zwei Wochen kamen die 3264,5 Stunden zusammen. „Es ist schon erstaunlich zu sehen, wie die Mitarbeiter zusammenhalten, wenn es hart kommt. Wenn man die Listen sieht, teilweise haben Mitarbeiter 30 Stunden gespendet, und viele, die darauf angewiesen sind, haben einen oder zwei Tage gespendet. Es gab keinen, der nicht mitgemacht hat“, freute sich Deuker über den tollen Zusammenhalt der Mitarbeiter.

Es ist aber auch jene soziale Komponente, die das Unternehmen Seidel-Carus auszeichnet, ohne damit hausieren zu gehen. Wie zu erfahren war, wurde bereits vor einigen Jahren dem Mitarbeiter eines schwerstbehinderten Kindes ein behindertengerechter Wagen geschenkt. Einem anderen Mitarbeiter wurde nach einem Wohnungsbrand geholfen. Ebenso zehn Familien, denen die Unternehmensleitung bei der Entschuldung zur Seite stand.

Dieses über die eigentliche Unternehmenstätigkeit und Arbeitgeberverantwortung hinausgehende Engagement ist für Meier selbstverständlich. „Es geht hier darum Lasten von den Schultern der Mitarbeiter zu nehmen“, betont Meier. So wie vor einem Jahr bei Andreas Graf, der Tränen in den Augen hatte, als ihm die großzügige Unterstützung bewusst wurde.

Fast zweieinhalb Monate ist der damals dreijährige Julius während der Therapie im Krankenhaus ans Bett gebunden, darf dieses nicht verlassen. Weil er zwischenzeitlich nicht mehr laufen kann, findet er auf den Schultern seines Vaters einen Lieblingsplatz.

Julius muss seine Chemotabletten noch eine ganze Weile nehmen

Ende Oktober starb Julius Mutter an einem Herzleiden und Julius selbst musste aufgrund einer Infektion noch länger im Krankenhaus verweilen. Eigentlich wäre Graf noch neun Monate freigestellt, doch hatte sich dieser 1000 Überstunden auszahlen lassen, um seine Wohnung umzubauen, um seinen Sohn aus dem Krankenhaus zu sich zu holen.

Ende des Monats wird Julius, der sich gerne mit seinem Vater an dessen Arbeitsplatz umschaute, fünf Jahre alt. Beide blicken zuversichtlich in die Zukunft, auch wenn Julius seine Chemotabletten noch eine ganze Weile wird nehmen müssen.

Während sich Andreas Graf Ende des Monats auf die Rückkehr auf seinen Arbeitsplatz freut, freut sich Julius auf seinen Kindergarten in Lollar-Ruttershausen, wo ihm ein Platz freigehalten worden ist.


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