80 Chihuahuas in einem Haus: „Wir waren entsetzt“

HILFE  Tierheim Gießen vermittelt 40 in Haus eingesperrte Hunde

Hoffen auf ein schönes neues Zuhause: die Chihuahuas im Tierheim Gießen. (Foto: D. Weber)
Kuscheln ist angesagt: Sara Becker, Mitarbeiterin des Tierheims Gießen, mit den Chihuahuas. (Foto: D. Weber)
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Animal Hoarding: Tierheim Gießen vermittelt Chihuahuas

„Die Kleinen tauen immer mehr auf und gewöhnen sich langsam an das normale Leben“, berichtet Tierheim-Mitarbeiterin Sara Becker, als fünf der Hunde auf dem Hof pfeilschnell um sie herumwuseln. Für die Chihuahuas ist das eine völlig neue Situation: Jahrelang hielt sie ein Ehepaar in einem Haus, das die Tiere wohl fast nie verließen. Die Halter waren völlig überfordert. Umwelteinflüsse und ein normaler Hundealltag? Fehlanzeige.

Als eine Zwangsräumung des Hauses anstand, packte das Ehepaar Möbel und Hunde in einen Transporter. „Dann sind sie bei uns gelandet und wollten die Hunde abgeben. Sie haben von 15 bis 20 Tieren gesprochen. Als wir in den Transporter geschaut haben, waren wir alle sehr entsetzt“, erinnert sich Sara Becker.

Im ersten Facebook-Post, den der Tierschutzverein Gießen und Umgebung Mitte März absetzte, liest sich das so: „Welpen die ihre Mutter nicht finden konnten, hochtragende Hündinnen und völlig verängstigte Zwerge rannten bellend über den Tierheimhof.“ 7300 Mal wurde der Beitrag geteilt.

Vier Wochen liegt das nun zurück – seitdem ist viel passiert. Rund 500 E-Mails erreichten das Tierheim allein in den ersten Tagen. Hilfsbereitschaft gab es an allen Ecken und Enden – ob mit Geldspenden, Futter, selbst genähten Körbchen oder Halsbändern.

„Die Hilfswelle ist unglaublich. Wir sind froh, dass so viele Leute bereit waren, zu spenden“, betont Becker und berichtet: „Wir waren überhaupt nicht darauf vorbereitet. Weder die Menge an Futter, noch die Ausstattung haben wir hier in dieser Zahl.“ Weiterhin seien Spenden natürlich willkommen.

Schließlich blieben 40 der Tiere in Gießen – von Welpen mit geschlossenen Augen bis zur zehnjährigen Hündin. Die übrigen Chihuahuas kamen in Tierheimen in Alsfeld und Marburg unter.

Zu tun gab es allerhand: Die Tierheim-Mitarbeiter brachten die Chihuahuas in mehreren Zimmern und kleinen Gruppen unter. Die lange Zeit auf engem Raum hat Spuren hinterlassen: Viele der Hunde sind ängstlich und brauchen noch Zeit, um ihre Umwelt kennenzulernen. Als es etwa draußen regnete, war der Schreck groß – ebenso bei einem Windstoß.

„Alltägliche Sachen, die uns völlig normal erscheinen, sind für die Hunde sehr schwer zu verarbeiten“, erklärt Becker. Die Tiere gehen damit äußerst unterschiedlich um: Während manche noch völlig verängstigt in ihrem Zimmer sitzen, tollen andere quicklebendig über den Hof.

Körperlich geht es den meisten Hunden gut. Auch, wenn der tägliche Streit um Futter oder den besten Schlafplatz im ehemaligen Heim zu kleineren Verletzungen geführt hat. Eine Hündin hat eine alte, nicht behandelte und schief zusammengewachsene Beckenfraktur, die ihr das Laufen erschwert. Die starke Inzucht hat bei einigen der Chihuahuas teilweise Skelettverformungen zur Folge.

Seit Ende vergangener Woche hat das Tierheim nun begonnen, die Hunde zu vermitteln. Auch, wenn noch nicht alle Tiere dazu bereit sind. Die Vermittlung ist allerdings an einige Bedingungen geknüpft: Als Einzelhund sind die Chihuahuas nicht geeignet, da sie nur das Leben in einer großen Hundegruppe gewohnt sind.

„In solchen Fällen würden wir uns wünschen, dass Ämter mehr Unterstützung bereitstellen“

„Besser ist es für sie, zu einem souveränen Ersthund zu kommen oder gleich zu zweit auszuziehen“, sagt Becker. Auch von einem trubeligen Stadtleben seien die Hunde überfordert, weshalb ein neues Zuhause auf dem Land optimal wäre. „Man sollte sich vor allem am Anfang viel Zeit nehmen. Die Kleinen haben nie gelernt stubenrein zu sein. Das lernen sie jetzt bei uns langsam. Aber es muss noch viel Training investiert werden“, mahnt die Tierheim-Mitarbeiterin.

Fälle wie den in Marburg, in denen Menschen Tiere geradezu horten, beschreibt der Begriff „Animal Hoarding“. In diesem Ausmaß sei das glücklicherweise seltener. Die Anzahl häufe sich aber über die Jahre. Meist handele es sich um zehn bis 20 Katzen oder Hunde. Einen größeren Fall habe es vor acht Jahren in Grünberg gegeben – damals lebten über 80 Katzen in einem Haus. Die Hilfsbereitschaft sei mit dem aktuellen Fall aber nicht vergleichbar. „So etwas kann einen Tierschutzverein zerstören. Umso dankbarer sind wir“, sagt Becker.

Viele Fälle könnten schon frühzeitig verhindert werden, wenn Nachbarn oder Freunde aufmerksam seien und Auffälligkeiten rechtzeitig melden. „Wir würden uns aber auch wünschen, dass Ämter bei Animal-Hoarding-Fällen mehr Unterstützung bereitstellen“, hofft Sara Becker auf mehr Hilfe.

 

HINTERGRUND: ANIMAL HOARDING

Der englische Begriff „Animal Hoarding“ kann mit Tiersammel-Sucht oder Tierhorten übersetzt werden. Es beschreibt ein Krankheitsbild, bei dem Menschen Tiere in einer großen Anzahl halten, diese allerdings nicht mehr angemessen versorgen. Es fehlt an Futter, Wasser, Hygiene, Pflege und tierärztlicher Betreuung.

Die Halter erkennen nicht, dass es den Tieren in ihrer Obhut schlecht geht. „In Fällen von Animal Hoarding brauchen sowohl die Tiere als auch die Menschen dringend Hilfe“, schreibt der Deutsche Tierschutzbund auf seiner Homepage. (Quelle: tierschutzbund.de)


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